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Krankenhäuser sollen Rettungsdienst retten

Die Staatsregierung will mit Klinikärzten den Personalmangel bekämpfen. Doch geht das praktisch überhaupt?

Von Peter Anderson

Es ist ein Albtraum. Der Notarzt wird zu einem Rettungsfall herbeigerufen. Schmerzhafte Koliken oder gar ein Herzinfarkt müssen dringend behandelt werden. Doch der Arzt lässt auf sich warten. Immer wieder muss die Leitstelle vertrösten. Es gebe einfach zu wenig Personal, lautet die Auskunft.

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Besonders im Raum Riesa kann dieser Albtraum mittlerweile schnell Realität werden. „Die Lage dort ist kritischer als in der Region um Großenhain, wo das Problem erstmals auftauchte“, sagt die Landtagsabgeordnete Kerstin Lauterbach von der Partei Die Linke. In ihrer Fraktion hat sie sich auf Gesundheitspolitik spezialisiert und beobachtet sei Jahren sehr genau, wie sich die Situation auf diesem Gebiet im Landkreis entwickelt. In Riesa werde aktuell versucht, den Personalmangel mit Hilfe von Honorarärzten von außerhalb des Landkreises einzudämmen, sagt Kerstin Lauterbach. Das könne allerdings nur eine kurzfristige Lösung sein, da das Verschieben des Personals wiederum Löcher in anderen Regionen aufreist.

In der Sächsischen Staatsregierung wird deshalb ein radikaler Vorschlag diskutiert. Demnach sollen Krankenhäuser mit Notfallmedizin verpflichtet werden, Ärzte für den Rettungsdienst zu stellen. Die Kliniken würden dafür finanziell entschädigt. Ein erster Gesetzesentwurf liegt vor.

Im Landkreis Meißen wäre von einer solchen Notarztpflicht vor allem das Elblandklinikum mit seinen drei großen Häusern in Radebeul, Meißen und Riesa betroffen. Vorstand Frank Ohi kann das Anliegen zwar verstehen, fragt sich jedoch, wie es praktisch umgesetzt werden soll. So müssten die Krankenhäuser für den Einsatz ihres Personals als Notärzte einen finanziellen Ausgleich erhalten. Das sei vorab zu klären. Grundsätzlich hätten die Kliniken den Auftrag, Patienten stationär zu versorgen. Ohi verweist gleichzeitig darauf, dass sein Unternehmen sich bereits jetzt am Rettungsdienst beteiligt, allerdings auf der Basis der Freiwilligkeit. Die Mitarbeiter könnten dies selbst entscheiden. Der Vorstand plädiert zudem dafür, für einzelne Regionen in Sachsen individuell zugeschnittene Modelle zu entwickeln. So seien die Probleme im Raum Zwickau und Chemnitz ganz andersgeartet als im Landkreis Meißen.

Ähnlich skeptisch wie Ohi äußert sich Thomas Gey, der Vorsitzender der SPD-Fraktion im Meißner Kreistag, der im Aufsichtsrat der Elblandkliniken sitzt. Die Ärzte in den Krankenhäusern Riesa, Radebeul und Meißen seien bereits jetzt durch viele Arbeitsstunden stark belastet. Wo solle das hinführen, wenn dazu der zwangsweise Einsatz im Rettungsdienst komme. Er halte nichts davon, das bisher geltende Prinzip der Freiwilligkeit durch Zwang zu ersetzen.

Täglich mit den Problemen im Rettungsdienst beschäftigt ist Markus Cording, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Notärztliche Versorgung. Die Geschäftsstelle der Arge organisiert im Auftrag der Krankenkassen den Rettungsdienst im Freistaat. Cording zufolge haben Sachsen und der Landkreis Meißen ausreichend Mediziner mit notärztlicher Qualifikation. Die meisten von ihnen arbeiteten in Krankenhäusern. „Es ist gerade im Landkreis Meißen ein Paradoxon, dass wir Notärzte in den Kliniken haben, die aber nicht an allen Standorten des Landkreises zum Einsatz kommen und auswärtige Honorarärzte einspringen müssen“, sagt Cording. Über drei Jahre habe der – letztlich ergebnislose – Verhandlungsmarathon zwischen den Krankenkassen und den Elblandkliniken gedauert. Dessen Ziel sei es gewesen, den Notarztdienst an den Standorten in Riesa und Großenhain abzusichern. Arbeitsgemeinschaft und Kliniken wären jedoch zu keinem Ergebnis gekommen.

Die CDU-Gesundheitspolitikerin und Meißner Landtagsabgeordnete Karin Strempel bestätigt diese Sichtweise und unterstützt die offenbar in der CDU und FDP vorherrschende Meinung, das nur noch Zwang hilft. Es gebe genügend Ärzte, sagt Karin Strempel. Diese seien allerdings schlecht verteilt und hätten Spezialisierungen entwickelt, mit denen sich schnell Geld verdienen lasse, die der Grundversorgung jedoch wenig nützten.