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Hoyerswerda

Kulturgut für die Nachwelt erhalten

Die Lohsaer Kirchenorgel 1871 wird restauriert. Am 4. Advent, am 22. Dezember, soll sie wieder erklingen.

Jiři Kocourek, künstlerischer Leiter der Fachfirma, erläuterte jüngst Günter Wenk vom Gemeindekirchenrat der Evangelischen Gemeinde Lohsa, die Details der Restaurierung.
Jiři Kocourek, künstlerischer Leiter der Fachfirma, erläuterte jüngst Günter Wenk vom Gemeindekirchenrat der Evangelischen Gemeinde Lohsa, die Details der Restaurierung. © Foto: Andreas Kirschke

Lohsa. Heiligabend soll sie Ehre und Lobpreis Gottes künden und wieder die Lohsaer Kirchenbesucher erquicken. „Sie eignet sich für die gesamte Begleitung des Gottesdienstes, ebenso für Vorspiel und Nachspiel. Von Barock bis zur Spätromantik lassen sich Werke verschiedener Epochen darauf spielen“, unterstreicht Jiři Kocourek, künstlerischer Leiter der Fachfirma Hermann Eule Orgelbau Bautzen. Aufwendig und detailgetreu restauriert der Bautzener Spezialist seit Ende 2018 die Orgel der Evangelischen Kirche Lohsa. Über Notwendigkeit und Inhalte sprach Andreas Kirschke mit dem Orgel-Fachmann.

Herr Kocourek – in welchem Zustand war die Orgel vor der Sanierung?

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Sie war stark ausgespielt, abgenutzt, verschlissen. Im Innern etlicher Pfeifen nagte seit Jahren der Holzwurm. Zudem waren einige Pfeifen stark verschmutzt. Das wirkte sich auf die Spielbarkeit, die Stimmung und die Klanggebung negativ aus. Betroffen war vor allem das Pfeifenwerk.

Wie dringend notwendig ist jetzt die Restaurierung?

Sehr dringend! Der Holzwurm arbeitet sich immer weiter vor. Der technische Zustand verschlechtert sich zusehends. Die Orgel bricht zwar noch nicht zusammen, aber ihr Klangbild leidet. Wir müssen handeln.

Wie einzigartig ist die Lohsaer Orgel?

Sie stammt aus der Zeit der Romantik (siehe Informationskasten am Ende dieses Beitrags, d. Red.). Im Jahr 1871 baute sie Wilhelm Rühlmann aus Zörbig im Auftrag der Firma Friedrich Ladegast aus Weißenfels. Der ursprüngliche Klang ist sehr dynamisch und gefühlvoll. Es ist ein sehr schöner, raumfüllender und abgerundeter Klang. Er zeugt vom Gleichgewicht zwischen dem klassischen Klang der sächsischen Barockzeit und dem gefühlvollen, romantischen Klang der Flöte und der Streicher. In der gesamten Oberlausitz gibt es nur noch in Reichenbach bei Löbau eine vergleichbare Ladegast-Orgel.

Die Orgel hat eine bewegte Geschichte?

Seit 1912 betreut unsere Firma diese Orgel. Das ist aktenkundig nachgewiesen. 1917 wurde ein Großteil der sogenannten Prospektpfeifen aus Zinn an der Stirnseite der Orgel ausgebaut. Diese Pfeifen wurden dann für Kriegszwecke eingeschmolzen. 1925 erhielt die Lohsaer Kirchenorgel als Ersatz die weit schlechter klingenden Pros-pektpfeifen aus Zink. 1947 wurde die Orgel umfangreich umgebaut. Seitdem blieb ihr Klangbild uneinheitlich. Die Originaltechnik von 1871 blieb bis heute weitgehend erhalten. Das Pfeifenwerk ist zu rund 50 Prozent noch erhalten.

Wie aufwendig ist die Restaurierung?

Sie erfordert viel Zeit und Liebe zum Detail. Zuerst haben wir die Orgel ausgebaut und sämtliche Details dokumentiert. Danach haben wir die Pfeifen gründlich gereinigt und den Holzwurm behandelt. Ebenso müssen wir Furnier- und Tastenteile sowie viele Lederteile und Drähte erneuern.

Doch damit nicht genug ...

Ein wichtiger Komplex sind die Windladen. Das sind sehr komplexe wind- also die Spielluft führende Teile aus Massivholz, die restauriert werden müssen. Überall stellten wir dort Risse fest. Wichtig ist, sie jetzt sachgerecht zu schließen. Zweiter Schwerpunkt ist der Klang: Er ging verloren durch den Umbau 1947. Viele Pfeifen müssen wir vollständig nachbauen, um den hochromantischen Klang der Orgel von 1871 originalgetreu wiederherzustellen.

Wie kann das gelingen?

Das geht nur mit einem gezielten und gut durchdachten Konzept sowie handwerklichem und restauratorischem Fachwissen. Die gesamte Orgel hat über 1 100 Pfeifen. Die erste Gruppe sind die noch im Ganzen erhaltenen Pfeifen. Wir prüfen sie sorgfältig, setzen sie instand. Die zweite Gruppe sind die 1947 umgebauten Pfeifen. Wir führen sie in den Originalzustand zurück. Die dritte Gruppe sind gänzlich fehlende Pfeifen. Sie müssen nachgebaut werden. Als Vorlage dient uns vor allem die Orgel in Niederwünsch bei Merseburg. Sie entstand 1872. Sie ist der Lohsaer Orgel sehr ähnlich.

Wie verfahren Sie weiter?

Im September beginnt der Wiedereinbau der Orgel vor Ort in der Lohsaer Kirche. Zuerst installieren wir die Technik. Dann bauen wir das Pfeifenwerk ein. Es folgt die Intonation (die Klanggebung) als anspruchsvollster, künstlerischer und zeitintensivster Schritt. Jede einzelne Pfeife wird in ihrer Klangfarbe wieder in Rühlmanns Originalzustand von 1871 zurückversetzt. Dafür haben wir sehr erfahrene Orgelbauer mit geschultem Gehör und mit musikalischem Feinsinn. Das Einzigartige der Lohsaer Kirchenorgel ist: sie eignet sich hervorragend zur Begleitung der Gemeinde in den Gottesdiensten, sie eignet sich aber auch für eine zarte Pastorale und für ein Sommerkonzert. Von Johann Sebastian Bach über Johannes Brahms, Gustav Merkel bis Max Reger lassen sich Werke verschiedener Komponisten darauf spielen.

Auch die Werke des sorbischen Litschener Komponisten Jan Paul Nagel?

Selbstverständlich. Die Herausforderung ist, Rühlmanns Klang von 1871 nachempfindbar zu machen. Der eigene Stil unserer heutigen Orgelbauer soll bei der Klanggebung nicht spürbar sein. Die Lohsaer Orgel soll in ihrem Urzustand mit ihrem vollen Klangbild wieder erfreuen.

Zur Restaurierung gehören auch die zwei Zimbelsterne ...

Ihr Einbau ist der letzte Schritt. In einigen Kirchen wie zum Beispiel in Groß Särchen, in Nieder Seifersdorf und in Markersdorf gibt es die Zimbelsterne. Sie klingen Heiligabend wunderbar begleitend zum Lied „O du fröhliche“. So soll es auch in Lohsa wieder sein. Das war im 19. Jahrhundert eine Besonderheit in der Oberlausitz.

Herr Kocourek – was erhoffen Sie sich langfristig von der Restaurierung?

Die Lohsaer Kirchenorgel gehört zum Oberlausitzer Kulturerbe. Ich freue mich, dass wir sie bald wieder im Originalzustand hören dürfen. Das ist eine Bereicherung der Orgellandschaft der Lausitz. Gerade die Lohsaer Orgel ist eine besondere Orgel: mit ihrem majestätischen, dynamischen Klang der Hochromantik, mit ihren vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, mit ihren technischen und baulichen Feinheiten und Details ... Sie ist keine Museumsorgel, sondern sie soll künftig immer wieder viele Menschen erfreuen.

Am Heiligabend 2019 soll die restaurierte Kirchenorgel wieder im Gottesdienst die Besucher erfreuen. Bereits zuvor, am vierten Advent 2019 (also am 22. Dezember / Sonntag), sind am Vormittag die Wiedereinweihung der Orgel und am Nachmittag ein kleines Konzert geplant.

Lohsas Orgel, zerlegt in ihre Bestandteile, ist derzeit in Bautzen. 
Lohsas Orgel, zerlegt in ihre Bestandteile, ist derzeit in Bautzen.  © Foto: Andreas Kirschke
Ins Restaurierungsprogramm gehören auch die zwei Zimbelsterne. Ihr Einbau ist der letzte Schritt.
Die Zimbel, eigentlich „kleines Becken“, ist ein Orgelregister von heller, silberner Klangfarbe. 
Ins Restaurierungsprogramm gehören auch die zwei Zimbelsterne. Ihr Einbau ist der letzte Schritt. Die Zimbel, eigentlich „kleines Becken“, ist ein Orgelregister von heller, silberner Klangfarbe.  © Foto: privat