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Wegen Corona: Großauftrag statt Kurzarbeit

Von der Verkäuferin bis zur Chefin: Alle saßen über Wochen an der Nähmaschine. Denn ein Produkt der Bretniger Firma Kunath war plötzlich begehrt wie nie.

Während des Lockdowns in der Corona-Krise ratterten die Nähmaschinen bei der Firma Kunath in Bretnig 14 Sunden am Tag, um auf die riesige Nachfrage nach Mundschutz zu reagieren.
Während des Lockdowns in der Corona-Krise ratterten die Nähmaschinen bei der Firma Kunath in Bretnig 14 Sunden am Tag, um auf die riesige Nachfrage nach Mundschutz zu reagieren. © Matthias Schumann

Großröhrsdorf. Ein Anruf aus dem Universitätsklinikum Dresden brachte Anfang März alles ins Rollen: „Ob wir noch textilen Mundschutz haben, war die Frage“, erinnert sich Grit Hartmann. Sie ist Geschäftsführerin der F. W. Kunath im Großröhrsdorfer Ortsteil Bretnig. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren einen Namen durch modische Berufsbekleidung für die Medizinbranche gemacht.

In der Uni-Klinik hatte sich vielleicht jemand  an DDR-Zeiten erinnert, spekuliert Grit Hartmann. Als VEB Konfektion Großröhrsdorf, Werk 7, kurz Schürko (Schürzenkonfektion), war die Firma damals Alleinhersteller für OP-Bekleidung zwischen Rostock und Suhl – Mundschutz inklusive . Die Mund-Nase-Masken sind heute nur noch ein Randprodukt bei Kunath-Textilien. Die Produktion liegt bei einigen Hundert Stück im Jahr, für Tierärzte zum Beispiel.

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Doch plötzlich war das Stückchen Stoff wegen der Corona-Pandemie gefragt wie noch nie. So erlebte der Mundschutz ein Comeback in Bretnig. Nach der Lieferung an die Uniklinik klingelten sich die Telefone heiß – Kliniken von Magdeburg bis Mainz standen Schlange. „Wir konnten gar nicht mehr alle Anfragen bewältigen“, sagt Grit Hartmann.

Grit Hartmann führt die Firma Kunath, die vor allem Arbeitsbekleidung herstellt.
Grit Hartmann führt die Firma Kunath, die vor allem Arbeitsbekleidung herstellt. © Matthias Schumann

Von März bis Mai waren es über 150.000 Masken, die mit Unterstützung von fünf Subunternehmern und Heimarbeitern gefertigt wurden. Zwischenzeitlich arbeiteten bis zu 90 Näherinnen fürs Unternehmen. Die hatte das Unternehmen sogar per Facebook und Instagram händeringend gesucht. Von 6 bis 20 Uhr ratterten alle 30 Nähmaschinen pausenlos in zwei Schichten. Alles war auf Mundschutz umgestellt. Daneben  waren noch Schutzkittel ein Renner. Davon lieferte das Unternehmen über 16.000 Stück aus. 

Die Mitarbeiterinnen der Verwaltung und die Verkäuferinnen wechselten von ihren Arbeitsplätzen an die Maschinen. Sogar die Chefin selbst klemmte sich zeitweise hinter ein Gerät. Die 56-Jährige kann sich seit der Kindheit nicht daran erinnern, dass einmal alle Nähmaschinen besetzt gewesen sind. Es sei auch ein logistischer Kraftakt gewesen, die Bestellmengen zu bewältigen.

Schneidermeisterin Ilona Stegemann spricht von vielen Überstunden: „Die Schutzmasken wurden ja gebraucht.“ Bis zu 800 Stück nähte die Meisterin teilweise täglich. Und gibt zu, sogar vom Mundschutz geträumt zu haben. Die ganze Belegschaft sei an den Nähmaschinen zusammengerückt, so Stegemann.

Neue Kunden gewonnen

Fast jede Unternehmergeneration des Berufsmode-Herstellers hat ihre Krise erlebt. Der Urgroßvater den Ersten Weltkrieg. Der Großvater und die Eltern den Zweiten Weltkrieg, dann den Sozialismus. Schließlich das Ende der DDR, mit der politischen Wende 1990 und der Rückübertragung. Die managten ebenfalls die Eltern und erlebten dabei auch bittere Zeiten. Zum Beispiel als die Ware kistenweise zurückkam, weil DDR-Produkte nicht mehr gefragt waren. Bis auf 45 Mitarbeiter schmolz die Belegschaft. Heute sind es 60, in der Mehrheit Frauen.

Aber selbst mit Verstaatlichung zu VEB-Zeiten blieb die Leitung in Familienhand. Nun liegt sie bei Grit Hartmann. Eigentlich wollte sie das nicht. Weil es in der Familie selbst am Abendbrottisch immer nur um die Firma gegangen war. Aber es kam doch anders für die studierte Betriebswirtin. Sie landete im Familienbetrieb. So erlebte jetzt die fünfte Generation ihre Krise. Oder nicht? „Es war eine sehr anstrengende Zeit, aber als Krise haben wir den Lockdown für unsere Firma nicht wahrgenommen, so eine Ausnahme-Situation aber auch noch nie erlebt“, sagt Grit Hartmann. 

Es sei eher Glück gewesen, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben. „Wir konnten die Jobs sichern, neue Kunden gewinnen und Kontakte knüpfen“, sagt die Chefin. Und weil der eigene Fachmarkt schließen musste,  nutzte die Firma Kunath die Zeit zum Umbau. Das bleibt. Alles andere war ein Strohfeuer ohne große Perspektive. Das sei ihr schon im März klar gewesen. Nach den turbulenten Wochen sei das Unternehmen vom Ausnahmezustand wieder auf dem Weg in den Normalmodus und so manche Mitarbeiterin froh darüber.

Über 200 Artikel im Sortiment

Die letzten Corona-Lieferungen gehen in diesen Tagen an die Kunden. Das Kerngeschäft zählt. Das ist Berufsmode für medizinisches Personal, für Pflegeheime, Arztpraxen oder Physiotherapien. Vom Design über den Zuschnitt bis zum fertigen Produkt kommt alles aus einem Haus. Dazu von der Farbe bis zum gestickten Firmenlogo alles nach Wunsch. Allein 500 Kittel nähen die Mitarbeiterinnen  täglich. Über 20.000 Artikel hat die Firma im Sortiment. Schick und praktisch soll die Kleidung sein bis hin zu Kleinigkeiten wie Handy- oder Schlüsseltaschen. Manchmal sind die Extras entscheidend. Über diesen Dingen wird in der Musterstube getüftelt. Oft seien die Modelle Gemeinschaftsprodukte, sagt Grit Hartmann. An denen ist nun auch schon die sechste Generation beteiligt, die mit Sohn Christian und Tochter Stefanie in der Firma nachrückt. Sie muss dann irgendwann andere Krisen bewältigen.

Grit Hartmann geht jetzt lieber wieder zu den Kunden, als an die Nähmaschine. Die Chefin ist in ganz Deutschland unterwegs. Manchmal kommen 2.000 Kilometer in einer Woche zusammen. Sogar im Rügen-Urlaub rückte sie mit dem aktuellen Katalog zu Kunden aus. Dabei sind die Schutzmasken jetzt wieder ein Randprodukt.

Während der Corona-Zwangspause hat das Unternehmen seinen Fachmarkt in Bretnig umfangreich modernisiert. Jetzt ist der neu gestaltete Werksverkauf wieder geöffnet.
Während der Corona-Zwangspause hat das Unternehmen seinen Fachmarkt in Bretnig umfangreich modernisiert. Jetzt ist der neu gestaltete Werksverkauf wieder geöffnet. © René Plaul

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