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Feuilleton

Kunst im Schaufenster

Kultur trotz Corona: In der Artbox in Dresden zeigt Belle Shafir eine Installation aus Haar. Die Kunst kann trotz Pandemie besichtigt werden.

Besucher müssen hier immer draußen bleiben: Die Kunst in Dresdens neuem Kunstraum, der Artbox, ist nur von der Straße aus zu betrachten.
Besucher müssen hier immer draußen bleiben: Die Kunst in Dresdens neuem Kunstraum, der Artbox, ist nur von der Straße aus zu betrachten. © Foto: Artbox Dresden

Von Uwe Salzbrenner

Was ist das für ein Gespinst? Strähnen von Pferdehaar, vielfach zu Ringen und Ketten gewickelt, aus denen die Haarenden weit heraussprießen, füllen in losem Verbund eine Fläche auf weißer Wand, die an den Umriss der früheren Sowjetunion erinnert. Man kann sich vorstellen, wie die Künstlerin Belle Shafir sich das Haar um Stäbe oder um die Finger gewickelt hat und mit jedem Knoten oder Fitz zufrieden gewesen ist. Manchmal ergibt das winzig klein wieder ein Pferd — ein Pferdchen fein und leicht, in der Form grob wie eine Kinderzeichnung. Springt man in der Vorstellung in andere Tierstämme und Tierklassen, enteckt man Antennen und Fühler, fusslige Wesen an Luftblasen, Insektenbeine an kugelförmigen Leibern.

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Shafir ist 1953 im oberpfälzischen Amberg geboren und 1972 nach Israel ausgewandert, wo sie 1984 ein Studium der Bildhauerei abgeschlossen hat. Sie stellt  kaum bearbeitete Materialien aus, die sie ihrer Umwelt entnimmt: Holz, Baumrinde, Erde, Blätter. In ergänzenden Gemälden und Zeichnungen untersucht sie die Struktur der Fundstücke. Die jetzige Arbeit mit Pferdehaar versucht, Objekt und Zeichnung zu verbinden. Zudem ist das Material für Shafir biografisch kräftig aufgeladen: Ihre Eltern, Überlebende der Judenvernichtung aus Polen, hatten sich in Amberg eine Pferdezucht aufgebaut, die Shafirs Kindheit und Jugend bestimmte. Dass sie nach Israel gegangen ist, war eine Form der Auflehnung. Jetzt holt sie sich in Gespinsten Bild für Bild Vaters Pferde zurück. „Samsara“, der Name ihrer Installation, kommt aus dem Sanskrit und meint den Zyklus des Seins, einen Kreislauf der Wiedergeburten.

In der Schau der „Artbox Dresden“ weist nichts auf diesen Hintergrund hin. Um Belle Shafirs Zwitter aus schwebendem Gebilde und filigraner Zeichnung muss man sich außerdem bemühen – herantreten, zurücktreten, Tiere suchen – um längere Zeit fasziniert zu sein. Für das Hin- und Herlaufen hat man an frischer Luft viel Platz, auch für den heutzutage dringend gebotenen Sicherheitsabstand. Der Vorzug dieser Ausstellung ist, dass sie nicht wegen Infektionsgefahr geschlossen werden muss: Sie befindet sich an einer Hausecke in der Nähe des Neustädter Hafens, in einem Raum, kaum mehr als einen halben Meter tief, den man ohnehin nicht betreten kann. Man schaut durch zwei Fenster auf eine Balkonentwässerung. Nachts ist der Raum von Lampen hell erleuchtet. Tagsüber sorgt der Sonnenstand für unerwartete Schattenspiele.

Die „Artbox Dresden“ ist ein Projekt der bildenden Künstler Ulrike Mundt und Heinz Schmöller, das vom Kulturamt Dresden unterstützt wird. Sie wollen Kollegen des In- und Auslandes die Möglichkeit bieten, eine für den Schaufensterraum passende Ausstellung einzurichten. Shafir ist die erste in ihrer Reihe. Bis zum Jahresende sollen laut Plan Daniel Pesta (Prag), Julia Oschatz und Katja Pudor (beide aus Berlin) dort ausstellen.

Belle Shafirs Schau „Samsara“ in der Artbox DD, Ecke Uferstraße/Hafenstraße, ist bis zum 26. April zu sehen.

Weitere Infos: www.facebook.com/Artbox.Dresden