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Kreischas Geo-Ass

Isabel Friedrich kennt sich in Erdkunde so gut aus wie kaum ein anderer Schüler. Nun hofft sie auf den großen Coup.

Von Sebastian Martin

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen. „Stockholm.“ Und die Hauptstadt von Thailand? Für Isabel Friedrich ebenfalls kein Problem. „Bangkok.“ Auch den längsten und wasserreichsten Fluss kennt die 13-Jährige, ohne lang überlegen zu müssen – genauso wie die exakte Höhe des Mount Everests oder den Namen der Meerenge zwischen der Malaiischen Halbinsel und der Nordostküste von Sumatra. „Das ist die Straße von Malakka“, sagt die Oberschülerin aus Kreischa. Aber das sei ja alles noch einfach. Quasi Basiswissen aus der fünften Klasse. Denn in Erdkunde gehe es auch um Klima, Entwicklungshilfe oder Bodenschätze.

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"Was hast du zu essen mit, Mama?"
"Was hast du zu essen mit, Mama?"

Kaum sind die ersten Meter zurückgelegt, ertönt lautstark diese Frage. Denn so schön das Wandern ist, ohne Picknick ist der Spaß nur halb so groß.

Isabel Friedrich kennt sich in den meisten Themengebieten aus. Denn sie ist ein Geografie-Ass. Das haben ihr auch schon andere bescheinigt. Und zwar mehrfach, schwarz auf weiß. Die Urkunden, die sie bei Geo-Wettbewerben gewonnen hat, stapeln sich bereits. Einen nach dem anderen Triumph legt sie auf den Tisch. Klassensiegerin und Schulsiegerin wird das Mädchen mit den langen blonden Haaren anscheinend regelmäßig. Bei der Sächsischen Geo-Olympiade im vergangenen Jahr habe sie es zudem bis in die vorletzte Runde geschafft. Nur knapp verpasste sie damals den Einzug ins Finale – vielleicht wegen eines Schusselfehlers, der ihr auch in Leistungskontrollen hin und wieder mal passieren soll, weshalb es nur zu einer Zwei statt zu einer Eins reicht.

„Mir gefällt vor allem die Kartenarbeit“, sagt Isabel Friedrich. Länder, Städte, Flüsse, Gebirge – all das fasziniert sie. Wenn sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester am Abendbrottisch sitzt, dann werden häufig die Hauptstädte abgefragt. Einfach so, aus Freude an der Topografie. Auch den Weltspiegel schaut sie regelmäßig, weil sie fremde Kulturen spannend findet, erzählt sie. „Am liebsten würde ich mal nach Tunesien reisen, weil es so eine lange Geschichte hat und ich die Wüste und Oasen unbedingt mal sehen möchte.“

Nun hofft Isabel Friedrich aber erst einmal auf ein gutes Ergebnis beim bundesweiten Geografie-Wettbewerb des Diercke-Verlages, an dem sich rund 280 000 Schüler der Klassen sieben bis zehn beteiligen. Als Schulsiegerin hat sie vor Kurzem am sächsischen Vorausscheid teilgenommen, um sich für das Bundesfinale im Mai zu qualifizieren. „Die Aufgaben waren sehr schwer und gingen weit über den Unterrichtsstoff hinaus“, sagt Geografielehrerin Hannelore Beulig. Auch sie hätte in den 20 Minuten nicht alle Fragen sofort richtig beantworten können.

Sollte Kreischas Geo-Ass den Einzug ins Finale schaffen, wird es richtig schwer. Im vergangenen Jahr fragte der Diercke-Verlag zum Beispiel: „Kennen Sie den bedrohten See des Jahres 2005 mitsamt zwei seiner Anrainerstaaten?“ Innerhalb von 20 Sekunden hätte man damals wissen müssen, dass es sich um den Victoriasee handelt, an den Kenia, Uganda und Tansania grenzen. Isabel Friedrich bleibt entspannt. Sie wartet erst mal das Ergebnis auf Landesebene ab. So richtig rechnet das bescheiden wirkende Geo-Ass aber nicht damit, dass sie als Landessiegerin vom Diercke-Verlag nach Braunschweig eingeladen wird. „So gut war ich bestimmt nicht“, sagt sie.

Wenn ihr der Coup doch gelungen sein sollte, dann tritt sie endgültig in die Fußstapfen von Sebastian Wetzel. Der heute 21-Jährige hat 2009 den Sieg bei der sächsischen Geo-Olympiade nach Kreischa geholt. „Wir beteiligen uns seit Jahren an den Wettbewerben“, sagt Geografie-Lehrerin Hannelore Beulig. Denn der Konkurrenzkampf sporne an. Isabel Friedrich muss sie nicht motivieren. Die 13-Jährige weiß, was sie will. „Ich will nach der Oberschule das Abitur machen, studieren und Forscherin werden“, sagt das Geo-Ass. Nur für welches Fach sie sich entscheiden wird, weiß sie noch nicht. Denn neben Geografie interessiert sie sich auch für Geschichte.