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Kunststoffbranche kämpft gegen Negativ-Image

Das Polysax-Bildungszentrum in Bautzen startet eine Ausbildungsoffensive.

Lucas Hoffmann weiß, wie solch ein Spritzgussautomat funktioniert. Als er sich vor drei Jahren aus Interesse an Technik für den Beruf des Verfahrensmechanikers für Kunststoff entschied, konnte er sich darunter kaum etwas vorstellen. Heute berichtet der 19
Lucas Hoffmann weiß, wie solch ein Spritzgussautomat funktioniert. Als er sich vor drei Jahren aus Interesse an Technik für den Beruf des Verfahrensmechanikers für Kunststoff entschied, konnte er sich darunter kaum etwas vorstellen. Heute berichtet der 19 © Miriam Schönbach

Bautzen. Wir wollen uns nicht verrückt machen lassen vom Kunststoff-Bashing – das ist die Devise von Ralf Liebscher. Der Unternehmer denkt an die vielen Berichte über die Gefahr durch Mikroplastik oder Kunststoffmüll, der im Meer schwimmt. Kunststoff habe mittlerweile ein eher negatives Image, sagt der Geschäftsführer von Lakowa mit Standorten in Wilthen und Sohland. „Aber wir stellen Dinge her, die das Leben der Menschen angenehmer machen“, sagt Liebscher und spricht dabei nicht nur für sein Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitern. Axel Manthey aus der Geschäftsführung von Gerodur aus Neustadt pflichtet ihm bei. „Vielen ist gar nicht bewusst, wie viele Dinge aus Kunststoff uns täglich umgeben – ob im Haushalt oder im Auto.“ Sein Unternehmen stellt mit 230 Leuten vor allem Rohre für Ver- und Entsorgungsleitungen her. „Wir können unsere Produkte komplett recyceln und wiederverwerten“, betont er, davon lande nichts als Abfall in der Umwelt.

Den beiden Männern und ihren Mitstreitern ist an einem positiven Image der Branche gelegen – auch um Menschen für einen Beruf in diesem Industriezweig zu begeistern, der in der Oberlausitz keine unbedeutende Rolle spielt. Rund 90 Unternehmen stellen hier mit mehr als 3 500 Beschäftigten ganz unterschiedliche Dinge her – und haben dabei mitunter einen kräftigen Wandel vollzogen, etwa vom Knopfhersteller zum Automobilzulieferer. „Wir haben zum Beispiel früher Koffer hergestellt. Heute liefern wir die komplette Innenausstattung für Schienen-, Rettungs- und andere Fahrzeuge“, beschreibt Ralf Liebscher den Wandel bei Lakowa.

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30 Firmen sind im Verein

Der Firmenchef ist auch Vorsitzender des Vereins Polysax, der in Bautzen an der Edisonstraße ein modernes Ausbildungszentrum für die gesamte Branche betreibt. Mit der Gründung von Polysax hatten vor zehn Jahren mehrere Unternehmen der Region die Initiative ergriffen, um gemeinsam die praktische Ausbildung auf ein höheres Niveau zu heben. Heute sind 30 Firmen Mitglied im Verein.

„Wir können Kunststoff sehr gut“, sagt Achim Wassner, Geschäftsführer des Bildungszentrums. So können hier die Auszubildenden, die den Theorie-Teil im Berufsschulzentrum Radeberg absolvieren, sämtliche Technologien der Kunststoffverarbeitung wie Spritzgießen, Extrusion, Tiefziehen, Thermoformblasen und -pressen an den jeweiligen Maschinen erlernen. In ihren Betrieben besteht diese Möglichkeit meist nicht, weil dort nur bestimmte Verfahren angewendet werden. Bisher werden in zwei- beziehungsweise dreijähriger Lehre Maschinen- und Anlagenführer sowie Verfahrensmechaniker ausgebildet. Weil die Anforderungen aber weiter steigen, soll auch der anspruchsvollere Beruf des Kunststoffmechatronikers etabliert werden. Den gibt es bundesweit bisher noch nicht, deshalb sind noch einige Hürden zu nehmen, bis die ersten Lehrlinge in eine solche Ausbildung starten können.

Schnupperkurs möglich

Weil in den nächsten zehn Jahren 30 bis 40 Prozent der Beschäftigten in Rente gehen und viele der Betriebe zudem weiterwachsen wollen, setzen die Firmen auch auf andere Wege, um neue Mitarbeiter zu finden. So bietet das Bildungszentrum für Menschen, die schon längere Zeit arbeitslos sind oder aus anderen Branchen kommen und sich verändern wollen, einen vierwöchigen Schnupperkurs. An den kann sich eine Teilqualifizierung anschließen, um für ein bestimmtes Einsatzgebiet fit zu werden. Achim Wassner berichtet von einem Mittfünfziger, der aus der Gastronomie kam und über solch einen Einstieg Arbeit bei der Kunststofffirma Zeibina in Puschwitz fand und sich mittlerweile zum Schichtführer qualifiziert. „In den letzten zwei, drei Jahren haben zunehmend auch tschechische und polnische Mitarbeiter bei uns Einzug gehalten“, nennt Liebscher ein weiteres Beispiel. Und auch mit der Integration von Migranten hat sein Unternehmen bereits Erfahrung.

„Wir brauchen aber nicht nur Facharbeiter, wir brauchen auch Techniker und Ingenieure. Leute, die in Zukunft die Branche mitgestalten“, sagt Ralf Liebscher. Deshalb will Polysax zusammen mit der Berufsakademie Bautzen und der Hochschule Görlitz/Zittau eine Bildungsplattform Kunststofftechnik Oberlausitz ins Leben rufen. So will man Aus- und Weiterbildung noch besser miteinander verzahnen.

Denn das Bildungszentrum versteht sich rund um das Thema Fachkräfte als Dienstleister für die Kunststoffbranche in der Region, sagt Wassner. So habe man den Airbus-Zulieferer Acosa unterstützt, als der für sein neues Werk in Kodersdorf Mitarbeiter suchte. Das Gleiche plane man nun mit dem Medizintechnikhersteller Yellow Tec, der gerade ein Werk in Hagenwerder baut. Es werden aber auch Mitarbeiter in kurzen Seminaren weitergebildet. Annett Pischel, Geschäftsführerin von Schoplast Plastic mit Werken in Wölkau und Bischofswerda, lobt die „passend für uns zugeschnittenen Fortbildungen“.

Rund um Aus- und Weiterbildung in der Kunststoffbranche kann man sich am 15. Juni, 9 bis 13 Uhr, beim Tag der offenen Tür im Polysax-Bildungszentrum in Bautzen, Edisonstraße 4, informieren.

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