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Kritik an Dresdner Klinik-Plänen

Ein internes Papier zu geplanten Umstrukturierungen des Städtischen Klinikums Dresden sorgt für Wirbel.

Das Krankenhaus Dresden-Neustadt steht vor einer ungewissen Zukunft.
Das Krankenhaus Dresden-Neustadt steht vor einer ungewissen Zukunft. © Sven Ellger

Dresden. Es sind Pläne die für Unruhe sorgen: Um das finanziell angeschlagene Klinikum Dresden umzustrukturieren, haben die Stadt Dresden und das Städtische Klinikum externe Berater eingekauft. In einem vertraulichen Gutachten, dass der SZ vorliegt, schlagen die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young sowie die Klinikleitung jetzt massive Veränderungen bis hin zum Ende des Krankenhauses Dresden-Neustadt vor.  

Szenario A: Selbst wenn wie geplant viel Geld in die Krankenhäuser investiert, aber wenig verändert werde, sei mit Verlusten von rund zehn Millionen Euro pro Jahr zu rechnen, heißt es in dem Bericht. Für 2019 rechnet die Stadt derzeit mit einem Defizit von knapp zwölf Millionen Euro. 

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Szenario B: Das Krankenhaus Neustadt soll komplett geschlossen werden. Das Defizit läge pro Jahr aber immer noch bei rund acht Millionen Euro. Deshalb favorisieren Berater und Klinikleitung eine andere Variante

Bei Szenario C würde das Klinikum ab 2035 jährlich rund 16 Millionen Euro Gewinn abwerfen. Allerdings wären auch hierfür massive Investitionen notwendig. Das Krankenhaus Neustadt hätte keine Krankenhausbetten mehr, sondern nur noch eine Notfall-Ambulanz und ambulante Praxen. Ansonsten sieht der Plan dort Geschäfte und "städtische Angebote" vor.

Grüne kritisieren Notaufnahme ohne Bettenstation

Nach der Veröffentlichung der Überlegungen durch die SZ, reagieren nun die Gesundheitspolitiker der Stadtratsfraktionen: Ja, es spreche eine ganze Menge für das favorisierte Szenario, sagt etwa der Grüne Wolfgang Deppe. Er ist gesundheitspolitischer Sprecher der seiner Fraktion, selbst Arzt und leitet seit vielen Jahren eine Reha-Klinik für Kinder und Jugendliche bei Dresden. Aus seiner Sicht ist es bedenklich, dass in Trachau eine Notfallambulanz ohne angebundene stationäre Versorgung bleiben solle. Der Grund: "Ich werde als Rettungsarzt keine Notaufnahme anfahren, wenn nicht klar ist, ob der Patient stationär behandelt werden kann", so Deppe. Eine kleine Chirurgie, eine kleine Station für die Innere Medizin - das würde schon reichen. Die Infrastruktur sei schließlich schon da. "Hier sollte wirklich noch einmal durchgerechnet werden."

Gesprächsbedarf sieht der Mediziner auch bei dem Plan, im Krankenhaus Neustadt nur noch ambulant zu behandeln und zu operieren. "Das machen Arztpraxen auch." Solch ein ambulantes Zentrum müsse Patienten schon einen großen Zusatznutzen bieten.

Deppe sieht auch die Psychiatrie-Pläne skeptisch. Anstatt sie in Friedrichstadt oder in Bühlau und Friedrichstadt zu konzentrieren, könnte sie seiner Meinung nach Neustadt umziehen. Sein Vorschlag sei aber im städtische Gesundheitsausschuss auf wenig Gegenliebe gestoßen. So sei argumentiert worden, das Neustädter Krankenhaus befinde sich in unmittelbarer Nähe der Bahngleise - mit Blick auf die Selbstmordgefahr psychisch Erkrankter wäre eine Ansiedelung der Klinik dort kein guter Plan. "Das ist aber ein schwaches Argument", findet Deppe. In Friedrichstadt würden sich die Zuggleise nur etwas weiter entfernt befinden, der Bahnhof Dresden-Mitte ist fünf Gehminuten entfernt. "Dagegen hätte das Modell, die Psychiatrie in Neustadt anzusiedeln, den Charme, die vorhandenen, dann leeren Klinikgebäude weiter nutzen zu können." In Friedrichstadt gebe es gleichzeitig Kapazitäten für die Abteilungen, die laut den Plänen aus Neustadt wegziehen müssten. Das würde helfen, Baukosten zu sparen.

Linke: Fördermittel für Krankenhaus-Schließung zweifelhaft

Linke-Stadtrat Jens Matthis findet den Zwischenbericht unzureichend: „Da das Papier von Ernst & Young als vertraulich gekennzeichnet ist, darf ich mich als Stadtrat und Mitglied des „Begleitteams“ gegenwärtig zu den konkreten Inhalten noch nicht äußern", sagt er. "Allerdings ist das Papier – so viel darf man sagen – eher dünn. Finanzielle und versorgungspolitische Nachteile von Standortschließungen und Bettenabbau werden darin gar nicht näher erörtert."

Matthis fehlen Zahlen und Analysen. "Unabhängig von dem Papier glauben offenbar viele Verantwortliche in der Stadt und im Klinikum fest daran, dass Standortschließungen und Bettenabbau durch das Sächsische Sozialministerium mit üppigen Investitionsfördermitteln aus dem Krankenhausstrukturfonds belohnt würden. Im Lichte der jüngsten gesundheitspolitischen Diskussionen und auf Grund der begrenzten Mittel des Freistaates scheint das aber zweifelhaft." Matthis positioniert sich eindeutig gegen Schließungen: "Ich kann meiner Fraktion auf der Basis der mir bekannten Fakten nicht empfehlen, Standortschließungen und Bettenabbau im Städtischen Klinikum zuzustimmen.“

Zurückhaltung bei SPD und FDP

Auch die SPD tut sich wegen der Verschwiegenheitspflicht schwer. "Für uns ist die Versorgungssicherheit der Dresdner und der Menschen aus der Umgebung wichtig", so Stadträtin Viola Vogel. Sie sehe die Notwendigkeiten für Veränderungen, wegen der finanziellen Lage. "Die Mitarbeiter dürfen dabei nicht vergessen werden. Sie müssen beteiligt werden, wenn es zu Umstrukturierungen kommt."

Diese sieht FDP-Stadtrat Christoph Blödner als dringend notwendig. "Das zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre." Auf eine Schließung von Neustadt will auch er sich nicht festlegen. "Grundsätzliche Änderungen sind diskutabel. Wegen der teilweise geringen Auslastungen müssen Bereiche zusammengelegt werden. Wie diese genau ausgestaltet werden, das wird im Prozess erarbeitet."

Wegen der wirtschaftlichen Situation müsse man sich ernsthaft Gedanken machen, sagt Jens Genschmar, Fraktionschef der Freien Wähler. "Ich bin offen für alles. Allerdings will ich zunächst die Expertenanhörung abwarten, die für September geplant ist." Man müsse sich bei einer so schwerwiegenden Entscheidung Zeit nehmen. "Aber wir dürfen vorab keine Variante ausschließen."

Die AfD will sich zu dem Thema vorerst nicht äußern. Die Mehrheit der Fraktion sei aber für den Erhalt des Krankenhauses Neustadt. Eine Schließung oder eine Notfall-Ambulanz ohne reguläre Betten würde das Gesundheitssystem in Dresden deutlich schwächen.

Stadtverwaltung pocht auf Vertraulichkeit

In der Stadtverwaltung wollte man die Pläne auf Anfrage am Donnerstag nicht kommentieren. "Wir halten uns an die für das Begleitteam und den Betriebsausschuss geltende Vertraulichkeit", teilte das Rathaus mit. Fakt sei aber, dass die nun öffentlich gewordenen Informationen zur Zukunft des Klinikums im Moment nichts ändern würden. Die Verwaltung verweist auf den Stadtrat, der ohnehin das letzte Wort hat. Außerdem sei es noch ist es viel zu früh, um über konkrete Beschlussvorlagen zu sprechen.

Bevor der Stadtrat entscheidet, hat er die Möglichkeit, selbst eingeladene Experten um eine Einschätzung des neuen Betriebskonzeptes zu bitten. Das wird am 16. September der Fall sein. Ziel ist es, dass der Rat noch dieses Jahr eine Entscheidung trifft, sodass nächstes Jahr mit der Umsetzung begonnen werden könnte.

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