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Zittau

Über 1.600 Kurzarbeiter bei großen Firmen

Plastic Concept, Digades, Birkenstock - viele der größten Arbeitgeber der Region Löbau-Zittau produzieren jetzt mit weniger Personal. Droht manchem sogar das Ende?

Bernd Nebel, Geschäftsführer von Plastic Concept, und Mitarbeiter Frank Kriegel an einer Spritzgussmaschine.
Bernd Nebel, Geschäftsführer von Plastic Concept, und Mitarbeiter Frank Kriegel an einer Spritzgussmaschine. ©  Matthias Weber

Bernd Nebel bleibt optimistisch. Aktuell sieht der Geschäftsführer der Plastic Concept GmbH aus Neusalza-Spremberg sein Unternehmen nicht in seiner Existenz gefährdet. "Wir haben in der Vergangenheit vernünftig gewirtschaftet, brauchen diese Reserven jetzt auf", erklärt Nebel seinen Optimismus. 

So wie Bernd Nebel denken auch die meisten anderen großen Unternehmer der Region Löbau-Zittau. "Wir haben uns in der Vergangenheit mit einem erfolgreichen Geschäftsmodell und auf Basis von Werten eines Familienunternehmens eine solide wirtschaftliche Lage erarbeitet, mit der wir denken, diese Krise meistern zu können", erklärt Lutz Berger von der Digades GmbH in Zittau. Nur ganz wenige der großen Arbeitgeber sehen ihren Betrieb durch Corona in einer existenziellen Krise. 

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Dabei wäre es nicht verwunderlich, wenn sich Bernd Nebel Sorgen machen würde. Ist sein Betrieb doch hart von der Corona-Krise getroffen. Drei Viertel der Mitarbeiter, insgesamt 230, musste er in Kurzarbeit schicken. Dieser Schritt war nötig geworden, weil seine Kunden wie VW, Skoda, Audi, Porsche und MAN ihre Werke geschlossen hatten. 

Bei Digades in Zittau sind die Aufträge ebenfalls erheblich zurückgegangen. Mit Folgen für die Belegschaft: Rund die Hälfte wurde in Kurzarbeit geschickt - über alle Abteilungen hinweg. Für einen Zeitraum von vier Wochen wurde die Produktion komplett angehalten - auch zum Schutz der Gesundheit der Beschäftigten. "Mitarbeiter in Entwicklung und Verwaltung konnten eine Zeit lang noch aus dem Homeoffice weiterarbeiten und sind anschließend in eine zweiwöchige Arbeitsunterbrechung gegangen", erklärt Digades-Chef Lutz Berger. Seit Ende April arbeitet das Zittauer Unternehmen unter Einhaltung eines eigenen Gesundheitskonzeptes mit einer Auslastung von etwa 50 Prozent.

Die Produktion bei der Plastic Concept GmbH lief nur auf einem ganz geringen Niveau weiter. So werden laut Nebel neue Produktionsserien unverändert weiter vorbereitet.

Noch schlimmer trifft es das Gerhart-Hauptmann-Theater. Hier wurden alle 250 festen Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, weil der Theaterbetrieb derzeit ruht. Nur für ein paar wenige wie die Geschäftsführung und der Gesamtbetriebsratsvorsitzende ist Kurzarbeit ausgeschlossen. Für den Großteil der Theaterleute gilt Kurzarbeit „Null“. Daneben gebe es laut Generalintendant Klaus Arauner noch eine "Notmannschaft", die während der Kurzarbeit in Teilzeit tätig ist, sie leisten zwischen zehn und 50 Prozent ihres eigentlichen Stundenvolumens. Diese "Notmannschaft" mit 45 Personen übernimmt unter anderem Stornierungen an der Kasse oder bereitet den Spielplan und die Produktionen für die nächste Spielzeit vor. Denn dann soll sich der Vorhang wieder öffnen - und nach Möglichkeit die Kurzarbeit enden.

Betrieb schrittweise hochgefahren

Wie lange die Kurzarbeit bei Plastic Concept noch dauern wird, kann Bernd Nebel nicht genau sagen. Das sei auch abhängig von der Auftragssituation. Um künftigen Krisen besser gewidmet zu sein, schaue man sich nach Alternativen zur Automobilbranche um, sagt Nebel. Nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) will gut jeder vierte Betrieb sein Geschäftskonzept auf andere Produkte und Kundengruppen umstellen oder neue Absatzmärkte und -wege fokussieren.

Auch bei Digades werde man die Auftragssituation sehr kurzfristig einschätzen und die eigene Auslastung ermitteln. "Dies tun wir derzeit in einem Zyklus von 14 Tagen", so Lutz Berger. Dementsprechend werde auch die Inanspruchnahme von Kurzarbeit angepasst.

Der Geschäftsbetrieb bei der ATN Hölzel GmbH in Oppach ist zuletzt schrittweise hochgefahren worden, teilt Pressesprecher Ronny Gutte mit. Einige Mitarbeiter sind aber nach wie vor in Kurzarbeit. Die Betriebsabläufe wurden entsprechend der Vorgaben zum Gesundheitsschutz der Mitarbeiter angepasst. "Unter anderem betrifft das die Umstellung in ein Zwei-Schicht-System", erklärt Gutte. Die letzten Wochen seien genutzt worden, um mittel- und langfristige Planungen neu auszurichten. Dies betreffe unter anderem auch eine Intensivierung der eigenen Produktentwicklung, sagt Gutte.

Mit der Wiedereröffnung der Cafés wird auch die Löbauer Bäckerei Schwerdtner die Kurzarbeit zurückfahren. Bei rund 300 Beschäftigten war Kurzarbeit angesagt gewesen, durchschnittlich arbeiteten sie 14 Stunden weniger. Die Kurzarbeit werde aber noch nicht komplett beendet, da aufgrund der Einschränkungen noch nicht mit dem vollen Umsatz wie vor der Corona-Krise zu rechnen sei, sagt Geschäftsführer Wicky Löffler.

Deutlich mehr Kurzarbeiter im April

Im Landkreis Görlitz waren im April 15.824 Kurzarbeiter bei der Agentur für Arbeit gemeldet, so Dana Kostroa. Einen Monat zuvor, im März, waren es "nur" 9.485. Wie viele Kurzarbeiter es in den großen Betrieben gibt, darüber kann die Agentur für Arbeit derzeit noch keine Daten liefern, da die Kurzarbeit immer im Nachhinein abgerechnet werde, so Frau Kostroa. Die Abrechnung für den März kann bis Juni erfolgen. 

Auch die SZ-Anfrage bei den 40 größten Arbeitgebern der Region Löbau-Zittau gibt keine Klarheit, da nicht alle betroffenen Unternehmen genaue Zahlen mitteilen wollten. So teilte Birkenstock nur mit, dass an den drei Standorten im Landkreis Görlitz Kurzarbeit angemeldet wurde. Bereits Anfang April hatte Birkenstock darüber informiert, die Produktion für zwei Monate ruhen zu lassen und die Mitarbeiter für diese Zeit in Kurzarbeit zu schicken. In der Region zählt Birkenstock knapp 600 Beschäftigte. 

Die Gesamtzahl der Kurzarbeiter lässt sich deshalb nur schätzen: Bei den 40 größten Arbeitgebern der Region Löbau-Zittau könnten es allein deutlich mehr als 1.600 sein. Tendenziell rechnet die Agentur für Arbeit aufgrund der Corona-Lockerungen mit einer rückläufigen Zahl an Kurzarbeitern in den kommenden Monaten.

Verlust in sechsstelliger Höhe

Die Corona-Krise hat weitreichende Auswirkungen auf die Geschäfte der Unternehmen. Das Gerhart-Hauptmann-Theater geht laut Arauner bis zum Ende der aktuellen Spielzeit von Einnahmeausfällen über einen hohen sechsstelligen Betrag aus. Ähnlich wie dem Theater ergeht es den großen Industriebetrieben. Laut einer DIHK-Blitzumfrage rechnen fast vier von fünf Unternehmen mit Umsatzrückgängen, allein 25 Prozent schätzen ihre Einbußen auf über 50 Prozent.

Einen weiteren Personalabbau plant das Theater trotz der schwierigen Situation nicht, versichert Arauner. Auch hier unterscheidet sich das Theater nicht von der Industrie. Die großen Arbeitgeber wollen fast durchweg keine Mitarbeiter entlassen. 

Bei der Havlat Präzisionstechnik GmbH in Zittau sind auch keine Entlassungen geplant, wie Prokurist David Havlat erklärt. Havlat hat zehn Prozent Kurzarbeit im Durchschnitt über alle Abteilungen angeordnet. In seiner Existenz gefährdet sei auch Havlat aktuell nicht. "Bei Verschärfung der Krise oder einer langanhaltenden Rezession können stärkere Auswirkungen nicht ausgeschlossen werden", sagt David Havlat.

Die Zahlen der Arbeitsagentur zeigen, dass es bisher keine Entlassungswelle gab. Im Agenturbezirk Löbau stieg die Arbeitslosigkeit im April um 5,2 Prozent, im Agenturbezirk Zittau erhöhte sie sich um 3,3 Prozent. Deutlich höher ist der Anstieg im Vergleich zum April 2019, in der Löbauer Region sind es 35 Prozent, in der Region Zittau 9,6 Prozent.

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