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Feuilleton

Kunst aus der DDR, mal ganz anders

In der DDR malten Künstler auch auf Packpapier und Faltrollos. Das Cottbuser Kunstmuseum präsentiert eine einzigartige Sammlung.

Andreas Küchlers Rollo „Und morgen kommt Hanns Isegrimm, da wird’s schlimm“ ist ein Hauptwerk der Rollomalerei in der DDR Mitte der 80er-Jahre. Diese Figur wurde Küchlers alter ego: Der Mensch bedrängt von seiner Umwelt.
Andreas Küchlers Rollo „Und morgen kommt Hanns Isegrimm, da wird’s schlimm“ ist ein Hauptwerk der Rollomalerei in der DDR Mitte der 80er-Jahre. Diese Figur wurde Küchlers alter ego: Der Mensch bedrängt von seiner Umwelt. © dkw Cottbus

Glaubt man Rainer Zille, dann war die Kunst, auf Papierrollos zu malen, der Gipfel aller Kunstbestrebungen im letzten Jahrzehnt der DDR. 

Der Dresdner Maler hatte zu einer Ausstellung in Cottbus ein grandioses Objekt eingereicht: Vor einem abgewohnten Fenster, leicht schief hochgezogen und schräg am Fensterknauf verknotet, hängt ein unbemaltes Faltrollo. Original DDR-Ware; EVP 4,30 Mark. Hinter dem Fenster liest man einen Text auf Russisch, der wie ein Manifest die unumstößliche Genialität der Malerei auf Faltrollos beschwört. „Aber Zille selbst hat nie ein Rollo bemalt“, erzählt Jörg Sperling. 

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Der Kustos des Cottbuser Kunstmuseums Dieselkraftwerk (dkw) hat dieser ganz besonderen und nur im dkw gesammelten Malerei eine Ausstellung gewidmet. „Papier ist (un)geduldig“ heißt sie und zeigt neben bemalten Rollos auch Künstlerplakate und Künstlerbücher aus den 80er-Jahren in der DDR.

Angela Hampels „Kassandra“ entstand 2010. Bis heute pflegt die Künstlerin auch das Malen und Zeichnen auf Alltagsgründen. 
Angela Hampels „Kassandra“ entstand 2010. Bis heute pflegt die Künstlerin auch das Malen und Zeichnen auf Alltagsgründen.  © dkw Cottbus

Zilles russisches Plädoyer dafür, dass das Rollo ans Fenster gehört, könnte man als ironischen Kommentar auf das wilde Treiben seiner Malerkollegen in jener Zeit verstehen. Aber war das zusammengefaltete Papier, das immer an der Schnittstelle zwischen innen und außen hängt, nicht auch eine starke Symbolik für die längst im Koma liegende DDR?

Als Urvater der Faltrollomalerei in der DDR gilt Dieter Ladewig. Er war der Erste von vielen, die in dem billigen und leicht zu transportierenden Malgrund eine „spannende Erweiterung der Tafelbildmalerei entdeckten“, sagt Jörg Sperling. Ladewig zeigte 1984 in Magdeburg die Installation „Desastres de la Guerra“.

Im Jahr darauf initiierten Christoph Tannert und Micha Kapinos im Clubhaus Coswig bei Dresden ein Kunstereignis am Rande der Legalität. Im Vorfeld hatten sie an vierzig Künstler Faltrollos verschickt mit der Bitte, einen Beitrag zu diesem Event zu leisten. Die bemalten Rollos im Clubhaus waren gewissermaßen die Dekoration für das Mini-Festival „Intermedia I: Klangbild/Farbklang“, bei dem Malerei auf Indie-Rock und Tanz auf Aktionskunst traf. Höhepunkt war Lutz Dammbecks Mediencollage „Herakles“, in der er den deutschen Heldenmythos entlarvte. Das Wochenende in Coswig löste einen Rollo-Bemal-Boom aus. „Es war eines von vielen Aufbruchsignalen der Andersartigkeit, der Selbstgewissheit einer Künstlergeneration, die zumeist in neoexpressiver Gestik die Lebensgier genauso herausbrachte wie den Groll und damit herkömmliche Kunstbahnen bewusst verließ“, meint Sperling.

Dass die Rollomalerei vor allem in Cottbus gepflegt wurde, daran hat der Kunstwissenschaftler großen Anteil. Die Maler Hans Scheuerecker und Matthias Körner organisierten im Sommer 1987 in der leeren Cottbuser Schlosskirche eine Ausstellung zum Thema Kommunikation. Was heute lapidar klingt, war damals weit weg von jedem staatlich kontrollierten Kunsttermin und hätte schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen können. Wie ihre Kollegen in Dresden schickten Scheuerecker und Körner mit der Einladung je ein Faltrollo als „Sperrgut“ an Künstler wie Paul Böckelmann und E.R.N.A., an Veit Hofmann und Uli Richter, Otto Sander-Tischbein und Sonja Rolfs. „Die simplen Gebrauchsgegenstände entfalteten eine beeindruckende Bildstrahlkraft“, sagt Sperling. Auf die erste folgten in den kommenden Jahren noch zwei Faltrollo-Ausstellungen, die dritte dann in der neu gegründeten autonomen Galerie Haus 23 in der Cottbuser Marienstraße, die inzwischen von einem Verein geführt wird.

Das Rollo gehört zum Fenster, meinte Rainer Zille. Weiter schrieb er auf Russisch im September 1989: „Sein Sinn besteht in der Abgrenzung, Abschirmung und Verhüllung. Die Zeit fordert nun endlich ihren ihr gemäßen Ausdruck.“
Das Rollo gehört zum Fenster, meinte Rainer Zille. Weiter schrieb er auf Russisch im September 1989: „Sein Sinn besteht in der Abgrenzung, Abschirmung und Verhüllung. Die Zeit fordert nun endlich ihren ihr gemäßen Ausdruck.“ © dkw Cottbus

Weil Jörg Sperling die Rollokunst 1991 ins Museum holte, verfügt das Brandenburgische Landesmuseum nun über die einzige Museumssammlung bemalter Faltrollos.

Doch die Schau über das ungeduldige Papier ist nicht allein seinem Abschied in den Ruhestand gewidmet, und die Museumsleute haben den Titel nicht nur gewählt, weil ihnen das Wortspiel gefällt. Dieser sehr besondere Schatz, schnell gemalt auf billigem Papier, braucht besondere Pflege, um erhalten zu bleiben. Helene Roolf, die die Plakatsammlung des dkw betreut, sagt: „Die Sammlung muss zusammen mit den Künstlerplakaten und den Künstlerbüchern bearbeitet werden.“ Und das ist in vielen Fällen restauratorisch eine sehr spezielle Angelegenheit. Micha Brendels „Blutbuch“ ist so ein Fall. Brendel, einer der Autoperforationsartisten, war 1989 einer der letzten DDR-Bürger, denen die Ausreise genehmigt wurde. Als er im Westen ankam, fiel hinter ihm die Mauer. Frust und Depressionen waren die Folge. Er meinte, Aderlass könnte ihn heilen. Fast zwei Jahre lang zapfte er sich jeden Tag Blut ab und schrieb damit Tagebuch, das er in eine Art Inkubator legte, wohl in der Hoffnung, dass man sorgsam umgehen möge mit seinem schwierigen Prozess der Selbstheilung.

Die dkw-Sammlung könnte auch noch wachsen. Denn es gibt Künstler, die bis heute gern auf Alltagsgründen arbeiten. Angela Hampel zum Beispiel liebte es, auf Butterbrot- und Packpapier oder Schallplattentüten zu malen. 1984 hat sie damit angefangen und bis heute 60 Faltrollos bemalt. Sie sagt: „Das Aufrollen eines solchen Bildes, das Ordnen der Schnüre, das Berühren des fragilen, bräunlichen Papiers – das ist ein sinnlicher Genuss. Der ist unabhängig von Moden, vom Zeitgeist. Vier Rollos stehen noch bereit.“

Bis 4. August im Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, Uferstr./ Am Amtsteich 15, geöffnet Di – So 10 –18 Uhr.

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