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Wie krank hat uns Corona gemacht?

Im März waren so viele krank wie nie. Nicht nur mit Covid-19. Welche Berufe besonders betroffen sind, wie es jetzt in Arztpraxen aussieht und was befürchtet wird.

Nichts geht über die Untersuchung des Patienten, sagen Ärzte. Auch und gerade in Corona-Zeiten.
Nichts geht über die Untersuchung des Patienten, sagen Ärzte. Auch und gerade in Corona-Zeiten. © dpa-tmn

Im März waren so viele Menschen krank wie lange nicht. Volle Wartezimmer sollte es dennoch nicht geben. Stattdessen gab es zwischen Mitte März und Ende Mai die Krankschreibung per Telefon. Die haben Ärzte kritisch gesehen. Erstens wegen des möglichen Missbrauchs und zweitens widersprach dieses Verfahren dem ärztlichen Gewissen. Die Bannewitzer Ärztin Angelika Fröse jedenfalls hat niemanden per Telefon krankgeschrieben. Auch ihre Heidenauer Kollegin Anne Siegmund ist damit sehr vorsichtig umgegangen und hat trotzdem alle persönlich untersucht. Welche Erfahrungen haben sie in den vergangenen Wochen und Monaten gemacht, was sagt die Statistik der Krankenkassen und wie sieht es jetzt aus? Die SZ hat dazu die Fakten zusammengetragen.

Umstrittener Krankenschein per Anruf

Das ist wenig überraschend: Erkältungskrankheiten waren im März der häufigste Grund für Krankschreibungen. Bei den sächsischen KKH-Versicherten betraf es 2,5 Prozent der Frauen und 1,6 Prozent der Männer - doppelt so viele wie im Februar und so viele wie lange nicht. Zum Vergleich: Im März 2019 waren es lediglich 1,4 Prozent der Frauen und 0,9 Prozent der Männer. Im Mai und Juni diesen Jahres sank die Zahl wieder unter die der Vorjahresmonate.  Bei der IKK stand im März auf über einem Drittel der Krankschreibungen als Ursache: Atemwegserkrankung.  Im März 2019 waren es keine 30 Prozent.

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Wer weiß, ob jemand wirklich "nur" erkältet ist? Diese Frage haben sich Ärzte wie Angelika Fröse jedes Mal gestellt, wenn sie telefonisch um einen Krankenschein gebeten worden. "Was ist, wenn ich so jemand krank schreibe und morgen ist er tot?" Das ist zwar zugespitzt, doch diesem Gewissenskonflikt wollte sie sich nicht aussetzen. Ihre Patienten wissen das, nur ganz wenige fragten nach dem "Krankenschein bei  Anruf" und kannten  schon die Antwort der Ärztin. Die von ihr beschriebene Gefahr ist groß und keinesfalls an den Haaren herbeigezogen. Eine Lungenentzündung ohne Halsschmerzen, eine Angina ohne Fieber, all das ist möglich. Bei Angelika Fröse waren die Patienten im Frühjahr schließlich erkältet - wie jedes Jahr. Bannewitz habe zudem nur sehr wenige Corona-Infizierte gehabt. 

Anne Siegmund hat ihre Praxis erst vor einem Jahr eröffnet. Deshalb hat sie keinen Vergleich zum Frühjahr 2019. Doch in diesem März war ihr Wartezimmer spürbar leerer als noch im Januar. 

Hat vor einem Jahr ihre Hausarztpraxis ín Heidenau eröffnet: Anne Siegmund.
Hat vor einem Jahr ihre Hausarztpraxis ín Heidenau eröffnet: Anne Siegmund. © Daniel Schäfer

Pflegeberufe überdurchschnittlich betroffen

Ebenfalls erwartbar:  Die meisten Erkälteten und wegen einer Corona-Infektion bzw. des Verdachts Krankgeschriebenen arbeiten in Pflegeberufen. Das heißt, sie sind Krankenschwester bzw. -pfleger oder Fachkräfte in Pflege-, Alten- und Behindertenheimen. Der Corona-bedingte Krankenstand bei den IKK-Versicherten dieser Berufe betrug im Landkreis  0,1 Prozent. Zum Vergleich: Von allen IKK-Versicherten waren es 0,02 Prozent. Im Schnitt waren die Patienten 12,4 Tage krank, die längste Corona-Krankschreibung ging über 34 Tage.  

Die AOK weist für die Altenpflege-Berufe bis zum Mai den höchsten  Anteil an den Erkrankten aus. Sie waren 2,5 Mal mehr krank als der Durchschnitt. In Sachsen gab es für 268 von 100.000 Versicherten die Covid-19-Diagnose. Das war der geringste Wert der drei mitteldeutschen Bundesländer.

Frauen öfter krank als Männer

Frauen waren im März viel kränker als Männer. In Sachsen waren 9,1 Prozent der weiblichen KKH-Versicherten krank, bei den Männer war es rund ein Drittel weniger - 6,4 Prozent.  Eine Erklärung kann in den vielen Erkrankungen in Pflegeberufen gefunden werden. In denen arbeiten nach wie vor viel mehr Frauen als Männer. Zudem gab es überdurchschnittlich viele Corona-Infektionen eben in Alten- und Pflegeheimen. 

So viele Versicherte haben die Kassen im Landkreis:

  • AOK: 63.508
  • IKK classic: rund 34.700 
  • Barmer: rund 16.000 
  • KKH: 99.940 in Sachsen, Zahl für den Landkreis liegt nicht vor

Chronisch Kranke in großer Gefahr

Die chronisch Kranken haben Ärztinnen wie Anne Siegmund und Angelika Fröse die meisten Sorgen gemacht. Aus Angst und Verunsicherung sind diese Patienten in der Corona-Hochzeit nämlich nicht zu ihrem Arzt gegangen. Nun kommen sie wieder. "Wären sie mal zwei Monate eher gekommen, wäre es oft besser gewesen", sagt Angelika Fröse. Inzwischen kommen auch die Ängstlichen wieder, sagt Anne Siegmund.

Enormer Anstieg bei psychischen Krankheiten

Die KKH-Statistik weist im ersten Halbjahr 2020 rund 80 Prozent mehr psychische Erkrankungen aus als im Vorjahreszeitraum. "Es ist denkbar, dass viele Menschen aufgrund von Existenzängsten durch Jobverlust und Kurzarbeit, der Furcht vor dem neuen Virus und den damit einhergehenden Lebensveränderungen nicht zurechtkamen", sagt Steffen Große von der Pirnaer KKH-Servicestelle.

Die psychischen Krankheiten dürften weiter zunehmen. Sie kommen oft erst verzögert zum Ausbruch. Und weil sie nicht mit Symptomen wie eben Husten oder Schnupfen einhergehen, werden sie oft auch lange verdrängt. 

Warten auf die Impfung, Furcht vor zweiter Welle

Derzeit sitzen in den Praxen von Anne Siegmund und Angelika Fröse wieder mehr Patienten, aber immer noch weniger als vor einem Jahr - auch wenn da genau so Sommer und Urlaubszeit war wie jetzt. Die IKK-Versicherten sind im ersten Halbjahr 2020 sogar insgesamt gesünder als Mitte 2019. Für Angelika Fröse kann das nicht darüber hinwegtäuschen: "Die nächste Welle kommt." Bis die Impfung kommt, hält sie an ihrem Prinzip der getrennten Wartezimmer fest: eins für Erkältungsfälle und eins für alle anderen.

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