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Krähenjagd fällt aus

Der Bestand der Zittauer Saatkrähen ist in Gefahr. Mehr aber fürchtet die Stadt deren Hinterlassenschaften.

Von Jan Lange

Seinem schlechten Ruf als Krähen-Klo wird der Weg zum Großen Fastentuch nicht mehr gerecht. Nur gut ein Dutzend Nester haben die Saatkrähen auf den Bäumen rund um das Museum gebaut, ein paar wenige weiße Kot-Kleckse zieren den Fußweg durch die kleine Parkanlage. Mit der Situation vor einigen Jahren ist das nicht mehr zu vergleichen. Die Museumsbesucher mussten sich mit Regenschirmen vor dem Krähen-Kot schützen. „Für uns ist das heute kein Thema mehr“, erklärt eine Mitarbeiterin des Fastentuch-Museums.

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Auch das Landratsamt sieht keinen Grund mehr, gegen die Krähen vorzugehen. Der Stadt Zittau wurde jetzt untersagt, die Krähen von dem Standort zu verjagen. Denn die Zahl der Nester und Brutpaare, die von ehrenamtlichen Ornithologen und den Mitarbeitern der Naturschutzbehörde erfasst werden, habe sich in den vergangenen drei Jahren um mehr als die Hälfte verringert. Noch 2010 wurden in Zittau 510 Nester gezählt, sagt Gerd Hummitzsch von der Unteren Naturschutzbehörde. 2012 wurde eine Verringerung auf rund 400 Nester registriert, was auch das Ergebnis einer populationsbedingten Bestandsschwankung sein kann. „Der im Frühjahr 2014 festgestellte Bestand von 206 Nestern in Zittau belegt eindeutig einen signifikanten Rückgang des Bestandes der Saatkrähe“, so Hummitzsch. In den Lebensraum darf nur dann eingegriffen werden, solange der Krähenbestand an sich nicht in Gefahr ist.

Genau das befürchtet die Naturschutzbehörde und lehnte den Antrag der Stadtverwaltung ab. Die Stadt hatte die erneuten Maßnahmen mit der Belästigung der Touristen und Besucher der Fastentuchausstellung sowie möglichen gesundheitlichen Gefahren für den Menschen begründet. Beides sei vom Landratsamt als zumutbar eingestuft worden, teilt Zittaus Pressesprecher Kai Grebasch mit. In Zittau gab es bislang so viele Saatkrähen wie in kaum einer anderen Stadt. Saatkrähen sind komplett schwarz, haben einen grauen Schnabel und sind etwas größer als andere Krähen. Nach der EU-Vogelschutzrichtlinie handelt es sich bei ihnen um eine besonders geschützte Tierart, erklärt Hummitzsch.

Im Gegensatz zu anderen Arten bilden die Saatkrähen Kolonien. Hunderte Vögel hatten sich rund um das Fastentuchmuseum angesiedelt. Nicht nur Museumsbesucher, sondern auch Anwohner fühlten sich durch Kotdreck und Lärm massiv gestört. Die Hinterlassenschaften der Krähen verschmutzten aber nicht nur den Gehweg, der Kot griff auch den Sandstein der historischen Grabsteine auf dem Kreuzfriedhof an. Aus diesem Grund verschoss die Stadtverwaltung im Umkreis des Eingangsgebäudes Knallmunition, entfernte Äste und teilweise ganze Nester, um die Krähen zu vertreiben. „Man kann genauso Startklatschen verwenden oder Ballons fliegen lassen, die die Form eines Greifvogels haben“, sagt Uwe Pietschmann, Leiter des Zittauer Bürgeramtes. Wenn sich die Krähen gestört fühlen, können sie mit dem gesamten Nest umziehen. Derartige Vergrämungsmaßnahmen sind allerdings nur in einem sehr engen Zeitfenster von etwa drei Wochen möglich, sagt Pietschmann. Spätestens mit Beginn der Eiablage müssen sie gestoppt werden. Je nach Wetterverhältnissen beginnen Saatkrähen Ende April Eier zu legen.

Die Maßnahmen scheinen Erfolg zu haben, denn auf den beiden direkt am Museumseingang stehenden Bäumen haben die Krähen kein einziges Nest gebaut. Alle Nester befinden sich auf den Bäumen weiter hinten. Sollte sich der Bestand der Saatkrähen wieder deutlich vergrößern, dann kann die Stadtverwaltung einen neuen Antrag bei der Naturschutzbehörde stellen, die ungeliebten Vögel zu verjagen.

Dass die Aktionen gegen die Krähen dann genehmigt werden, darauf kann sich die Stadt nicht verlassen. Aus Sicht der Vögelschützer könnten sowohl der Fußweg am Museum als auch die alten Grabsteine überdacht werden. Derartige Umbauten wurden in der Stadtverwaltung auch diskutiert, aber als zu teuer verworfen. „Die Saatkrähe, die auch im gesamtsächsischen Bestand rückläufig ist, ist ein einzigartiges Naturgut und sicher nicht weniger kostbar als andere Arten“, findet Hummitzsch.