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Kunst schafft wertvolle Kontakte

Seit 2000 gibt es in Kamenz die Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Außenstelle des Sächsischen Krankenhauses Arnsdorf. Gleich neben dem Malteserkrankenhaus St. Johannes lernen bis zu 25 psychisch kranke Menschen die Wiedereingliederung in das „normale“ Leben. Und das mit viel Kreativität und Kunstverstand.

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Von Ina Förster

Blumen, so schön wie der Sommer, Schmetterlinge und zwitschernde Vögel erheben sich in tönernen Formen auf dem riesigen Wandrelief. Stolz, farbenfroh und mit der wunderbaren Leichtigkeit des Seins. Die Hände, die dieses Kunstwerk erschaffen haben, tun sich im alltäglichen Leben allerdings schwer mit Leichtigkeit. Es sind Menschen wie du und ich, deren Seele jedoch krank ist, die durch Irrungen und Wirrungen von psychischen Krankheiten gezeichnet sind. Und deren Leidenszustände persönliche Enge schaffen. Von Depressions- oder Panikerkrankungen bis hin zur Schizophrenie reichen die Krankheitsbilder. In der Tagesklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Kamenz gehen sie Schritte in ein neues Leben. Für einen vollstationären Aufenthalt in Arnsdorf „zu gesund“, für das Alleinbleiben zu Hause nicht stabil genug, finden sie beim geschulten Fachpersonal Rat und vor allem Tat.

Damit sie nach einer Behandlung nicht in ein tiefes Loch fallen, werden sie hier von 8 bis 16 Uhr betreut und so abgelenkt von düsteren Gedanken. Fast wie ein ganz normaler Arbeitstag mutet das an. Denn viel praktische Betätigung steht auf dem Programm. Malen mit Musik, Musiktherapie, Bewegungstherapie und ergotherapeutische Angebote lassen kaum Langeweile aufkommen. Vom Korbflechten über Tonarbeiten bis zur Seidenmalerei reicht die Palette.

Selbstständiges Arbeiten wird trainiert. Und alltagspraktische Aktivitäten stehen im Mittelpunkt. Wie versorge ich mein Tier oder wie läuft das eigentlich mit dem Einkaufen? Einfache Sachen, die nicht wie früher leicht fallen und doch so wichtig sind. Dazu gehört idealerweise auch der Kontakt zu fremden Menschen. Schließlich wollen sich die Patienten irgendwann einmal vor die eigene Haustür trauen und Kontakte aufnehmen. Sei es auf Ämtern, Behörden oder mit Freunden. Da kam das Angebot der Volkshochschule, Keramikkurse für die Tagesklinik anzubieten, gerade recht. Engagiert hatten sich die Mitarbeiter dafür und nach Möglichkeiten der Förderung durch einen Träger gesucht. Die Schmerlitzer Künstlerin Christine Seidel übernahm im März die vertrauensvolle Aufgabe, den ersten Kurs in der Tagesklinik zu leiten. „Es war auch für mich ein Experiment, da ich vorher noch nie Berührung mit dem Thema hatte. Aber die Zusammenarbeit ist äußerst fruchtbar“, erzählt sie. Sicher gab es Berührungsängste, von Seiten der Patienten vor allem. Aber das Experiment scheint zu klappen. „Es war wichtig, dass da jemand von außerhalb kommt. Wenn die Patienten merken, dass es gar nicht so schlimm ist, hier mit fremden Menschen zusammenzutreffen, dann klappt es womöglich später auch zu Hause wieder“, freut sich Ergotherapeutin Peggy Förster. Und Christine Seidel verbucht schon erste Erfolge: Eine Patientin möchte bei der Künstlerin weiter an regulären Kursen an der Volkshochschule teilnehmen. Die Lust an der Kunst überwiegt die Angst.

Innerhalb des Kurzdurchgangs entstand eine Projektarbeit, das keramische Relief mit den Blumen, Vögeln und Schmetterlingen. Die kreativen Patienten haben sich den „Traum vom Sommer“ selbst ausgedacht. „Das Ergebnis hat alle umgehauen“, erzählt Christine Seidel. Nun hängt dieser Traum in einem der Aufenthaltsräume und spricht seine leise Sprache.

Mittlerweile läuft der zweite Kurs auf Hochtouren. Abermals soll es als Abschluss eine Gemeinschaftsarbeit geben. Kommen so weitere Kunstwerke zusammen, könnte man sogar über eine öffentliche Ausstellung nachdenken. Das gäbe auf jeden Fall Mut zum Weitermachen…