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Kurioses unterm Parkett

Zwei historische Speisesalons im Schloss Rammenau werden jetzt saniert. Dabei kommt Überraschendes zum Vorschein.

© Steffen Unger

Von Constanze Knappe

Es stiebt gewaltig. Einer der Handwerker hebt zwischen den Balken, auf denen sich zuvor der Fußboden befand, Lehmbrocken heraus. Gemischt mit Stroh und anderen Füllmitteln haben sie seit ewigen Zeiten für eine Dämmung zwischen dem Kellergewölbe und dem Kornblumenzimmer im Barockschloss Rammenau gesorgt. Jetzt wird der Raum saniert und dabei auch die Isolierschicht darunter erneuert. Jede Menge Dreck ist damit programmiert. Und manche Überraschung obendrein. Denn als das alte Parkett entfernt wurde, kam ein Holzbrett zum Vorschein. Mit der Aufschrift: „Umgebaut Winter 1968. Zimmerer Kluge & Kuhn“. In jenem Jahr war das Kornblumenzimmer als einer der ersten Gasträume für das neue Schlossrestaurant gestaltet worden. Dabei wurden Zwischenwände entfernt, um die Raumproportionen in der alten Form wieder herzustellen. Seinen Namen bekam der Salon nach einer Kornblumentapete, die ihn ursprünglich geschmückt haben soll. Gefunden wurde diese allerdings nicht. Auf Fotos aus den 1930er-Jahren machen die Wände einen ziemlich düsteren Eindruck. Erhalten blieb ein Sockel mit Blütenranke, der wohl aus dem 18. Jahrhundert stammt. „Die Hoffnung der Denkmalschützer, dass sich hinter der Tapete über dem Sockel eine historische Wandmalerei befindet, hat sich nicht bestätigt“, erklärt Schlossleiterin Ines Eschler. Deshalb wird jetzt das über die Jahre stark nachgedunkelte Tapetenmuster von 1968 aufgearbeitet. Auf dem neuen Fußboden soll statt des bisherigen Parketts eine zweifarbige hölzerne Felderdielung verlegt werden, so wie sie auch in anderen Räumen des Schlosses vorhanden ist.

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So „nackt“ kriegen Besucher das Vogelzimmer im Schlossrestaurant normalerweise nicht zu sehen. Die Holzvertäfelung in dem Speisesalon wird während der Sanierung aufgearbeitet und dann wieder angebracht.
So „nackt“ kriegen Besucher das Vogelzimmer im Schlossrestaurant normalerweise nicht zu sehen. Die Holzvertäfelung in dem Speisesalon wird während der Sanierung aufgearbeitet und dann wieder angebracht. © Steffen Unger

Im benachbarten Vogelzimmer wurde die historische Holzvertäfelung aus der Barockzeit entfernt, um sie in einer Tischlerei aufarbeiten und wieder anbringen zu können. Dahinter kam ein Pergamentpapier zum Vorschein. „6.1.75 renoviert. Familie Richter aus Elstra“ ist darauf zu lesen. „Dabei dürfte es sich um die Malerfirma handeln, die seinerzeit im Schloss renoviert hat“, vermutet Ines Eschler. Bestätigt wird dies durch ein Schriftstück, welches erst am Montag unter dem Parkett des Vogelzimmers gefunden wurde. Darin listet der damalige Direktor des Kreismuseums Bischofswerda Karl-Heinz Mommont, der auch für das Schloss zuständig war, alle an der Einrichtung der Gaststätte beteiligten Firmen auf, darunter besagte Malerfirma. Eröffnet werden sollte das Schlossrestaurant am 30. Juni 1968. „Zu Ehren des 75. Geburtstages unseres Staatsratsvorsitzenden, Genossen Walter Ulbricht“, wie in dem Schreiben zu lesen ist. Ob das DDR-Staatsoberhaupt jemals in diesem Schloss einen Kaffee nahm, ist nicht bekannt.

Es ist ein Rätsel

Die Initialen von Bernfried Richter, damals Chef des Elstraer Malerbetriebs, und seines Sohnes Tilo, der heute die Firma führt, kamen unter der Tapete über der Tür zum Kornblumenzimmer zum Vorschein. An jener Stelle, wo bis vor Kurzem eine Supraporte hing. Als solche bezeichnet man ein über der Tür angebrachtes Gemälde oder Relief. Bislang waren über den beiden Türen des Raumes Ölbilder zu sehen. Ein Obstkorb nebst Vasen und Blumen darin. Eben typische Stillleben, wie sie in einen Speisesalon passen. Ein Foto von 1954 zeigt allerdings Bilder mit Putten. Die Verwirrung komplett macht ein vor wenigen Tagen entdeckter Zettel, auf welchem Malermeister Richter 1980 vermerkte, dass er bei der Restaurierung des Zimmers die Stillleben unter den Putten fand. Die Ölgemälde mit den Obstkörben wurden restauriert und aufgehängt. Was aus den Bildern mit den Putten geworden ist, bleibt ebenso zu klären, wie die Frage, welche Bilder eigentlich die originalen Supraporten sind. „Wir stehen vor einem Rätsel“, sagt Ines Eschler.

An der Vertäfelung im Vogelzimmer befanden sich Konsolen, auf denen einst Porzellanvögel standen, die dem Zimmer zu seinem Namen verhalfen. Sie gingen nach dem Zweiten Weltkrieg verloren und wurden zu DDR-Zeiten durch ausgestopfte Vögel ersetzt. „Es sollen aber wieder Porzellanvögel hin“, kündigt Ines Eschler an.

Hoher Aufwand bei der Restaurierung

Nicht erhalten ist die barocke Stuckdecke des Vogelzimmers, die im 18. Jahrhundert klassizistisch überformt wurde. Dafür ist der historische Ofen mit der Vestalin noch da. Dabei handelt es sich um eine große Porzellanfigur nach dem Vorbild einer Priesterin, die das Feuer im Tempel der römischen Göttin Vesta hüten musste. Der Ofen wird restauriert und bekommt dann wieder seinen alten Platz.

Nach dem Chinesischen Zimmer 2014 werden jetzt Kornblumen- und Vogelzimmer vom Fußboden bis zur Decke komplett aufgehübscht. Das hatte man ebenso mit dem Fußboden im Spiegelsaal vor. Das Parkett dort sollte durch eine Felderdielung nach historischem Vorbild ersetzt werden. Fünf Firmen für Fußbodenrestauration gaben Angebote ab. „Der Boden war schon mehrfach abgeschliffen worden und ist an einigen Stellen sehr dünn. Die Restaurierung bedeutet für die Firmen ein großes Risiko und einen sehr hohen Aufwand“, erklärt Ines Eschler. Soll heißen, die Arbeiten werden viel teurer als von den Planern grob geschätzt. Mit der Konsequenz, dass 2016 am Fußboden im Spiegelsaal nichts passiert. Vermutlich gibt es eine neue Ausschreibung. Die Stühle sind wieder eingeräumt und die Spiegel geputzt.

Aufzug kann nicht genutzt werden

Ein ganzes Jahr dauern die Arbeiten, um zwei der vier historischen Speisesalons in alter Schönheit wieder herzustellen. Irgendwann später soll dann auch noch der Fußboden in den anderen beiden Gasträumen erneuert und das Treppenhaus renoviert werden. Während der Sanierung jetzt ist der Seitenaufgang mit Aufzug nicht nutzbar. Den Winter über ist das Restaurant ohnehin geschlossen. Man bemühe sich aber um eine Lösung, um mit Saisoneröffnung der Gastronomie zu Ostern das Schloss für Rollstuhlfahrer dennoch zugänglich zu machen, Besucher können dann in die anderen beiden Speisesalons einkehren. Die Gastronomie weicht außerdem auf das Rosenzimmer und andere Räume aus. Auch wenn das Schloss derzeit ganz in weiß gehüllt ist, im Winterschlaf befindet es sich keineswegs. Die Ausstellungen können besichtigt werden.

Barockschloss Rammenau hat täglich von 10 bis 16 Uhr geöffnet; dienstags Ruhetag; Eintritt: Erwachsene fünf, Familienkarte zehn Euro. www.barockschloss-rammenau.com