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Krätzefälle im Dresdner Kindernotdienst

Das Jugendamt muss wegen Drogen und Gewalt immer öfter eingreifen. Doch es hat selbst einige Probleme.

In einer speziellen Einrichtung betreut der Dresdner Kindernotdienst Mädchen und Jungen, deren Eltern sich nicht angemessen um sie kümmern.
In einer speziellen Einrichtung betreut der Dresdner Kindernotdienst Mädchen und Jungen, deren Eltern sich nicht angemessen um sie kümmern. © dpa

Viele kleine Kinder, die betreut werden müssen, zu wenig Personal und mehrere Fälle von Krätze: Die Situation im Kinder- und Jugendnotdienst ist sehr angespannt. In diesen Räumen werden Mädchen und Jungen untergebracht, die vom Jugendamt aus ihren Familien genommen werden müssen. 

Nach SZ-Informationen kam es dort zu Krätze-Fällen bei Kindern und Mitarbeitern. Die Stadt bestätigt das auf Nachfrage, will aber die genaue Zahl der Fälle nicht nennen – aus Datenschutzgründen. „In der Vergangenheit waren zwei Kollegen betroffen und präventive Behandlungsmaßnahmen bei allen Beschäftigten einmal erforderlich“, so Diana Petters aus dem Presseamt. Insgesamt gab es laut Gesundheitsamt schon 599 Krätze-Fälle in Dresden. Die hochansteckende Hautkrankheit wird durch Parasiten, die Krätzmilben, verursacht und verbreitet sich durch Hautkontakt.

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Wie viele Kinder müssen vom Notdienst betreut werden?

Aktuell werden 20 Mädchen und Jungen betreut. Die Mitarbeiter kämpfen mit der großen Herausforderung, die die aktuelle Entwicklung mit sich bringt. Denn die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die aus ihren Familien geholt werden müssen, steigt. Waren es im Jahr 2010 noch 376 Kinder, musste das Jugendamt Dresden 2018 schon 453 in Obhut nehmen. Mit diesen Werten erhöht sich auch die Zahl der Pflegekinder. Derzeit sind es rund 345 Minderjährige in 293 Familien. Bevor das Jugendamt eingreift, bekommen die Familien Hilfe.

Warum muss das Jugendamt die Kinder aus den Familien holen?

Die Gründe, warum die Mädchen und Jungen nicht mehr in ihrer eigenen Familie leben können, seien vielfältig, so das Sozialamt. Sie reichen von Überforderung, Krankheit, Gewalt bis hin zu Suchtproblemen. Besonders groß ist der Anstieg der crystalsüchtigen Eltern. Fällt eine abhängige Mutter in der Schwangerschaft auf, handelt das Jugendamt sofort und führt Gespräche mit Eltern und Ärzten.

Wie ist die Personalsituation im Notdienst?

Derzeit sind laut Jugendamt vier Stellen nicht besetzt. Im Sommer wurden sogar Aufrufe an die Rathaus-Mitarbeiter gestartet, wer aushelfen kann. So konnte damals theoretisch sogar ein Angestellter aus dem Umweltamt mit den zum teil schwer traumatisierten Kindern arbeiten. Die Bedingung: er hat ein polizeiliches Führungszeugnis und wird von einem erfahrenen Mitarbeiter unterstützt. Ein aktuell zusätzliches Problem für die 42 Mitarbeiter im Notdienst: Es sind momentan mehrere kleine Kinder da, manche erst ein Jahr alt. Diese brauchen Tag und Nacht eine besonders intensive Betreuung. Durch die Personalnot müssen die Kinder mit oft wechselnden Bezugspersonen klarkommen. Für die Kleinen, die es durch den Bindungsabbruch zu ihren Eltern schwer g haben, eine enorme Belastung. „Inobhutnahmen bei Kleinkindern sind gravierende Einschnitte in die Biografien und Lebenswelten kleiner Kinder“, so Jugendhilfeausschuss-Mitglied Melanie Hörenz. Geschützte Räume und personelle Kontinuität seien deshalb zwingend erforderlich.

© Sven Ellger

Warum ist die Personalsuche  so schwierig?

Jugendamtsleiterin Sylvia Lemm kümmert sich mit Hochdruck um Lösungen. Doch die Arbeit im Schichtdienst im Notdienst ist körperlich und emotional anstrengend. Sozialarbeiter, gerade wenn sie selbst Kinder haben, suchen sich oft andere Stellen. Außerdem werden die Mitarbeiter im Notdienst schlechter bezahlt als beispielsweise die im Allgemeinen Sozialen Dienst. Ein Angleich ist laut Stadt aber nicht vorgesehen. „Wir wenden den Tarifvertrag an. Eine Angleichung ist demnach rechtlich nicht zulässig“, so die Stadt.

Wie können Lösungen für die angespannte Lage aussehen?

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Eigentlich sollen kleine Kinder, die in Obhut genommen werden müssen, nicht im Notdienst, sondern in Bereitschaftspflegefamilien unterkommen. Diese Eltern auf Zeit sind darauf spezialisiert, Kinder in so einer Extremsituation aufzunehmen. Doch auch hier sucht das Jugendamt dringend Familien, die sich akut um die Mädchen und Jungen kümmern können. 2018 wurden insgesamt 64 Kinder in solchen Familien untergebracht, davon 53 bis zu drei Jahren und 13 Säuglinge direkt nach der Geburt im Krankenhaus. Grünen-Stadträtin Tina Siebeneicher sieht noch weitere Lösungen: „Es braucht mehr Wertschätzung für diese Arbeit im Notdienst, ein Paket an Fort- und Weiterbildungen, vor allem für die Säuglingsbetreuung und einen guten Personalmix.“ So könnten auch Erzieher angeworben werden. Dorothee Marth, die für die SPD im Jugendhilfeausschuss sitzt, fordert einen besseren Personalschlüssel, wenn sich abzeichnet, dass mehr Kleinkinder in Obhut genommen werden müssen.

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