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Dresden

Kritik an autofreier Neustadt

Die Organisatoren der "Woche des guten Lebens" haben Händler und Gewerbetreibende getroffen. Es wurde für sie kein angenehmer Abend.

Hier soll laut den Projektverantwortlichen eine Woche lang niemand parken dürfen.
Hier soll laut den Projektverantwortlichen eine Woche lang niemand parken dürfen. © Marion Doering

Mit Gegenwind hatten die beiden festangestellten Projektkoordinatorinnen Sindy Berndt und Judith Kleibs gerechnet. Doch sie mussten am Mittwochabend nicht nur das ertragen. Jede Menge verbaler Prügel mussten sie einstecken für ihre Idee, Ende August eine Woche lang die meisten Autos aus der Neustadt zu verbannen.

 "Woche des guten Lebens" heißt ihr Projekt, das im Rahmen der Initiative Zukunftsstadt Dresden entstanden ist. Geld bekommen sie dafür vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, Träger des Projekts ist Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) in Dresden.

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Es soll ein Experiment werden. Was passiert, wenn man seine Mobilität weitgehend ohne Autos organisieren muss? Wie entwickelt sich das Leben auf den Straßen? Solche Fragen soll das Experiment beantworten und dazu wird es wissenschaftlich begleitet, unter anderem von der TU Dresden und dem Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung. Doch genau da fing die Kritik am Mittwochabend bei einem Treffen mit Gewerbetreibenden aus der Äußeren Neustadt an. 

"Warum sollen wir zu Versuchskaninchen werden", fragte ein Besucher des Infotreffens im Projekttheater an der Louisenstraße. "Warum gerade die Neustadt?", mussten Sindy Berndt und Judith Kleibs mehrfach erklären. Sie begründeten die Auswahl des Viertels damit, dass die Idee eben genau in der Neustadt geboren worden sei, dass es Einwohner gibt, die sich weniger oder gar keine Autos auf den Straßen wünschen und dass die Neustadt als besonders urbanes Viertel der Stadt für den Test besonders gut geeignet sei.

Vorbote einer Grundsatzentscheidung gegen Autos?

Überzeugt hat das nicht. Buchhändler Jörg Stübing von der Louisenstraße stellte infrage, ob diesen Test wirklich die Mehrheit der Einwohner und Gewerbetreibenden wollen und forderte eine Abstimmung darüber. Das ist aber für die Macher der autofreien Woche noch kein Thema. Sie argumentierten, es sei ja nur ein Versuch, aus dem man für die Zukunft lernen könne. Dagegen argumentierten mehrere Teilnehmer mit der Sorge, dass die Auto-Verbannung von den Straßen für eine Woche der Vorbote einer Grundsatzentscheidung gegen den Fahrverkehr in der Neustadt sein könnte. 

Ohnehin gebe es bereits ein Instrument, um den Verkehr im Viertel zu reduzieren, sagte ein Anwohner, der selbst ein Haus in der Neustadt rekonstruiert hat. Es ist die Definition des Viertels als Sanierungsgebiet samt den dazu gehörenden Zielen. Eins davon: Parkmöglichkeiten sollen nur am Rand geschaffen werden, wer in der Neustadt baut oder saniert, muss Geld zahlen, damit zum Beispiel Parkhäuser errichtet werden können. Es gibt aber bisher nur eins - das gegenüber der Einmündung Bautzner Straße/Weintraubenstraße. Öffentliche Tiefgaragen haben darüber hinaus nur das Simmel-Center am Albertplatz, die Turnhalle des Dreikönigsgymnasiums und die Netto-Filale an der Kamenzer Straße.

Angst vor Umsatzverlust

Rund 4.000 Autos und deren Fahrer würde die Testwoche laut den Projektverantwortlichen treffen. Neu in ihrer Argumentation: Wer einen Privatstellplatz hat, soll voraussichtlich auch in der Woche des guten Lebens fahren dürfen. Für etwa 1.500 Fahrzeuge suchen sie derzeit Stellflächen außerhalb des Viertels. "Den ruhenden Verkehr raus", schlug ein Teilnehmer des Treffens vor. Das hieße, keine Parkplätze auf den Neustadt-Straßen, dann sei schon viel gewonnen. Doch auch diese abgespeckte Variante fand am Mittwochabend nicht viel Zustimmung. 

Friseur Christoph Steinigen rechnet mit einem drei- bis vierstelligen Umsatzverlust, wenn seine Kunden nicht mit dem Auto zu seinem Laden an der Ecke Rothenburger Straße/Böhmische Straßen fahren dürfen. "Kollateralschäden kann ich mir nicht leisten", sagte er mit Blick auf seine mehr als ein Dutzend Angestellten. "Wo sollen meine Kunden mit ihren Autos hin, ich brauche eine Lösung." Die soll bis etwa Ende Februar eine "Arbeitsgruppe (AG) Verkehrskonzept" erarbeiten, die Teil des Guten-Leben-Projekts ist. 

Mit den Ergebnissen dieser Überlegungen wollen Sindy Berndt und Judith Kleibs dann weiter Überzeugungsarbeit leisten. Den Händlern und Gewerbetreibenden versprachen sie am Mittwochabend, ihre Bedenken und Einwände ernst zu nehmen. Was das konkret heißt, hat die Besucher des Treffens im Projekttheater nicht überzeugt. Infostände in der Neustadt, sogenannte Mitmach-Treffen und weitere Infoveranstaltungen seien geplant. Weiter geht es schon diese Woche. Die AG Verkehrskonzept trifft sich am Donnerstagabend um 19 Uhr in der Wir AG am Martin Luther Platz. 

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Weitere Infos zum Testprojekt gibt es auf der Internetseite dafür.

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