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Künstler sind wieder da

"Kunst offen" gibt es jedes Jahr zu Pfingsten. Auch diesmal und es ist gar nicht so viel anders als sonst. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Claudia Hinze in ihrem Atelier.
Claudia Hinze in ihrem Atelier. © Marko Förster

Bei den meisten Künstlern stehen die Ateliertüren fast immer offen. Monatelang waren sie aber gezwungenermaßen geschlossen und nun zu Pfingsten setzte "Kunst offen" ein Signal. Dass nicht so viele Leute kamen, hatte seine Ursache. Die, die kamen, hatten die Kunst genauso vermisst wie die Künstler den Austausch. Zwei Beispiele aus Pirna und Freital.

Werbung für "Kunst offen" gab es diesmal kaum. Keine Faltblätter, keine Plakate. Erst kurz vorher war klar, es findet statt. Mit weniger Künstlern als sonst. Zum Tag der Kunst im Juli in Pirna soll das schon wieder anders sein. Bei Malerin Claudia Hinze in Pirna hängt am Sonnabend ein Schirm vor ihrem Atelier und die Tür steht offen. Der vielseitige Steffen Petrenz in Freital wurde am Sonntag auch ohne Werbung gefunden, meist von denen, die ihn schon kennen. Sein Atelier liegt etwas versteckt auf dem Gelände des ehemaligen Kupplungswerkes und ist nicht nur Kunststätte sondern auch Biotop.

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Die Leichtigkeit des Seins

Claudia Hinze hat ihr Atelier in einem Haus, das schon selbst ein Kunstwerk ist. Die blaue Deckenmalerei ist dem Original von etwa 1780 nachempfunden. Hier arbeiteten Hut- und Pelzmacher, Tischler und ihr Vater, der Kirschner. Claudia Hinze führt die Tradition mit ihrer Malerei fort. Die Kunst ist für sie Hobby, eines. Sie hat mal Bauchtanz gemacht, war Stadtführerin und erklärte Besuchern die Kamelien von Zuschendorf. So vielfältig ihre Talente und Interessen sind, so vielfältig ihre Techniken und Bilder, die ein Hauch Leichtigkeit umgibt. "Schwere Sachen gibt es schon genug", sagt sie.

Zur Leichtigkeit bei Claudia Hinze gehören die Details. Erst sieht man ein großes Feld Sonnenblumen, beim genaueren Hinsehen entdeckt man den ersten Marienkäfer, die erste Biene und beginnt die nächsten zu suchen. Ihre Detailverliebtheit ist für Claudia Hinze ihr Pfiff. Oft malt sie nicht einfach, sondern verwendet in ihren Bildern andere Materialien. Getrocknete Hortensien zum Beispiel, die sie einzeln mit der Pinzette aufs Bild klebte.

Die Krönung der Leichtigkeit ist ihr vom Wolkenmund dahingehauchter Kuss, umrahmt von einer Gardine. Was wie die perfekte Kombination daherkommt, hat auch eine praktische Seite: Das Bild steht am Fenster und verdeckt etwas den Blick hinein. Von draußen ist ein anderes Bild zu sehen: Eine Pirna-Ansicht. Egal ob dieses oder die Kamelie an der Teetasse oder der Weinberg, bei Claudia Hinze hat jedes Bild auch eine Geschichte.

Claudia Hinze hat ihr Atelier in Pirna auf der Langen Straße 5 und ist im Internet zu finden.

Raum für Köpfe

Steffen Petrenz in Freital hat seine Kunst dort verteilt, wo er sie überall sehen will: Im Raum. Und damit meint er keinen Raum mit Dach und Tür und Wänden, sondern einfach einen Platz.

Und immer wieder Köpfe. Mit Riss, mit fehlendem Gesicht, glatt, weiß, mit nur angedeuteten Augen und kaum sichtbarem Mund, mit einem herauswachsenden weiteren Kopf, mit vielen Trichtern. Die Köpfe sind jedes Jahr die gleichen, doch immer, wenn er sie im Frühjahr rausstellt, formiert er sie anders. 

Im Gras liegen seine Fühlskulpturen. Viele von ihnen stehen im Sinnesgarten des Freitaler Senioren- und Pflegeheimes Herbstsonne. „Doch sie können überall stehen“, sagt Petrenz. Jeder kann sich eine oder mehrere bestellen. Die kleine Ergänzung zu den Skulpturen sind die Handschmeichler. Die künstlerische Alternative zu den Stressbällen. Er selbst braucht sie nicht, obwohl dieses Kunstjahr hart ist. Es fehlen Ausstellungen und Märkte. Auch wenn die Besucher zu Pfingsten nicht die großen Kunstkäufer sind, "Kunst offen" zeigt, sie sind da.

Steffen Petrenz erklärt einer Besucherin den Kopf, der er der Borderline-Krankheit gewidmet hat.
Steffen Petrenz erklärt einer Besucherin den Kopf, der er der Borderline-Krankheit gewidmet hat. © Egbert Kamprath

Ein Kopf stellt seine Auseinandersetzung mit dem Borderline-Syndrom dar, dem Leben zwischen Wut und Euphorie, zwischen den Extremen. Die beiden Hände am Kopf halten einerseits die Ohren zu, spreizen und recken sich. Eine Besucherin sieht sich den Kopf an, hört Petrenz zu und sagt: So gut hat es mir noch niemand erklärt. 

So gut kennt sich nur jemand damit aus, der die Krankheit seiner Freundin kennt und versteht. Petrenz Kunst und Vielfalt hilft ihm, damit umzugehen. Er arbeitet mit Ton, fotografiert, macht Alltagskeramik und Kunst – und spaziert täglich 20 Kilometer. Sein Atelier, das ohne Dach draußen und das drinnen, steckt voller Entdeckungen.

Steffen Petrenz findet man in Freital auf der Dresdner Straße 166, hinter der Tankstelle, und auf Facebook.

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