merken
PLUS Leben und Stil

Krank, aber trotzdem im eigenen Heim

Ein Rückenmarksinfarkt hat das Leben von Familie Weißbach aus dem Erzgebirge verändert. In solchen Fällen hilft der Freistaat beim Umbau des Wohnraums.

In die zweite Etage ihres Hauses geht es nun per Treppenlift: Sieghard und Sylvia Weißbach aus Burkhardtsdorf in ihrem Flur.
In die zweite Etage ihres Hauses geht es nun per Treppenlift: Sieghard und Sylvia Weißbach aus Burkhardtsdorf in ihrem Flur. © Eric Fresia

Es war am Faschingsdienstag. Sylvia Weißbach ging an diesem Februartag, wie sonst auch, ihrer Arbeit als Hauswirtschafterin in einem Pflegeheim nach, als sie plötzlich ein leichtes Ziehen im Rücken spürte. Ihr wurde übel, der Schweiß brach aus, beim Treppensteigen brach sie zusammen. „Als ich aufstehen wollte, merkte ich schon, dass etwas mit meinen Beinen nicht stimmte“, erzählt die 60-Jährige. Der Rettungsdienst brachte sie sofort in die neurologische Klinik nach Aue. Die Diagnose: Rückenmarksinfarkt. Sylvia Weißbach ist von der Bauchmitte abwärts gelähmt und von einem Augenblick auf den anderen an den Rollstuhl gefesselt. Ziemlich genau ein halbes Jahr ist das jetzt her. Ihr Mann Sieghard und sie erinnern sich genau an diesen Tag.

Seit 24 Jahren lebt das Ehepaar in seinem hübschen Haus mit drei Etagen in Burkhardtsdorf, rund 20 Kilometer südlich von Chemnitz. Gemeinsam haben sie in dieser Zeit viel Mühe und Liebe auch in den Garten nebenan gesteckt. „Ein Leben lang haben wir darauf hingearbeitet, dass wir als Rentner hier zusammen schön leben können“, sagt Sieghard Weißbach. Diesen Traum wollen beide auch nicht aufgeben, als der Schicksalsschlag ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt hat. Sie mussten umdenken und zügig handeln, wenn sie trotz Handicap in ihrem lieb gewonnenen Zuhause bleiben wollten.

Anzeige
Trendmarken in der Centrum Galerie
Trendmarken in der Centrum Galerie

Auch die Centrum Galerie ist mit vielen internationalen Marken und lokalen Händlern bei der langen Nacht des Shoppings dabei.

Ein Zuschuss, kein Darlehen

Finanzielle Hilfe erhielten die Weißbachs vom Freistaat. Mit dem Förderprogramm „Wohnraumanpassung“ werden in Sachsen Umbaumaßnahmen zur Barrierefreiheit bezuschusst. Seit Programmstart im Mai 2017 konnten 2.270 Baumaßnahmen gefördert werden. 12,7 Millionen Euro wurden nach Angaben der Sächsischen Aufbaubank (SAB) bereits ausgezahlt. „Ziel ist es, dass Menschen in ihrem Wohnraum bleiben können, wenn sie in ihrer Mobilität eingeschränkt sind“, sagt Ralph Beckert, Geschäftsführer des Sozialverbandes VdK Sachsen. Der wichtigste Unterschied zu anderen Programmen: Es handelt sich eben nicht um ein Darlehen.

Am häufigsten genutzt wurde das Programm bislang für den Umbau von Bädern, insbesondere für den Einbau ebenerdiger Duschen. Gefördert werden aber zum Beispiel auch abschließbare Boxen zur Unterbringung von Rollstühlen und Rollatoren vor dem Wohnhaus.

„Wir sind glücklich, dass es den Zuschuss gibt. Aus unserem Haus auszuziehen, wäre für uns die allerletzte Option gewesen“, sagt Sieghard Weißbach. Aufopferungsvoll kümmerte sich der 64-Jährige um den nötigen Umbau, recherchierte stundenlang im Internet nach Möglichkeiten und Hilfsmitteln, suchte Bau- und Sanitärfirmen, kontaktierte Beratungsstellen – während seine Frau in der Reha das neue Leben mit einem Rollstuhl lernte. „Es musste ja alles fertig sein, bis sie nach Hause zurückkam“, so Weißbach. Neben dem Einbau eines Treppenlifts im Flur, mit dem Sylvia Weißbach nun in die zweite Etage zum Schlafzimmer kommt, ließ das Paar das Bad im Erdgeschoss barrierefrei herrichten. Das WC ist nun rollstuhlgerecht, ebenso wie das Waschbecken, das unterfahrbar ist. In der Dusche ist ein Sitz installiert, auch die Badtür wurde für den Rollstuhl verbreitert. Von den 25.000 Euro Gesamtkosten übernimmt der Freistaat Sachsen 20.000 Euro.

Rollstuhlgerecht: Im umgebauten Bad hat Sylvia Weißbach mehr Bewegungsfreiheit.
Rollstuhlgerecht: Im umgebauten Bad hat Sylvia Weißbach mehr Bewegungsfreiheit. © Eric Fresia

Große Unterstützung für den Förderantrag, der bei der Sächsischen Aufbaubank gestellt werden muss, fand Sieghard Weißbach beim VdK in Chemnitz, eine Beratungsstelle für die „Wohnraumanpassung“. Dort erfuhr er von der wichtigsten Voraussetzung für den Zuschuss: Der Zugang zum Haus beziehungsweise zur Wohnung muss auch bei eingeschränkter Mobilität immer möglich sein. Sieghard Weißbach fand eine rollstuhlgerechte Lösung: Damit seine Frau die Eingangstür des Hauses weiterhin erreichen kann, verlegte er auf dem Weg von der Straße bis zum Haus neue Platten.

Zum Vergleich nennt Ralph Beckert ein Beispiel, bei dem die Förderung eines Badumbaus nicht möglich ist: Eine Großfamilie lebt zusammen in einem Haus, die betagten Eltern im Obergeschoss. Aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen ist es den Eltern kaum mehr möglich, zum einen die Treppen zur Hauseingangstür, zum anderen die Stufen nach oben zu bewältigen.

Ebenso entscheidend für den Antrag ist die Größe der Wohnfläche. So dürfen in einer Mietwohnung mit zwei Personen 80 Quadratmetern nicht überschritten werden. Bei Eigentumswohnungen liegt die Obergrenze bei 90 Quadratmetern, im Eigenheim bei 100 Quadratmetern. Nur in Ausnahmefällen können diese Richtwerte überschritten werden. Laut SAB sei das insbesondere der Fall, wenn mit einem Umzug in eine kleinere Wohnung eine höhere Miete zu zahlen oder wegen der Einschränkungen eine größere Wohnung erforderlich wäre.

Maximal 8.000 Euro Förderung

Genutzt werden kann das Programm sowohl von Eigentümern als auch Mietern, egal ob alt oder jung, ob mit Pflegegrad oder ohne – soweit glaubhaft nachgewiesen wird, dass mindestens ein Bewohner auf Dauer in seiner Mobilität eingeschränkt ist. Das kann beispielsweise auch nach einer Hüft- oder Knie-Operation der Fall sein. „Wer in einer Mietwohnung lebt, benötigt für den Antrag die Zustimmung des Vermieters“, sagt Beckert. Dieser müsse zudem erklären, dass die Umbauten bei einem Auszug nicht wieder zurückgebaut werden müssen. Laut Beckerts Beobachtung würden viele Vermieter das Programm mittlerweile kennen und ihm offen gegenüberstehen.

„Auch Sanitär- und Baufirmen machen Kunden mittlerweile gezielt auf den Zuschuss aufmerksam.“ Das schlägt sich in den Beratungszahlen nieder. Der VdK verzeichnete im ersten Halbjahr 40 Prozent mehr Nachfragen als im selben Zeitraum 2019. „Der Aufwand bei der Antragstellung ist wirklich gering. Seit diesem Jahr muss auch lediglich noch ein Kostenvoranschlag bei einer Baufirma eingeholt werden“, erklärt Beckert.

Die Förderung beträgt 80 Prozent der Umbaukosten, maximal jedoch 8.000 Euro. Bei barrierefreiem Wohnraum für Rollstuhlfahrer liegt der Zuschuss ebenfalls bei 80 Prozent, hier sind maximal aber 20.000 Euro möglich. Wer Leistungen der Grundsicherung oder Wohngeld bezieht, kann auch 100 Prozent der Kosten erstattet bekommen. Erhalten Pflegebedürftige Geld von der Pflegekasse für „Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfeldes“, wird dies angerechnet.

Umbau erst, wenn der Förderantrag eingegangen ist

Ein Rechenbeispiel: Die Baumaßnahme kostet 10.000 Euro, der Zuschuss von der Pflegekasse beträgt 4.000 Euro. Damit sind 6.000 Euro förderfähig. 80 Prozent davon sind 4.800 Euro – der Eigenanteil liegt also bei 1.200 Euro.

Wichtig zu wissen: Mit dem Umbau darf erst begonnen werden, wenn der Förderantrag bei der SAB eingegangen ist. „Das sollte man sich auch bestätigen lassen“, rät Beckert. Dann heißt es Warten auf den Bescheid oder aber bereits mit dem Umbau loslegen. In diesem Fall handelt man zwar erst einmal auf eigenes Kostenrisiko, doch die Ablehnungsquote ist sehr gering. Nicht zuletzt, weil vor der Antragstellung zwingend eine der Beratungsstellen in Chemnitz, Dresden oder Leipzig zu beteiligen ist.

Noch sind die Handgriffe etwas ungelenk, wenn Sieghard Weißbach seiner Frau vom Rollstuhl in den Treppenlift herüberhilft. Zu neu, zu ungewohnt sind sie. Vielmehr beschäftigt das Ehepaar noch immer die Frage nach dem Warum. Warum sie? Eine Antwort darauf gibt es nicht. „Wir versuchen, mit der Situation umzugehen. Aber es ist ein täglicher Kampf“, sagt Sylvia Weißbach. Und damit meint sie nicht nur den Lift, sondern vielmehr auch die körperlichen Einschränkungen und Veränderungen bei ihr, die niemand sieht. Anfangs hätten beide tagelang geweint.

In den vergangenen 17 Jahren hat das Paar am „FichKona“ teilgenommen, einem Radmarathon vom Fichtelberg bis zum Kap Arkona an der Ostsee. Die 20 Jahre wollten sie ursprünglich noch vollmachen. „Wenn auch nicht mit dem Rad, aber irgendwie will ich unbedingt noch mal dabei sein“, sagt Sylvia Weißbach. Die 60-Jährige hat ihren Lebensmut nicht verloren: „Ich möchte gern alles so weitermachen können wie früher, auch wenn ich mich anders darauf einstellen muss.“

Hier gibt es finanzielle Hilfe:

Weiterführende Artikel

„Manche Ärzte suchen so lange, bis sie etwas finden“

„Manche Ärzte suchen so lange, bis sie etwas finden“

Das deutsche Gesundheitssystem ist krank, sagt Orthopäde Martin Marianowicz. Welche Therapie schlägt er vor?

Warum ein Platz im Pflegeheim immer teurer wird

Warum ein Platz im Pflegeheim immer teurer wird

Ein Beispiel aus Chemnitz zeigt, wie rasant sich die Kosten für einen Pflegeplatz entwickeln. Und was das Heim dazu sagt.

Sachsen sucht ausländische Pflegekräfte

Sachsen sucht ausländische Pflegekräfte

Das Personal im Freistaat ist knapp. Auf der Suche nach neuem gibt es Vereinbarungen mit Mexiko und Vietnam. Nun richtet sich der Blick nach Südamerika.

  • Ein barrierefreier Umbau ist nicht günstig. Schon nur der Einbau einer bodengleichen Dusche kann bis zu 5.000 Euro kosten. Für ein komplettes senioren- und pflegefreundliches Badezimmer werden oft fünfstellige Beträge fällig. Möchte jemand eine finanzielle Förderung für den Umbau nutzen, darf er erst mit der Baumaßnahme beginnen, wenn die Finanzierung geklärt ist.

  • Wer einen Pflegegrad hat, erhält Geld von der Pflegekasse und muss den Umbau in der Regel nicht selbst bezahlen. Ab Pflegegrad eins zahlt die Pflegekasse bis zu 4.000 Euro pro Pflegebedürftigem. Insgesamt ist eine Fördersumme von bis zu 16.000 Euro pro Haushalt drin. Auch Einzelumbauten wie Haltegriffe übernimmt eventuell die Pflegekasse, wenn ein entsprechendes Rezept vom Arzt vorliegt.

  • Für das Förderprogramm „Wohnraumanpassung“ muss zwingend eine Beratungsstelle kontaktiert werden. Es gibt drei: Sozialverband VdK Sachsen, Elisenstraße 12 in Chemnitz, Tel. 0371/33400; Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Sachsen, Michelangelostraße 2 in Dresden, Tel. 0351/4793500 und der Behindertenverband Leipzig, Bernhard-Göring-Straße 152 in Leipzig, Telefon: 0341/3065120

  • Auch verschiedene Darlehen der Sächsischen Aufbaubank gemeinsam mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) können beim barrierefreien Umbau weiterhelfen. Das Programm „Altersgerecht Umbauen“ unterstützt etwa Maßnahmen wie Badumbau oder Überwindung von Stufen mit bis zu 50.000 Euro je Wohneinheit. Der effektive Jahreszins liegt aktuell bei 0,78 Prozent. „Seniorengerecht Umbauen“ heißt ein Programm, mit dem Eigentümer ihren Mietwohnraum an den Bedarf von älteren Menschen anpassen können. Es muss sich jedoch um ein Wohngebäude mit mehr als zwei Mietwohnungen handeln. Gefördert werden unter anderem ein barrierefreier Zugang, Schwellenfreiheit oder der Einbau von bodengleichen Duschen. (rnw)

www.sab.sachsen.de

Mehr zum Thema Leben und Stil