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Ein besonderes Knie für eine besondere Frau

Ärzte in Bischofswerda helfen einer Risikopatientin nach einem Treppensturz wieder auf die Beine - mit einer in Deutschland bisher einmaligen Operation.

Trotz Rollator fällt Brigitte Weigelt das Laufen noch schwer. Schwester Lysann Dökert unterstützt sie auf dem Gang der Chirurgischen Klinik im Krankenhaus Bischofswerda.
Trotz Rollator fällt Brigitte Weigelt das Laufen noch schwer. Schwester Lysann Dökert unterstützt sie auf dem Gang der Chirurgischen Klinik im Krankenhaus Bischofswerda. © Steffen Unger

Bischofswerda. In kleinen Schritten hinter einem großen Rollator kämpft sich Brigitte Weigelt zurück in den Alltag. Bis Ärzte und Physiotherapeuten die 76-Jährige so weit hatten, dass sie nach ihrer jüngsten Knie-Operation vom Bett aufstehen konnte, vergingen mehrere Tage. Normalerweise können Patienten schon am Tag nach der OP die ersten Schritte machen. 

Die folgenden Wochen waren für die Seniorin sowie die Mitarbeiter im Krankenhaus Bischofswerda  harte Arbeit. Brigitte Weigelt schaffte anfangs nur die wenigen Schritte bis zu ihrer Zimmertür. Dann ging es bis in den Vorraum. Als sie nach sechs Wochen in der Klinik zur Reha nach Radeburg verlegt wird, kann sie auf dem Stationsgang schon bis zur Tür laufen, auch wenn ihr das noch immer sehr schwer fällt. Sie stützt sich dabei auf ihren Rollator, eine Sonderanfertigung. 

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Oberschenkelbruch direkt über dem künstlichen Knie

Für Dr. Marc Naupert, Chefarzt der Chirurgischen Klinik im Krankenhaus Bischofswerda, ist Brigitte Weigelt keine normale Patientin. Die Neustädterin ist stark übergewichtig und gilt deshalb als Risikopatientin. In jüngster Zeit hatte sie viel Pech. Nachdem ihr im Jahr 2018 in Bischofswerda ihr künstliches Kniegelenk auf ein Spezialmodell gewechselt werden musste, erlitt sie bei einem Treppensturz im September vergangenen Jahres einen Oberschenkelbruch direkt über der Stelle, wo die Knie-Endoprothese endet. 

Die Chirurgen im Bischofswerdaer Krankenhaus halfen, indem sie den Oberschenkel mit einer Titanplatte stabilisierten. Doch schon nach 20 Wochen, am 30. Januar dieses Jahres, brach die Platte. Eine Folge der Fraktur. "Titan bricht, wenn der Knochen nicht heilt", sagt Dr. Marc Naupert. Auch das Übergewicht spielte eine Rolle. 

Der Chefarzt und sein Team tüftelten, wie sie ihrer Patientin helfen können. Das Problem: Die Zapfen der Knie-Endoprothese sitzen, fest einzementiert, bis zu 14 Zentimeter tief in den Knochen von Ober- und Unterschenkel.

Um den Unterschenkelteil der Prothese belassen zu können und damit den Knochen zu schonen, brauchte es ein Kopplungsmodul. Dadurch wäre es möglich, an eine spezielle Prothese - Tumorprothese genannt - anzudocken, welche den Frakturbereich überbrücken und der Patientin eine volle Belastung des gebrochenen Beines erlauben würde. Doch damit verband sich ein Problem: Die Tumorprothese und das "künstliche Knie" der Neustädterin werden von unterschiedlichen Firmen hergestellt und sind daher nicht miteinander kompatibel. 

Chefarzt Dr. Marc Naupert operierte Brigitte Weigelt. "Es ist nicht selbstverständlich, dass Kliniken unserer Größe Risikopatienten operieren", sagt er.
Chefarzt Dr. Marc Naupert operierte Brigitte Weigelt. "Es ist nicht selbstverständlich, dass Kliniken unserer Größe Risikopatienten operieren", sagt er. © Archivfoto: Steffen Unger

Um dieses Problem zu lösen, entwickelten die Chirurgen in Bischofswerda mit dem Unternehmen Aesculap in Tuttlingen dieses Kopplungsmodul für den Unterschenkelteil des künstlichen Kniegelenkes. In einer deutschlandweit bisher einmaligen Operation, die fast fünf Stunden dauerte, setzten sie es Brigitte Weigelt ein. Allein das Modul kostet 12.000 Euro. "Die Herstellungskosten sind dabei der geringere Teil. Der größere Teil ist für das Zertifizierungsverfahren erforderlich", erläutert Dr. Marc Naupert. 

Nach seinen Erfahrungen hat die Industrie schon seit Jahren Interesse daran, ein solches Modul herzustellen, weil es von Kliniken immer wieder nachgefragt wird. Doch die Medizinfirmen scheuten bisher die hohen Kosten für die Genehmigung. Jetzt, da die Zertifizierung vorliegt,  können solche Module auch in Serie und damit künftig wesentlich preisgünstiger hergestellt werden. Das Teil, das der Neustädterin implantiert wurde, ist gewissermaßen der Prototyp.  

Nicht jedes Krankenhaus von der Größe des Bischofswerdaers operiert Risikopatienten wie Brigitte Weigelt. Man hätte sie von Bischofswerda auch an die Uni-Klinik nach Dresden überweisen können. Doch Dr. Marc Naupert entschied anders und sagt: "Wir haben hier in Bischofswerda die Expertise. Unsere Klinik ist seit zehn Jahren als Endoprotetikzentrum zertifiziert."  Im Jahresdurchschnitt setzen die Ärzte im Krankenhaus Bischofswerda Patienten rund 500 künstliche Gelenke ein: 280 Knie-, 200 Hüft- und 20 Schultergelenke. 

Wird die Krankenkasse die aufwändige OP bezahlen?

Die medizinische Herausforderung wurde bewältigt. Eine andere steht noch bevor - die kaufmännische. Denn noch ist es für die Oberlausitz-Kliniken nicht sicher,  dass die Krankenkasse  die Kosten der Operation und des langen Krankenhausaufenthaltes vollständig übernimmt. Die Krankenhausgesellschaft ging  in diesem speziellen Fall in Vorleistung, um der Patientin zu helfen, aber auch um ein medizinisch-orthopädisches Problem zu lösen. "Wir hoffen jetzt auf den guten Willen der Krankenkasse,  diesen besonderen Fall auch als solchen anzuerkennen", sagt der Chefarzt. Tut sie das nicht, würde das Krankenhaus auf den Kosten sitzen bleiben. 

Brigitte Weigelt hofft, dass sie nach den drei Wochen Reha endlich wieder nach Hause darf. Fünf Monate, von Ende Januar bis zu ihrer OP Ende Juni, hatte sie zu Hause in Gips gelegen, konnte nicht raus aus dem Pflegebett. Einmal am Tag kam ein Pflegedienst; ansonsten wurde sie die ganze Zeit  von ihrem Mann und ihrem Sohn versorgt. 

OP-Termin wegen Corona mehrmals verschoben

Die Operation war eigentlich schon für Ende März geplant. Bis dahin sollte das speziell angefertigte Modul geliefert sein. Doch die Corona-Pandemie stoppte diesen Plan für ein Vierteljahr. Der Endoprothesen-Hersteller hatte seine Produktion vorübergehend eingestellt. 

"Ich habe wie auf Kohlen gesessen", beschreibt die Seniorin mit einem Satz, wie sie sich  in dieser Zeit fühlte. Dreimal musste der OP-Termin verschoben werden. Dr. Marc Naupert machte es auch zur Chefsache, seiner Patientin zu erklären, warum sie noch nicht operiert werden kann. "In allen drei Fällen hat der Chefarzt selbst angerufen", sagt Brigitte Weigelt anerkennend. 

Im Krankenhaus Bischofswerda fühlte sie sich bei jedem ihrer Aufenthalte gut aufgehoben. Gute Ärzte, nettes Pflegepersonal, engagierte Therapeuten, eine familiäre Atmosphäre auf der Station, sagt sie. Fünfmal am Tag kamen jetzt die Physiotherapeuten zu ihr ans Krankenbett,  um Übungen durchzuführen, damit sie wieder auf die Beine kommt. 

Doch nach mehreren schweren Stürzen läuft die Angst mit, dass so etwas jederzeit wieder passieren kann. "Wieder hinzufallen, wäre eine Katastrophe für mich", sagt Brigitte Weigelt.  

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