merken
PLUS Bautzen

Kritik an Bautzens Bädern

Anders als in vielen Orten im Kreis zahlen Schwerbehinderte in Bautzen den vollen Eintrittspreis. Das ist oft nicht leicht.

Erwin Gräve leidet an einer Nervenkrankheit. „Wenn es im Winter kalt ist, habe ich bis mittags kein Gefühl in den Fingern“, sagt er. Schwimmen hilft dagegen. Dass es für Menschen mit Schwerbehinderung in Bautzens Bädern keinen Rabatt gibt, ärgert Gräve se
Erwin Gräve leidet an einer Nervenkrankheit. „Wenn es im Winter kalt ist, habe ich bis mittags kein Gefühl in den Fingern“, sagt er. Schwimmen hilft dagegen. Dass es für Menschen mit Schwerbehinderung in Bautzens Bädern keinen Rabatt gibt, ärgert Gräve se © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Wenn Christine Domschke aus dem Wasser steigt, fühlt sie sich leicht. Sicher, nicht so leicht, wie sich wohl die meisten anderen fühlen – aber leicht genug, als dass es der Erwähnung wert wäre. Nach dem Baden fühlt sich die 69-Jährige nämlich wieder beweglich. „Im Wasser spüre ich mein Körpergewicht nicht“, sagt sie. Die versteiften Muskeln lockern sich, die Nerven entspannen sich. Das ist nicht selbstverständlich für sie, denn Christine Domschke leidet an Parkinson.

Und das Schwimmen hilft ihr dabei, mit ihrer Krankheit umzugehen. Es ist wichtig für sie, gibt ihr trotz ihrer Krankheit ein Stück Lebensgefühl zurück. Und so geht es nicht nur ihr, sondern auch vielen anderen Parkinson-Erkrankten. Ja, nicht nur ihnen, sondern vielen anderen Menschen in Bautzen mit schwerer Behinderung. Umso mehr ärgert es Christine Domschke, dass die städtischen Bäder in Bautzen keine Ermäßigungen für Menschen mit Behinderungen anbieten. „Das ist für viele Erkrankte eine schwierige Lage, denn viele haben eine sehr niedrige Rente“, erzählt sie. „Kommen noch die Busfahrten zum Bad hinzu, sind die Kosten für manche Menschen mit Behinderung einfach zu hoch“, erklärt sie das Problem.

JABS
JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Auch Erwin Gräve geht es so wie Christine Domschke. Er hat zwar kein Parkinson, leidet aber unter einer Nervenschädigung. „Wenn es im Winter kalt ist, habe ich bis mittags kein Gefühl in den Fingern“, erzählt er, „und in den Füßen auch nicht.“ Schwimmen helfe dagegen.

Auch er, der eine Krebs-Selbsthilfegruppe in Bautzen leitet, weiß um das Problem mit den Schwimmbadpreisen und den niedrigen Renten. „Ich kenne Ehepaare, die erhalten zusammen unter 1 200 Euro Rente“, berichtet er. „Viele haben durch die Krankheit kein großes Einkommen“, sagt er. Viele Mitglieder der Selbsthilfegruppe „müssen beim Amt aufstocken“, weil sie so wenig haben, erzählt Gräve. Wären die Eintrittspreise in die Bäder ermäßigt, würde das helfen. Auch nur ein Rabatt um einen Euro würde einen Unterschied machen. „Das wäre ein Zeichen im Rahmen der Inklusion“, findet der 76-Jährige.

Anderswo gibt es Rabatte

Verärgert ist der Vorsitzende der Selbsthilfegruppe vor allem deshalb, weil viele andere Bäder in der Region den Eintritt für Menschen mit Schwerbehindertenausweis tatsächlich ermäßigen. „Ich frage mich, warum das so viele hinbekommen – nicht aber die Bautzener Bäder“, sagt er.

Ein Blick in die Preislisten im Netz zeigt: In Kamenz zum Beispiel zahlen Ermäßigungsberechtigte nur zwei Euro pro Stunde statt der üblichen drei Euro. Diese Regelung gibt es laut dem Landratsamt, das in Kamenz das Hallenbad betreibt, bereits seit dem Jahr 1995. Für den Preisnachlass berechtigt sind diejenigen, die eine Schwerbehinderung von 50 Prozent vorweisen können. „Diese Grenze wurde analog anderer Eintrittsgelder öffentlicher Einrichtungen festgelegt“, erklärt eine Sprecherin des Landratsamtes. In der Körsetherme in Kirschau dürfen Menschen mit Behinderung und deren Begleitpersonen für dasselbe Geld länger bleiben, im Lausitzbad dürfen Menschen mit 70 Prozent Schwerbehinderung und eine Begleitperson ebenfalls ermäßigt schwimmen. Auch im Trixi-Bad in Großschönau gibt es Rabatt.

Bei der Beteiligungs- und Betriebsgesellschaft Bautzen (BBB), die das Röhrscheidtbad und das Spreebad in Bautzen betreibt, gibt es wenig Verständnis: „Hierfür gibt es keinen gesonderten Tarif“, erklärt Pressesprecherin Diana Liebsch, „da die Preisliste bereits über umfangreiche Rabatt-Angebote verfügt.“ Zusätzliche Tarife einzuführen, sei aktuell nicht vorgesehen, denn „erfahrungsgemäß ist die Nachfrage nach zusätzlichen Tarifen sehr gering“. Zudem seien die Preise ohnehin bereits niedrig.

Der Behindertenbeauftragten des Landkreises, Franziska Pohling, reicht das nicht. Sie wünscht sich eine einheitliche Regelung für alle Bäder. Vor allem der Rabatt für die Begleitpersonen sei wichtig, denn: „Eine Begleitperson ist wie ein Hilfsmittel zu betrachten“, erklärt sie. Fortschrittlich erachtet sie die Situation im Nachbarland Frankreich: „Dort erhalten Menschen mit Behinderungen nicht nur eine Ermäßigung, sondern müssen an großen Attraktionen keine Wartezeiten in Kauf nehmen.“ Gerade die sei für Menschen mit Handicap manchmal ein Problem. „Diese Regelung wäre ein großer Mehrwert.“

Mehr zum Thema Bautzen