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Kupfer lässt Kühe von der Kette

Ausgerechnet im staatlichen Ausbildungs-Stall werden Tiere nach veralteten Methoden gehalten. Zeit für einen Neubau.

© Ronald Bonß

Von Georg Moeritz

Wenn Sachsens Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU) auf die Massentierhaltung angesprochen wird, dann verteidigt er regelmäßig die großen sächsischen Agrarbetriebe. Tierschutz und Tiergesundheit hängen laut Kupfer nicht davon ab, ob ein Betrieb groß oder klein ist.

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Ist das jetzt schon Wahlkampf? Dieses Rindvieh streckte gestern dem sächsischen Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU, links) die Zunge heraus. Dabei versprach Kupfer die Modernisierung der Ställe im landeseigenen Lehr- und Versuchsgut in Köllitsch. D
Ist das jetzt schon Wahlkampf? Dieses Rindvieh streckte gestern dem sächsischen Landwirtschaftsminister Frank Kupfer (CDU, links) die Zunge heraus. Dabei versprach Kupfer die Modernisierung der Ställe im landeseigenen Lehr- und Versuchsgut in Köllitsch. D © Ronald Bonß

Gerne berichtet der Minister, dass große Ställe oft modern ausgestattet seien. Dagegen würden gerade auf manchen kleinen Bauernhöfen immer noch Rinder in „Anbindehaltung“ an die Kette gelegt, sagte Kupfer zu Jahresbeginn vor der Presse. Jetzt stellt sich heraus: Kühe an Ketten gibt es sogar noch auf dem Bauernhof, für den Minister Kupfer die Verantwortung trägt – auf dem Lehr- und Versuchsgut des Freistaates Sachsen in Köllitsch bei Torgau.

Manche der 300 landeseigenen Kühe stehen auf dem Versuchsgut angebunden in einem Stall von 1957 – nicht etwa für einen wissenschaftlichen Versuch, sondern weil lange nicht investiert wurde. Verboten ist Anbindehaltung für Milchkühe zwar nicht, außer in Biobetrieben. Doch wenn die Lehrlinge aus den privaten Bauernhöfen ganz Sachsens zur Schulung nach Köllitsch kommen, dann haben sie „es anderswo schon besser gesehen“, sagt Betriebsleiter Ondrej Kunze. Kühe an Ketten, das sei heutzutage „nicht mehr vermittelbar“.

Nicht nur beim Umgang mit den Tieren sind viele Privatbetriebe dem staatlichen Ausbildungs-Hof voraus – laut Chef Kunze sind auch Melkstand, Klima und Entmistung nicht auf dem neuesten Stand. In Köllitsch ist allerdings Besserung in Sicht: Minister Kupfer besichtigte gestern Kuhställe einschließlich einiger angeketteter Tiere und kündigte einen Neubau an. Um das Geld habe er in Dresden „gekämpft“.

Wellnessbox und Windkanal

Fast fünf Millionen Euro sollen nun ins Versuchsgut investiert werden. Das Land bezahlt allerdings den kleineren Teil, 60 Prozent übernimmt das Bundesinstitut für Berufsbildung. Denn Köllitsch schult die Auszubildenden von sächsischen Bauernhöfen und auch aus dem Südteil Brandenburgs. Sie ziehen immer mal für eine Woche ins Internat und lernen dort zum Beispiel Schweißen, Melkkunde und „computergestütztes Herdenmanagement“.

Der Hof an der Grenze zu Brandenburg war in der DDR ein Volkseigenes Gut (VEG) und gehört seit 1992 zum Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie. Schweine und Schafe sind dabei – und auch 50 Stück Damwild, denn alle Vorgänger des jetzigen Leiters Kunze waren leidenschaftliche Jäger.

Der neue Köllitscher Kuhstall soll so gebaut werden, dass er auf künftige Technik „flexibel“ umgerüstet werden kann. Das Wichtigste: ein gedämmtes Dach gegen Hitze, aber offene Seiten. Denn Kühe lieben es luftig. Außerdem lieben sie gelenkschonende „Komfortmatten“ und dürfen Verletzungen in einer „Wellnessbox“ mit Stroheinlage auskurieren. Damit der „Kuhverkehr“ Richtung Melkstand stressfrei abläuft, gibt es breite Gänge. Der Köllitscher Schulungsstall wird mit 75 mal 60 Metern Fläche größer als üblich, sein Modell soll noch im Windkanal optimiert werden. Ein solcher Bau ist eine ganz neue Erfahrung für Gruppenleiter Michael Mayer vom Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement: Finanzämter bauen könne jeder, sagte er gestern, aber ein Milchkuhstall sei etwas Besonderes.

Allerdings investieren mehrere sächsische Höfe derzeit in neue Kuhställe, denn es gibt bis zu 60 Prozent Zuschuss – und bald keine Mengenbegrenzung („Milchquote“) mehr. Kupfer rechnet mit steigender Produktion, zumal die Bauern derzeit rund 40 Cent pro Liter Milch bekommen. Im Krisenjahr 2008 gab es nur die Hälfte.

Schweineställe besichtigte Kupfer gestern nicht. Sachsens Grüne hatten vorige Woche nach einem MDR-Bericht über Tierquälerei in der Schweinezucht gefordert, die Kontrollen zu erhöhen und Fördergeld an harte Auflagen zu koppeln. Kupfer sagte, Lebensmittel sollten unter Bedingungen produziert werden, die vom Verbraucher gewünscht werden.