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Kritische Journalisten haben es in Ungarn schwer

Zwei erfahrene Kollegen berichten von Mutigen und Angepassten. Ein Text aus der Serie "Wie geht's, Brüder".

Márton Gergely (links) berichtet, wie es so ist, als leitender Redakteur in Ungarn unter der Orbán-Regierung eine Oppositionszeitung zu machen.
Márton Gergely (links) berichtet, wie es so ist, als leitender Redakteur in Ungarn unter der Orbán-Regierung eine Oppositionszeitung zu machen. © Mattias Schumann

Vom Balaton nach Budapest ist es ein Katzensprung. Eben mal rüber mit der Autofähre nach Tihany und dann die Autobahn in die Hauptstadt. Hier haben wir uns mit zwei Journalistenkollegen verabredet. Wir wollen wissen, ob man in Ungarn noch frei seinem Beruf nachgehen kann. Man hat ja einiges gehört und gelesen.

Gábor Miklós treffen wir in seinem Haus in den Budaer Bergen. Er ist ein alter Hase, inzwischen in Rente, er hat nichts mehr zu verlieren. Jahrzehnte war er beschäftigt bei Népszabadság, der einst größten Zeitung Ungarns, vor dem Umbruch KP-Zeitung, später ein angesehenes linksliberales Blatt. Aber wie alle Zeitungen im kleinen Ungarn kämpfte das Blatt mit Finanzproblemen, wurde von einem Eigentümer zum nächsten gereicht. 

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Schließlich landete es bei einem, wie Gábor Miklós ihn nennt, „Strohmann dieser Regierung, einem der bestangezogenen Kriminellen Europas“. Der guckte sich eine Weile mit an, wie die Zeitung weiterhin hart recherchierte und mehrere Skandale der Orbán-Regierung aufdeckte. „Dann machte er die Zeitung von einem Tag auf den anderen zu und tauschte die Schlösser aus.“ Es war ein Schock, nicht nur für die Kollegen dieser Zeitung, sondern für die ganze Medienbranche in Ungarn.

Eine Woche später stieg ein Mann namens Lőrinc Mészáros zum kleinen Medien-Tycoon auf, ein ehemaliger Gasinstallateur aus dem Geburtsort von Viktor Orbán. Die beiden waren schon immer dicke Kumpels, eine Grundvoraussetzung für politischen oder wirtschaftlichen Aufstieg in der Ära Orbán. Mészáros jedenfalls übernahm die bereits in einer Medienstiftung versammelten Regionalzeitungen Ungarns mit einem Schlag. Offiziell, um sie vor dem Untergang zu retten. 

Seither wird dort gemacht, was die Orbán-Regierung verlangt, die Chefredakteure setzen das durch. In den öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Radiostationen kannte man das schon. Gábor Miklós ist sich sicher: „Da traut sich niemand mehr zu zucken.“

Márton Gergely ist leitender Redakteur der oppositionellen Wochenzeitung HVG.
Márton Gergely ist leitender Redakteur der oppositionellen Wochenzeitung HVG. © Matthias Schumann

Márton Gergely, der zweite Kollege, schlägt uns als Treffpunkt am nächsten Morgen Szimpla Kert im jüdischen Viertel vor. „Weil das der am wenigsten illiberale Ort Ungarns ist.“ Szimpla Kert ist eine Mischung aus Biomarkt und vielen Kneipen in einem großen Hinterhof, in dem es aussieht wie in der Dresdner Neustadt vor Jahrzehnten: kaum Putz an den Wänden, viele Graffiti, Fahnen, Grünpflanzen. Ein chaotischer Ort, wunderbar.

Márton Gergely ist als leitender Redakteur für die Titelgeschichten der oppositionellen Wochenzeitung HVG zuständig, der größten Wochenzeitung des Landes. Sie spielt etwa die Rolle wie der Spiegel bei uns. Bei Kaffee und Frühstücksgebäck berichtet er, dass seine Zeitung im Gegensatz zu anderen schon unabhängig berichten kann. 

Gerade erst hatten sie auf dem Titel eine Geschichte über die Ehefrau eines Staatsministers, die eben noch Fotomodell einer Sportartikelfirma war und in kurzer Zeit mithilfe einflussreicher Freunde Eigentümerin einer umsatzstarken Fitness-Kette wurde. So was ist in Ungarn durchaus üblich, man nutzt halt seine Möglichkeiten. Der Artikel hat der Regierung gar nicht gefallen, aber sie muss so etwas hinnehmen.

Sie rächt sich anders. Bei der Recherche behindern Behörden die Journalisten, wo sie können. Informationen werden hinausgezögert, zurückgezogen oder ganz verweigert. Kaum ein Staatsbediensteter traut sich noch, mit Namen veröffentlicht zu werden. Wenn eine Zeitung aber immer wieder ihre Quellen nicht nennen darf, dann leidet die Glaubwürdigkeit, erklärt Gergely. Dann hat es die Regierung leicht, Fake News zu unterstellen. Außerdem drückt die Finanznot, Anzeigen werden gern auf die regierungsfreundlichen Blätter umgelenkt und die kritischen Blätter „vergessen“. Márton Gergely hatte bereits zwei Gehaltskürzungen zu schlucken.

Und wieso geben Journalisten regierungsnaher Medien dem Druck nach und machen mit?

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Es ist wie früher, meint der leitende Redakteur. „Die einen sagen, ich arbeite ja nur im Sport oder im Wissenschaftsressort. Andere können es sich einfach finanziell nicht leisten, ihren Job zu verlieren, weil sie eine Familie ernähren müssen. Und schließlich gibt es da auch noch die Orbán-Gläubigen.“

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