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Fünf Briefe aus dem Krieg

Der Pirnaer Werner Müller erforschte 200 Jahre Familiengeschichte. Dabei entdeckte er, wie sein Onkel als 21-jähriger Soldat 1945 erlebte.

Bei seinem Besuch bei den Ahnen ist Werner Müller auch auf fünf Briefe gestoßen.
Bei seinem Besuch bei den Ahnen ist Werner Müller auch auf fünf Briefe gestoßen. © Daniel Schäfer

Werner Müller war Kreistierarzt und seit er Rentner ist, beschäftigt sich der Pirnaer mit Geschichte. Erst erinnerte er sich an die Zeit seines Abiturs 1967 und schrieb darüber ein Buch. Nun ging er der Geschichte seiner Familie nach und hat seine Entdeckungen in "Mein Besuch bei den Ahnen" veröffentlicht. Die Spuren führen durch Sachsen, Böhmen/Mähren, Niederschlesien und Bayern.

Der Platz zwischen den Daten

Am Anfang waren die Ahnentafeln von Werner Müller und seiner Frau Brigitte. Zum Teil bis zu den Ururgroßeltern reichten die zusammengetragenen Geburts-, Hochzeits- und Todesdaten sowie Berufe. In dem vorgedruckten Formular aber fehlte der Platz für das Leben zwischen den Daten. Es sind die interessanten, spannenden und manchmal auch dramatischen persönlichen Geschichten, die der großen Weltgeschichte Gesichter geben, sagt Müller. 

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Werner Müller, der Onkel des gleichnamigen Autors des Buches "Mein Besuch bei den Ahnen".
Werner Müller, der Onkel des gleichnamigen Autors des Buches "Mein Besuch bei den Ahnen". © Reproduktion: Daniel Schäfer

Zum Beispiel die seines Onkels. Im Nachlass seines Vaters fand Werner Müller Briefe, die sein Onkel Werner seinem Bruder Hans, also Werner Müllers Vater schrieb. So hielten sie auch während des Zweiten Weltkrieges Kontakt. Für Werner erweitert die Verknüpfung der Schicksale einfacher Menschen mit den geschichtlichen Ereignissen ihrer Zeit das Geschichtsbewusstsein "in unserer schnelllebigen Gegenwart".  Gerade in diesen Tagen, da sich der 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges naht, sind Werner Müller diese Briefe besonders wichtig. 

Hans Müller, der Vater von Werner Müller, der die Briefe seines Bruders aufbewahrte.
Hans Müller, der Vater von Werner Müller, der die Briefe seines Bruders aufbewahrte. © Daniel Schäfer

Brief vom 9. August 1944 (Auszüge)

Am Montag war wieder mal ein ganz schöner Fliegeralarm, da sind hier nicht weniger als 500 Maschinen drüber weg.

Wenn Du es auf meinem letzten Brief nicht gelesen haben solltest, so will ich es Dir mit schreiben, dass ich seit 1. August in das Heer der Obergefreiten aufgenommen worden bin. Nun beginnt auch bei mir der Geldbeutel wieder etwas zu wachsen.

Ja, Hans, mit dem unbekannten Mädchen schreibe ich mich nicht mehr und mit dem von xxx schreibe ich mich wohl noch, aber Du müsstest mal einen Brief von ihr lesen, da kommst du vor Fehlern manchmal nicht durch. Sonst ist sie gar nicht so schlecht, und auch der Inhalt der Briefe geht, aber eben ziemlich viel Fehler.

Das Leben als Wachhabender ist hier nicht schlecht, nur etwas zu uniform. Du würdest es Dir vielleicht manchmal wünschen, diese Ruhe, aber nach einer gewissen Zeit hättest Du auch den Kanal voll.

Brief vom 25. August 1944

Ich habe wieder Wache, das altbekannte Lied, was ich auch immer schreibe. Als Wachhabende, was soll man da auch die ganze Nacht machen, schlafen kann man doch nicht, und da sucht man sich die Abwechslung entweder durch schreiben, oder lesen.

In Baracken mit so viel Mann wohnen wie jetzt bei Dir ist nicht angenehm, ich kenne das, aber immer noch besser als im Dreck liegen.

Jetzt habe ich eine Alte kennengelernt, die ist von Berlin. Der ihr Mann ist gefallen und sie hat in Berlin ein kleines Restaurant. Ich kann dir sagen, das ist eine geile Schnecke. Die schiebe ich aber auch wieder ab, denn die ist schon 24 Jahre. Dass Du aber nichts davon nach Hause schreibst!!!

Brief vom 30. Januar 1945

Heute will ich Dir nach sehr langer Zeit wieder einmal schreiben. Inzwischen hat sich die gesamte Lage sehr geändert, aber bei mir hat sich noch nichts geändert, nur eins steht fest, dass ich in den nächsten Tagen mit Versetzung rechnen kann. Bei uns sind schon fast die ganzen Alten weggekommen.

Mir geht es soweit noch ganz gut, nur Urlaub müsste ich bald mal wieder haben, dann man wieder mal ordentlich essen kann. Ein klein bisschen bin ich ja schon entlastet, denn wenn ich nach Berlin fahre, dann fällt auch immer was ab, und wenn ich ihr sage, das oder das würde ich auch mal essen, dann kriege ich es aber auch prompt.

Ein klein wenig überrascht war ich ja, als du schriebst, dass Du Dich bald verheiraten willst. Ich glaube es ist besser, wenn du noch wartest bis Kriegsende, denn über kurz oder lange ist ja ein Ende zu erwarten.

Eine Karte zu Mamas Geburtstag habe ich auch gerade geschrieben. Schön wäre es ja, wenn wir ihn alle zusammen feiern könnten.

Brief vom 17. März 1945

Gestern habe ich nach langer Zeit von Dir wieder einmal Post erhalten. Ich glaubte immer, Du würdest von mir gar keine Post erhalten, denn durch die vielen Luftangriffe ich doch wieder eine Masse Post kaputtgegangen. Die Freude war natürlich groß, als wieder mal Post kam.

Das schöne Dresden soll ja verheerend aussehen, wie mir Papa schreibt... Dass sie Dresden noch einmal angreifen, hätte man ja auch nicht geglaubt, aber jetzt sie ja jeden Tag da unten. Heute haben sie hier in der Umgebung und in Berlin wieder schwer gehaust.

Der letzte Brief Werners an seine Eltern vom 11. April 1945

Das Paket von meinem Kameraden habe ich gut erhalten. Es war etwas Herrliches, nach so langer Zeit mal Kuchen und Honig zu essen. Ich hatte Euch darüber schon einen Brief geschrieben... Dann hatte ich noch einen Brief geschrieben, worin ich Euch mitgeteilt habe, dass ich mit dem Mädchen von Berlin auch Schluss gemacht habe. Mit dem Fliegeralarm war es gestern wieder einmal ganz toll. Es war dreimal Fliegeralarm. Am Nachmittag haben sie uns eine ganze Menge Flugzeuge abgeschossen.

Bald ist die Zeit wieder da, wo ich vor einem Jahr auf Urlaub war. Das waren noch schöne Zeiten. Wir wollen hofen, dass der Krieg bald zu Ende geht, und wir uns alle vier wieder einmal zu Hause zusammensetzen können und wie früher eine Kanne Bohnenkaffee trinken können.

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Werner Müller starb am 28. April 1945 unweit von Oranienburg. Es war zehn Tage vor der Kapitulation der Wehrmacht. Zehn Tage vor dem Frieden. Die erste Nachricht vom Tod des jüngsten Sohnes erhielten die Eltern fast fünf Monate danach vom Polizeiposten Schwante, zugestellt über die Polizeiverwaltung Pirna. In ihm erfahren sie, dass er in Döringsbrück im Osthavelland bestattet wurde.

Der Brief, in dem ein Kamerad von Werner Müller dessen Eltern über seinen Tod informiert.
Der Brief, in dem ein Kamerad von Werner Müller dessen Eltern über seinen Tod informiert. © Reproduktion: Daniel Schäfer

Vom 3. November 1945 ist ein Brief datiert, den ein überlebender Kriegskamerad von Werner an dessen Eltern schrieb. In ihm erfahren sie erstmals Näheres über das Ende ihres Sohnes. In ihm schreibt er, dass er um den 27. April gefallen ist. "Wir haben ihn am folgenden Tag dortselbst zur letzten Ruhe gebettet."

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