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Kühle Köpfe für einen heißen Job

Ein Dutzend Görlitzer baut in Israel 72 neue Doppelstockwagen.

Von Frank Seibel

Wenn Thomas Banke morgens aus dem Fenster schaut, sieht er, was er getan hat. Und was noch zu tun ist. Unten am Fuße des 20-geschossigen Hotels im Business-Bezirk von Tel Aviv wartet ein langer roter Zug auf seine nächste Fahrt. Und rechts und links vom futuristischen Bahnhof kriechen Massen von Autos über zwei mehrspurige Straßen auf das Zentrum der israelischen Metropole zu. So lange es diese Blechlawine auf den Straßen gibt, ist für den Görlitzer die Arbeit noch nicht vom Tisch. Denn die roten Doppelstockwagen unten auf den Gleisen hat der Görlitzer mit seinem Team von Bombardier Transportation gebaut. Und die israelische Regierung wird auch in den kommenden Jahren viel Geld in den Ausbau des Eisenbahnverkehrs investieren, damit die Autoflut abebbt und es irgendwann nicht mehr eine Stunde dauert, um im Berufsverkehr zehn oder zwanzig Kilometer aus dem Umland nach Tel Aviv zurückzulegen.

Charlotte Meentzen
Pioniergeist und Weitblick in Naturkosmetik vereint
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Für Hautbedürfnisse gilt dasselbe wie für Beziehungen oder Arbeitssituationen: Die richtige Balance sorgt für langfristiges Wohlbefinden. Charlotte Meentzen hat schon damals verstanden, dass schöne Haut am erfolgreichsten zusammen mit dem Geist gepflegt wird.

Oft war der 44-jährige Ingenieur in den vergangenen Jahren in Israel. Denn seit dem ersten großen Vertrag aus dem Jahr 1999 hat das Görlitzer Bombardierwerk schon 300 rote Doppelstockwagen an die israelische Staatsbahn geliefert. Im September 2012 haben beide Partner ihren bislang letzten großen Vertrag abgeschlossen: 72 Waggons im Wert von 122 Millionen Euro. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hat sich Thomas Banke beinahe alle zwei Wochen auf den Weg von Görlitz nach Tel Aviv gemacht, um einen der wichtigsten Aufträge für das Görlitzer Werk zu steuern. Denn mit acht Millionen Einwohnern ist Israel zwar ein kleines Land. Doch die israelische Staatsbahn zählt zu den wichtigsten Kunden für das Görlitzer Werk.

Der März war gewissermaßen ein Finale. Zum Ende des Monats musste der erste Waggon fix und fertig an die Staatsbahn übergeben werden. Das ist viel mehr als ein Zweiundsiebzigstel dieses Auftrages. Denn auf den ersten Waggon kommt es an. Für den müssen alle Probleme gelöst, alle Extrawünsche erfüllt sein. Bis zum letzten Tag wird zwischen Hersteller und Kunde um Details gerungen: Was geht noch besser, was sprengt das Budget? Wenn die Nummer Eins über die Ziellinie rollt, ist der Rest reines Handwerk, und die Entwicklungsingenieure können sich neuen Aufgaben zuwenden.

Für diese letzte Dienstreise im März steht ein offizieller Akt auf dem Programm. In Lod, eine halbe Stunde südlich von Tel Aviv, nimmt die Staatsbahn in ihrem Depot nicht nur den ersten, sondern vier weitere Waggons in Empfang. Der Chef der Staatsbahn wird erwartet, der Chef von Bombardier in Israel natürlich auch. Großer Bahnhof also, passend zum Thema. In Deutschland wäre das die Bühne für dunkle Anzüge, feine Krawatten und gestelzte Reden. Thomas Banke hat ein weißes Hemd und ein sportliches Sakko mit. Er weiß: Das wird reichen, hier in Israel, wo zwei offene Hemdknöpfe die Krawatte ersetzen.

Doch bevor die Kapitäne sich miteinander über den Etappensieg freuen, steht für Thomas Banke der Besuch bei der Mannschaft an. Vom Hotel geht es eineinhalb Stunden in Richtung Süden. In der Wüste liegt das schlichte Städtchen Dimona, an dessen Rand Bombardier eine Fertigungshalle angemietet hat. Das ist zwar weit weg vom zentralen Bombardier-Büro in Tel Aviv, weit weg auch vom Flughafen. Aber für Industrie-Anlagen in diesem strukturschwachen Gebiet zahlt Israels Regierung Fördermittel, sodass die Waggonbauer hier günstiger produzieren können als etwa in Be‘er Sheva, wo sie vor acht Jahren waren und wo mittlerweile die Preise stark gestiegen sind. Auch, wenn bei diesen Aufträgen viele Millionen Euro fließen, sind die Verträge bis ins Detail hart ausgehandelt worden.

Einer, der sich an diese Verhandlungen besonders gut erinnert, heißt Siegfried Deinege. Er hat 1999 und 2010 zwei große Rahmenverträge in Israel für Görlitz gesichert, als er noch Bombardier-Manager war und nicht Oberbürgermeister: 147 Fahrzeuge, dann 150 Fahrzeuge und nun noch einmal 72. Vor allem an einen Verhandlungspartner auf der anderen Seite erinnert sich Deinege. Das war damals ein Mann von Ende Vierzig, schlank, sehr kultiviert und humorvoll – aber knallhart und mit allen Wassern gewaschen. „Der ist mir damals bei den Verhandlungen so auf die Nerven gegangen, dass ich ihn abgeworben und zu uns geholt habe.“ Siegfried Deinege grinst heute vergnügt, wenn er von seinen Abenteuern als Bombardier-Manager in Israel denkt. Heute ist jener knallharte Verhandler der wichtigste Mann für Bombardier in Israel: Yossi Daskal, Bombardier-Chef des Landes. Er ist heute derjenige, der in Tel Aviv und Jerusalem alle Türen kennt, durch die man gehen muss, um dabei zu sein, wenn die israelische Staatsbahn ab 2018 auf der neuen Strecke Tel Aviv und Jerusalem in nur 27 Minuten miteinander verbinden will, wenn immer mehr Berufspendler vom Auto in die Bahn umsteigen, und wenn die (inoffizielle) Hauptstadt Jerusalem demnächst eine zweite und eine dritte Straßenbahnlinie einrichten wird. Dann, hofft Yossi Daskal, soll neben Görlitz mit seinen Doppelstockzügen auch Bautzen mit seinen Straßenbahnen in Israel vertreten sein. Die bisher einzige Linie wird noch vom Konkurrenten Siemens-Alstom bedient. Aber wenn Yossi Daskal gut drauf ist, muss das nicht ewig so bleiben. 80 Prozent aller Züge in Israel stammen schon jetzt von Bombardier, rechnet er vor, gibt sich aber großzügig und bescheiden: „Hundert Prozent werden es wohl nicht werden. Die anderen müssen ja auch leben.“ Solche Sätze sagt der große Mann mit den kurzen grauen Haaren mit dem feinen Lächeln eines Mannes, der zu viel erlebt hat, um überheblich zu sein.

Yossi Daskals Verhandlungsgeschick verdankt auch Sven Schulz ein besonders interessantes Kapitel seiner bisherigen Berufslaufbahn. Der 34-jährige Görlitzer ist schon zum zweiten Mal für ein knappes Jahr in Israel und leitet nun in Dimona das Team aus elf deutschen und 15 israelischen Waggonbauern. Schulz ist ein kräftiger Mann mit breiten Schultern, kurzen blonden Haaren und einem großen Tattoo auf der Wade des linken Beines. Das ist hier auch im Werk oft zu sehen. Denn die schlichte Halle aus Stahlblech ist ein heißer Arbeitsplatz. Jetzt, im Frühling, sind es in Dimona nur erfrischende 25 Grad, aber im Sommer, sagt Schulz, wird es hier oft unerträglich heiß. 40 bis 45 Grad im Schatten; aber während draußen immer mal noch ein Wind weht, steht in der Fertigungshalle dann die Luft, und selbst den Einheimischen geht dann bisweilen die Puste aus. „In den Waggons muss man dann aufpassen, wenn man die Handläufe aus Metall anfasst“, sagt Sven Schulz. Er nimmt mit seinem Team in Dimona schon richtige Waggons in Empfang, die im Görlitzer Werk hergestellt wurden und den Weg über die Häfen in Bremen und Haifa binnen drei, vier Wochen bis in den Süden Israels genommen haben. Hier beginnt dann die Feinarbeit. Tischler aus Israel bauen Verkleidungen ein, Elektriker ziehen Kabel für die automatischen Türöffner, die Klimaanlage oder auch den Bordfunk.

Für den Laien sehen die roten Doppeldecker aus wie alle anderen, die das Görlitzer Werk verlassen. Auch die dritte Tranche für Israel wird noch so gebaut wie 1997, das Jahr, nach dem diese Baureihe auch benannt ist: DO 97. Die hat sich in dem heißen und in weiten Teilen kargen Land als robust und zuverlässig erwiesen. Aber im Inneren stecken bei jeder Tranche neue Geheimnisse, die auf spezielle Wünsche der israelischen Staatsbahn zurückgehen. Eine besondere Herausforderung ist die Klimaanlage. In Deutschland ist sie auf Temperaturen von 25 bis 30 Grad ausgelegt; wärmer wird es hier selten. In Israel sind 40 Grad der Standard. Und ohne Klimaanlage läuft hier nichts. Eine andere Herausforderung werden die 800 Höhenmeter sein, die zwischen den Städten Tel Aviv und Jerusalem liegen. Über eine Distanz von 60 Kilometern steigt der Weg kaum merklich, aber nahezu durchgängig an. Bislang machen Bahn und Autobahn einen Bogen um die Berge. Doch um die Fahrzeit auf 27 Minuten zu verkürzen, führt die neue Trasse geradeaus mitten durch die sandigen Hügel. Das bedeutet für die Fahrt nach Jerusalem, dass die Motoren der Loks stark sein müssen; auf dem Rückweg nach Tel Aviv müssen die Bremsen perfekt sein, und zwischen Lok – die derzeit von einem anderen Hersteller in Spanien kommt – und den Waggons mit ihren Sicherheitssystemen muss die Abstimmung exakt passen.

Die bis zu zwanzig Kilometer langen Tunnel haben die Ingenieure und Techniker von Bombardier vor besondere Herausforderungen gestellt. „Die Notbremse muss so eingestellt sein, dass der Zug nicht plötzlich mitten im Tunnel anhält“, erklärt Projektleiter Thomas Banke. „Der Lokführer muss ein Signal bekommen, damit er zwingend an der nächsten Stelle anhält, wo die Leute sicher aussteigen können.“ Und Sven Schulz weist auf spezielle Ummantelungen für die Kabel hin, die auch im Falle eines Brandes sicherstellen, dass sich die Türen öffnen lassen und dass der Lokführer mit Zugbegleitern und Fahrgästen trotz Feuer kommunizieren kann. Die Görlitzer sind in diesem Prozess die Experten, die ihr Wissen an die Kollegen in Israel weitergeben. Wenn die ersten Wagen fertig und abgenommen sind, reist ein Teil des Görlitzer Teams zurück nach Deutschland. Sven Schulz bleibt, weil er die Verantwortung für die Mannschaft in Dimona hat. Die Zusammenarbeit mit den israelischen Kollegen hat diesmal vom Start weg gut geklappt, sagt Schulz. „Wir haben viele Leute im Team, die schon beim vorherigen Auftrag mit uns gearbeitet haben.“ So hatten israelische Lässigkeit und deutsche Gründlichkeit genügend Gelegenheit, sich miteinander zu verschwistern. „Anfangs mussten wir den Kollegen noch klar machen, dass halb zehn bei uns halb zehn heißt – nicht dreiviertel oder um zehn.“ Sven Schulz schmunzelt. Im Gegenzug haben er und seine Kollegen viel gelernt von der Lebensfreude und der Gelassenheit ihrer Kollegen. Religiöse Strenge steht dazu nicht unbedingt im Widerspruch. So passiert es regelmäßig, dass ein Vorarbeiter mit ausgefransten Jeans sich auf einmal einen Gebetsriemen um den Arm wickelt, sich „so’n Würfel“ mit Thora-Texten an die Stirn heftet und die Rolle eines Vorbeters einnimmt. Niemals, betont Sven Schulz, seien sie von den jüdischen Kollegen auf den Holocaust und den Nationalsozialismus angesprochen worden. „Die jungen Leute sind da ganz entspannt: Das war zwei Generationen vor uns, damit haben wir nichts mehr zu tun.“ Die Generation des Bombardier-Chefs schon: Yossi Daskal, dessen Familie aus Rumänien stammt, hat enge Angehörige in Auschwitz verloren. Aber auch zwischen den Chefs überschattet das heute kein Gespräch mehr.

Sven Schulz erlebt die Folgen historischer Entwicklungen heute auf seine Weise. Mit seinen Kollegen lebt er in diesem Jahr in Ruchana, einem Kibbuz etwa 60 Kilometer nordöstlich vom Bombardier-Werk in Dimona. Hier wohnen die Görlitzer zwar etwas separat im Gästehaus, aber doch mitten unter jungen Israelis in der Nähe des Gaza-Streifens. Die Görlitzer haben sich daran gewöhnt, dass ab und zu eine palästinensische Rakete über den Kibbuz hinweg fliegt und unkontrolliert irgendwo aufschlägt und detoniert. Und manchmal, sagt Schulz, ärgert er sich über die Berichterstattung in den deutschen Medien. „Da wird dann nur berichtet, wenn die Israelis einen Hamas-Führer töten. Die Vorgeschichte mit wochenlangen gefährlichen Provokationen wird ausgeblendet.“ Sven Schulz erlebt die unglaublich komplizierte Lage im Nahen Osten aus einer ganz besonderen Perspektive.

Wie er, staunt auch Thomas Banke über die Liebenswürdigkeit und Friedfertigkeit der Menschen hier; wie passt das alles zu den Bildern im Fernsehen, die Politiker mit abwechselnd wütenden oder besorgten Gesichtern zeigen, ruppige Soldaten oder religiöse Eiferer? Um das alles zu verstehen, reichen vermutlich auch zwei Jahre in Israel nicht aus. Schließlich sind die Görlitzer ja vor allem hier, um Züge für Israel zu bauen. Und Thomas Banke hat bei seinen kurzen Dienstreisen im besten Fall mal Zeit, im Mittelmeer zu baden, das vom Hotel nur zwanzig Taximinuten entfernt ist.

Der Mann, der die ersten Millionenaufträge aus Israel nach Görlitz geholt hat, ist längst ein großer Freund des kleinen Landes. Der Görlitzer Oberbürgermeister Siegfried Deinege fährt bald wieder in den Urlaub dorthin und besucht Freunde, die mal Kollegen oder Konkurrenten waren. „Es ist ein tolles Land“, sagt er.