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Krisen-Konzept der Milchbauern

Bauernpräsident Vogel fordert pro Liter vier Cent vom Staat, Landwirte schlagen Streik vor.

© René Plaul

Von Georg Moeritz

Milch gratis und nichts als Milch: Als am Freitag gut Hundert Landwirte zum Krisentreffen in Klipphausen-Groitzsch zusammenkamen, fanden sie kleine Trinkpäckchen der Marke Vogtlandweide auf den Tischen. Mit Strohhalm.

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Es gibt zu viel Milch, darin waren sich die Bauern einig. Zu viel Milch wird produziert, sodass Molkereien und Handelsketten nicht viel Geld dafür bieten müssen. Viele sächsische Bauern haben nach guten Jahren neue Ställe mit Zuschüssen gebaut, voriges Jahr haben ihre Kollegen in den Niederlanden die Milchproduktion stark ausgedehnt. Die Preise sind gefallen, derzeit zahlen sächsische Molkereien den Bauern etwa 27 Cent pro Liter. Das ist ein Verlustgeschäft für jeden Landwirt. Vor wenigen Jahren gab es mal 40 Cent. Selbst die besten fünf Prozent der Höfe haben mindestens 28 Cent Produktionskosten pro Liter, im Schnitt ist laut Bauernverband mit etwa 35 Cent zu rechnen. Sachsens Bauernpräsident Wolfgang Vogel spricht vom Überlebenskampf: „Es geht um unsere Existenz.“ Viele seiner Kollegen zeigten sich ratlos, manche machten Vorschläge.

Hilfe vom Steuerzahler: Ausgleich für Russland-Embargo verlangt

Bauernpräsident Vogel will erst einmal Druck auf Politiker machen. Seine These: Die Politik ist mit Schuld am Verfall der Milchpreise, zumindest am Russland-Embargo. Seit kein Käse mehr nach Russland exportiert werden kann, sei der Milchpreis um vier Cent gefallen – zumindest dieses Geld müsse der Staat den Bauern erstatten. Das müsse möglich sein, wenn der Staat viel Geld für Flüchtlinge ausgebe, sagt Vogel. Allerdings haben die Landwirte auch schon Geld bekommen: Abgesehen von den jährlichen festen Prämien für jeden Hektar Land gab es neue Zuschüsse zur Sozialversicherung der Landwirte, laut Vogel eine echte Hilfe. Kein Lob hat er dagegen für Hilfskredite vom Staat übrig, die zur Überbrückung der Niedrigpreiszeit dienen sollen – dieses Geld müsse ja zurückgezahlt werden, sagte der Bauernpräsident.

Druck auf die Handelsketten: Bauern gehen auf die Straße

Zweimal im Jahr finden die wichtigsten Verhandlungen über die Milchpreise statt, deshalb ändern sich die Preise im Supermarkt meistens im Mai und November. Derzeit kostet der billigste Liter Vollmilch 59 Cent. 2007 waren es mal 73 Cent, in der Krise 2009 mal 48. Wenn Anfang April die Einkäufer der Handelsketten und Verkäufer der Molkereien zusammensitzen, dann muss laut Vogel „überall in Deutschland auf die Straße gegangen werden“. Auch der Bauernverband bereitet Demonstrationen vor. Händler und Kunden sollen erfahren, dass Milch mehr Geld wert sei. Gerade im Frühjahr werden Bauern das Loch in ihren Kassen spüren, weil sie zu dieser Zeit viel Saatgut und Diesel brauchen.

Kuh-Diät und Milchstreik: Wenig Hoffnung auf Solidarität

Bei der Krisentagung forderten viele Bauern Solidarität: Einer aus dem Vogtland schlug einen Milchstreik vor. Vier Wochen lang Milch wegschütten, danach gibt es bestimmt höhere Preise, sagte er. Ein Kollege aus dem Erzgebirge regte an, den Kühen zumindest weniger Kraftfutter zu geben, sodass weniger Milch herauskommt. Solche Methoden wurden schon im Jahr 2008 angewandt, als die Milchpreise noch niedriger waren. Damals gab es auch eine große Demonstration vor der Müller-Milch-Molkerei in Leppersdorf, mitorganisiert vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Doch dessen Mitglieder mussten schließlich mehr als 700 000 Euro aufbringen, weil Müller Schadenersatz nach der Molkerei-Blockade verlangte. Bauernpräsident Vogel glaubt nicht an die Solidarität unter Landwirten: „Andere warten nur darauf“, dass manche die Milchmenge verringern. Schnell würde die Milch aus anderen Regionen herangeholt.

Versuche am Markt: Markenprodukte und gespaltene Preise

Die Bauern wissen: Mit Markenprodukten lässt sich mehr verdienen. Bergbauern-Molkereien in Südbayern zahlen ihren Lieferanten 37 Cent pro Liter, auch Biomilch trotzt dem Preisverfall. Doch solche Spezialitäten sind schwer in den Handel zu bringen. Bei großen Mengen werde auch ihr Preis sinken, sagte Branchenexperte Joachim Burgemeister vom Genossenschaftsverband. Er fand auch Nachteile an einer Neuerung, die von der Molkerei Friesland-Campina erprobt wird: Sie zahlt Bauern zwei Cent mehr pro Liter, wenn sie die Milchproduktion nicht erhöhen. Doch dieses Angebot gilt nicht lange: Das Unternehmen bewältigt derzeit die Milchmenge nur schwer, baut aber eine neue Molkerei.

Vorsorge: Börsenhandel und Rücklagen in guten Zeiten

Agrarberater Johann Kalverkamp legte den Landwirten die Preis-Absicherung mithilfe der Börse nahe: Derzeit herrsche eine „depressive Angstphase“, doch erfahrungsgemäß folge auch wieder eine Preissteigerung mit anschließender „Gier“ und neuen Investitionen. Landwirte müssten sich dann auf die nächste Krise besser vorbereiten. Als eine Hilfe dafür fordert der Bauernverband schon lange, in guten Jahren steuerfrei Rücklagen bilden zu dürfen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Sachsens Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (beide CDU) unterstützen den Wunsch. Die Linken in Sachsen schlagen zudem Gesetze vor, die zu Mindestpreisen für Milch führen würden.