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Kratzer, Bisswunden und viele Fragen

Scheinbar ohne Anlass kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Asylbewerbern. Der Grund liegt wohl tiefer.

Nachdem ein Schlichtungsversuch vor dem Friedensrichter nicht zustande kam, sahen sich die Streithähne nun vor dem Amtsgericht in Meißen wieder.
Nachdem ein Schlichtungsversuch vor dem Friedensrichter nicht zustande kam, sahen sich die Streithähne nun vor dem Amtsgericht in Meißen wieder. © Foto: Claudia Hübschmann

Meißen. Der Dolmetscher ist wahrlich nicht zu beneiden. Er hat viel zu übersetzen an diesem Tag. Es wird viel und lange gesprochen im Meißner Gerichtssaal, viel Nebensächliches, viel Randgeschehen, mitunter holen der Angeklagte und die Zeugen weit aus, eröffnen Nebenkriegsschauplätze. Nur was die eigentliche Tat angeht, da gehen die Schilderungen so weit auseinander wie selten.

Glaubt man dem Angeklagten, einem 29 Jahre alten Syrer, sitzt der Falsche auf der Anklagebank. Dabei soll er laut Staatsanwaltschaft einem anderen Flüchtling bei einer Auseinandersetzung in Meißen mit der Hand das Gesicht zerkratzt und diesen mindestens zweimal ins Gesicht geschlagen haben. „Das ist nicht wahr“, sagt der Mann. Und erklärt wortreich, dass seine Klingel nicht funktioniere beziehungsweise auch dann läute, wenn beim Nachbarn geklingelt werde. Deshalb habe es mit dem anderen eine Auseinandersetzung gegeben. „Der hat mich beschimpft“, sagt er.

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Deshalb sei er mit seinem Kontrahenten auf den Hof gegangen, um das zu klären. Dort seien noch zwei andere gewesen. Einer habe ihn festgehalten, ein anderer ihn schlagen wollen. Er habe sich nur gewehrt. „Die drei haben mich umzingelt, in den Schwitzkasten genommen. Ich hatte Atemnot, hatte Angst. Ich war allein, die waren zu dritt“ , klagt er. Erst als er laut geschrien habe und Leute vom nahe liegenden Supermarkt kamen, hätten die Angreifer aufgehört. 

"Ich habe das Gefühl, dass er Araber hasst"

Warum es zu der Auseinandersetzung kam, dafür hat er eine eigene Begründung: „Ich habe das Gefühl, dass er Araber hasst, denn er stammt aus Kurdistan“, sagt er. Eine Woche später seien die Streithähne zurückgekommen. Sie hätten ihn angezeigt, seien noch nicht mit ihm fertig, sollen sie gesagt haben. Wieder kommt es zu einer Schlägerei. Diesmal soll ihn sein Kontrahent in die Hand gebissen haben. Die Wunden seien im Krankenhaus genäht worden, sagt er und legt dem Gericht Bilder von den Verletzungen vor.

Der Angeklagte habe auf der Straße auf die drei gewartet, sagt ein Zeuge. „Er hat Probleme gemacht, nicht wir“, sagt der mutmaßliche Beißer, der dies abstreitet. „Wir waren zu dritt. Wenn wir Probleme hätten machen wollen, dann hätten wir welche gemacht“, sagt er. Der Angeklagte habe ihn angegriffen und mit Fäusten geschlagen. Doch wie passt das zu den Kratzern im Gesicht? Ein anderer Zeuge hat gesehen, dass die Finger des Angeklagten im Gesicht des anderen waren. „Als wir sie getrennt haben, waren die Finger noch fest im Mund“, sagt er. Also hat er doch zugebissen. Wahrscheinlich hat sich der Angeklagte beim Herausziehen der Finger verletzt.

Auch er hat Anzeige wegen Körperverletzung gestellt, die Staatsanwaltschaft hat aber auf den Privatklageweg verwiesen. Der Verteidiger des Angeklagten – es ist der frühere Friedensrichter von Meißen – will diesen Weg eigentlich beschreiten. Nach dem Hören der Zeugen ist er sich da nicht mehr so sicher. Die Chancen auf eine erfolgreiche Privatklage stehen wohl eher schlecht.

Zeugen wollen Verurteilung

Merkwürdig ist, dass sich ein wichtiger Zeuge hat krankschreiben lassen. Die Krankschreibung gilt bis zum nächsten Tag. Nicht nur die Zeugen, auch der Angeklagte sind nicht sehr glaubwürdig. Die Staatsanwältin spricht von viel Beschönigung des Angeklagten. Sie glaube nicht alles, was er gesagt habe. Auch der Richter sieht keinen Weg, dass die bestehenden Konflikte vom Gericht gelöst werden können. Er habe den Eindruck, dass mehrere Zeugen Interesse am Ausgang des Verfahrens haben. Soll heißen, sie möchten, dass der Syrer verurteilt wird. 

Aufzuklären sind die Vorwürfe jedenfalls nicht. So stellt das Gericht auf Antrag der Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen geringer Schuld ohne Auflagen ein. Gelöst sind die ethnischen und religiösen Konflikte damit nicht. Auch ein Schlichtungsversuch vor dem Friedensrichter scheitert bereits mangels Interesse der Beteiligten.

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