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Krachmacher für die Kurven

Vor 60 Jahren kamen neue Straßenbahnen aus Gotha. Sie bestimmten über Jahrzehnte das Görlitzer Stadtbild.

© Sammlung R. Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz. Zurzeit heißt es bei der Görlitzer Straßenbahn wieder einmal: Es fahren Busse als Schienenersatzverkehr. Früher dagegen war dieser Satz nur selten zu hören. Soweit es ging, lösten die Straßenbahner auch Umleitungen mit ihren Schienenfahrzeugen: Die Bahn fuhr bis zur Baustelle, die Fahrgäste liefen um diese herum und stiegen dort einfach in eine andere Bahn wieder ein – fertig. Solches Pendeln ging freilich nur, solange es Triebwagen gab, die Führerstände für beide Richtungen besaßen. Nicht immer notwendig, aber meist nützlich waren zudem Türen auf beiden Wagenseiten. Auch Begegnungen mit anderen Bahnen waren möglich, denn das Görlitzer Schienennetz besitzt noch heute an vielen Stellen Ausweichen und Gleiswechsel. An solchen Stellen konnten sogar Anhänger umgekuppelt werden, die ein Straßenbahner freilich nie so nennen würde: Offiziell heißt das Beiwagen.

Stars im Strampler aus Görlitz
Stars im Strampler aus Görlitz

So klein und doch das ganz große Glück: Wir zeigen die Neugeborenen aus Görlitz und Umgebung.

Eberhard Flaschel (r.) wurde als einer der ersten Fahrer von Fahrlehrer Haupt ausgebildet.
Eberhard Flaschel (r.) wurde als einer der ersten Fahrer von Fahrlehrer Haupt ausgebildet. © Sammlung R. Schermann
Straßenbahnen vom Typ ET57 bestimmten auch 1990 noch mit das Görlitzer Straßenbild. Als Fahrzeuge für beide Richtungen und Türen auf beiden Seiten waren sie nun vor allem bei Baustellen-Pendelverkehren unentbehrlich.
Straßenbahnen vom Typ ET57 bestimmten auch 1990 noch mit das Görlitzer Straßenbild. Als Fahrzeuge für beide Richtungen und Türen auf beiden Seiten waren sie nun vor allem bei Baustellen-Pendelverkehren unentbehrlich. © Sammlung R. Schermann

Solch stückweise Streckennutzungen waren bei Baustellen üblich, seit in Görlitz Straßenbahnen fahren. Da es ohnehin an den Endstellen keine Wendeschleifen gab, hatten alle Triebwagen zwei Führerstände. Zweirichtungswagen nennt man diese Bauart. Als solche kamen auch jene Fahrzeuge nach Görlitz, die vor nunmehr 60 Jahren das bis dahin bestimmende Bild der kantigen Wumag-Straßenbahnen ablösen sollten. Der Wechsel hatte sich ab 1956 schon mit drei Triebwagen des in Gotha gebauten Typs ET54 angedeutet, bauchig-gemütlich erscheinenden und doch ziemlich wuchtigen Straßenbahnen, die den Görlitzer Fahrgästen seit 1882 erstmals Polster- statt Holzsitze anboten. Mit dem schmaleren und eleganteren Typ ET57 aber dominierten Gothaer Zweirichtungsfahrzeuge bald das Bild des Görlitzer Nahverkehrs. Zwölf Trieb- und elf Beiwagen übernahmen den Linienverkehr, die früheren alten Wumag-Trams traten in den Hintergrund, blieben aber weiter im Dienst, denn für die Zehn-Minuten-Taktfolgen auf den damaligen Strecken nach Biesnitz, Rauschwalde, dem Bezirkskrankenhaus, Weinhübel und einige Jahre auch noch zur Stadthalle reichten selbst die vielen Neuen noch nicht gleich aus. Zudem wurden sie erst schrittweise in Görlitz eingeführt, wenige als Neubaufahrzeuge, die meisten als Übernahmen von anderen Verkehrsbetrieben.

Nach den drei Gothaer Vorläufern erhielt der 1957 gebaute erste Görlitzer Triebwagen des Typs ET57 die Wagennummer 4. Im März 1958 wurde er auf die hiesigen Gleise gestellt und unternahm zunächst Präsentations-, Probe- und Schulungsfahrten. Die Fahrer mussten ein wenig umlernen, nicht nur vom bisher üblichen Steh- auf den nun sitzend zu nutzenden Führerplatz, vor allem galt es, die für sie ungewohnten neuartigen Kupplungen der Bauart Scharfenberg zu beherrschen. Mit einer Sonderfahrt am 30. April 1958 wurde die Inbetriebnahme offiziell vorgenommen, die erste Fahrt im öffentlichen Einsatz, versehen mit dem 1958 gebauten Beiwagen Nummer 56, erfolgte am 1. Mai.

Für die Görlitzer wurde das Ereignis auf Jahrzehnte hinaus in Kurven unüberhörbar: Die Gotha-Zweirichtungswagen brachten das markante, schrille Kurvenquietschen in die Stadt. Es entstand, weil die Achsabstände etwas größer als bei den Wumags waren. Selbst die DDR-Fernsehreihe „Außenseiter – Spitzenreiter“ bekam das mit und drehte in Görlitz um 1975 an der Ecke Bautzener-/Landeskronstraße Sequenzen für den Beitrag „Welche DDR-Straßenbahn quietscht am schönsten?“

Die ET57-Bahnen besaßen 22 Sitzplätze, dazu 65 Stehplätze. In den Beiwagen waren es wegen der dort fehlenden Fahrerkabinen noch knapp 20 Stehplätze mehr. Werksseitig trugen einige der fast elf Meter langen Triebwagen auch die Typenkennung ET59, doch diese Weiterentwicklung bezog sich lediglich auf Details, etwa Haltegriffe, Zierleisten oder die in Görlitz ohnehin so gut wie nie benutzten Lautsprecher. Der „normale“ Fahrgast bemerkte jedenfalls gar keine Unterschiede.

Der erste dieser Görlitzer Wagen, also die Nummer 4, ging 1992 nach Jena, fuhr dort noch lange als Wagennummer 109 und wurde 2003 schließlich auf einem Campingplatz abgestellt. Der Hänger 56 fuhr in Görlitz 1992 zum letzten Mal, 1993 wurde er verschrottet. Überhaupt endete 1992 der Einsatz vom Typ ET57, fast alle Triebwagen gingen nach Jena, zwei Anhänger waren zuvor nach Schöneiche verkauft worden. Von Jena aus wiederum fanden Triebwagen sogar noch exotische Einsatzorte: Der ehemalige Görlitzer Wagen 6 kam zur Nostalgiebahn Kärnten, einst in Görlitz als Nummern 9, 14 und 19 rollende Triebwagen fuhren ab 2006 in Istanbul.

In Görlitz folgte eine dritte Generation neuer Fahrzeuge. Ab Mitte der 1960er Jahre gingen die Wendeschleife Virchowstraße und das Wendedreieck Landeskrone in Betrieb, sodass nun Einrichtungsfahrzeuge folgen konnten. Da die gesamten Züge wendeten und somit nur noch in eine Richtung gefahren wurde, reichte eine Fahrerkabine aus. Die zunächst aus Gotha, dann aus Prag kommenden Wagen vom Typ T2 hatten demzufolge auch nur noch auf einer Wagenseite Türen. Fahrgäste erinnern sich bestimmt auch noch an das typische Merkmal in den Führerständen – statt einer traditionellen Kurbel gab es nun hoch modern eine Art Lenkrad. Die vierte und bislang letzte Generation das Görlitzer Stadtbild bestimmender Straßenbahnen besteht ebenfalls aus Einrichtungswagen. Prager Kurzgelenktriebwagen KT4D bedienen seit Mitte der 1980er Jahre und mittlerweile typenrein Tag für Tag die beiden Görlitzer Tram-Strecken.

Ein Problem bekommen solche Einrichtungszüge nun eben stets bei Situationen außerhalb des normalen Fahrplanes. Pendelverkehre funktionieren im Baustellenverkehr nicht mehr, sodass auch Baustellen an kurzen Gleislücken lange Fahrten mit Ersatzbussen erfordern. Wenigstens zur Erinnerung war aber durchaus mal daran gedacht, den Triebwagen Nummer 8 (Baujahr 1960) und den Beiwagen 67 (Baujahr 1958) zu erhalten. Sie sollten einmal die jetzigen drei historischen Fahrzeuge (Pferdebahn von 1882, Triebwagen von 1897 und Wumag-Wagen von 1927) als Traditionszug ergänzen. Leider blieb dieses Ziel ebenso unerreicht, wie einige Jahre zuvor dem Wumag-Oldtimer einen zeittypischen Anhänger zu bewahren. 2002 kam dann auch der letzte Rest der vor 60 Jahren modernen Straßenbahn-Ära in Görlitz unter die Schrottpresse.