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Was Kurzarbeit im Sport bedeutet

Die Volleyballerinnen des Dresdner SC erklären ihr Konzept, das überlebenswichtig ist. Doch es gibt ein neues großes Problem.

Lenka Dürr (links) und Lina-Marie Lieb vom Dresdner SC trainieren während einer Athletik-Einheit auf der Beachvolleyball-Anlage mit dem Medizinball.
Lenka Dürr (links) und Lina-Marie Lieb vom Dresdner SC trainieren während einer Athletik-Einheit auf der Beachvolleyball-Anlage mit dem Medizinball. © dpa/Robert Michael

Dresden. Das hat es noch nie gegeben. Mitte März schickte ein Profiverein nach dem anderen seine Angestellten wegen der Corona-Pandemie in Kurzarbeit – inklusive der bezahlten Athleten. Doch was bedeutet das eigentlich für einen professionell agierenden Sportklub?

„Bis Mitte März gab es gar keine Regelung, wie Kurzarbeit auf den Spitzen-, den Leistungssport anzuwenden ist. Das mussten wir erst in Erfahrung bringen“, sagt Sandra Zimmermann. Die Geschäftsführerin der Volleyballerinnen vom Dresdner SC, fünfmal deutscher Meister und aktueller Pokalsieger, gewährt jetzt bisher unbekannte Einblicke in den Umgang mit der außergewöhnlichen Situation.

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Schon am 12. März hatte die Volleyball-Bundesliga die Saison abgebrochen und für beendet erklärt. „Mit Einstellung des Wettkampfbetriebs wurde uns die Geschäftsgrundlage entzogen“, betont Zimmermann, die daraufhin für alle Angestellten samt Profis und Trainerstab bei der Bundesagentur für Arbeit das Kurzarbeitergeld beantragte. Wenig später wurden die Anträge bewilligt, und seitdem beziehen die Beschäftigten das Kurzarbeitergeld.

60 Prozent sind dafür festgelegt und 67 Prozent für Angestellte mit Kindern, beispielsweise Cheftrainer Alexander Waibl. Dem Arbeitgeber steht es frei, die Beträge aufzustocken. „Das haben wir individuell geregelt“, sagt Zimmermann, bestätigt aber: „Wir mussten alle Einschränkungen hinnehmen.“

Ab dem vierten Monat, beim DSC also seit Juni, wird der Betrag von der Agentur auf 70 Prozent erhöht, ab dem siebenten Monat dann auf 80 Prozent. Für die Beträge muss der Verein jedoch in Vorleistung gehen. „Und dafür muss man liquide bleiben“, betont die Geschäftsführerin.

Für Waibl hat sich inzwischen die tägliche Arbeit extrem verändert. Lediglich zweieinhalb Stunden pro Woche kann er mit der Mannschaft trainieren und ist auch nur für diesen Zeitraum weisungsbefugt. „Die zweieinhalb Stunden definieren wir als Arbeitgeber danach, was sportlich notwendig und wirtschaftlich leistbar ist“, erklärt Zimmermann. Und sie sagt: „Damit greifen wir natürlich erstmals massiv in sportliche Belange ein, doch wir glauben, dass wir nur damit in der Lage sein werden, durch die Krise zu kommen.“

Neue Verträge enthalten juristische Sonderklausel

Das DSC-Team befindet sich konkret zu 80 Prozent in Kurzarbeit, was auch versicherungstechnische Gründe hat. „Die Versicherung ist nur gewährleistet, wenn die Kurzarbeit nicht 100 Prozent beträgt“, betont Zimmermann. Selbstverständlich ist es den Spielerinnen freigestellt, auch über die zweieinhalb Stunden hinaus an der eigenen Fitness zu arbeiten. Vermutlich ist das für Profis auch in der Sommerpause sogar notwendig. „Der derzeitige Trainingskomplex besteht auf freiwilliger Basis. Natürlich kann man zusätzlich noch individuell an sich arbeiten“, sagt Nationalspielerin Lena Stigrot. Derzeit sehe sich der Kader zweimal pro Woche zum gemeinsamen Training. Eine psychologische Auswirkung der zeitlich nach wie vor unklaren Kurzarbeitersituation kann die 25-Jährige an sich nicht feststellen. „Der DSC hat das von Anfang an klar und offen kommuniziert und für uns super gut geregelt“, betont die Außenangreiferin.

Dass Volleyballerinnen auf Gehalt verzichten wie im Profifußball, war beim DSC hingegen nie ein Thema. „Weil keiner unserer Arbeitnehmer in der Position ist, auf Geld verzichten zu können“, betont Zimmermann. Auch die Verträge lediglich als Saison- und nicht als Jahreskontrakte zu gestalten, ergibt für den Verein wenig Sinn. „Bei den ausländischen Spielerinnen handhaben wir das so. Aber unsere deutschen Profis sind nach der Saison bei vielen anderen Dingen für uns aktiv: für die Enso-Tour, die AOK-Schultour oder bei Sponsorenbesuchen“, verdeutlicht die Geschäftsführerin. Diese Aktivitäten mussten diesmal coronabedingt ausfallen. Neuzugänge können dagegen verpflichtet werden, aber mit einer juristischen Sonderklausel. „Das nennt man eine aufschiebende Vereinbarung, die in Zusammenhang mit unserem Geschäftsfeld steht“, sagt Zimmermann. Die Verträge treten mit dem offiziellen Trainingsstart in Kraft. Die Verträge mit den vier US-Amerikanerinnen hatte der DSC indes bereits vor der Corona-Pause festgezurrt.

Die Angst vor der Existenznot bleibt

Wann die Kurzarbeit beendet ist, entscheidet der Verein – in Abhängigkeit politischer Entscheidungen, was Mannschaftstraining und Durchführung von Heimspielen mit Zuschauern betrifft. Bislang ist das eine mit Einschränkungen verbunden, das andere gänzlich verboten.

Der DSC ist von Eintrittskartengeld und sonstigen Zuschauereinnahmen unmittelbar abhängig. Durchschnittlich kommen rund 2.600 Fans zu den Heimspielen. Nun sind Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Zuschauern bis Oktober deutschlandweit verboten. „Stand jetzt ist unklar, worauf wir uns wann und wie vorbereiten. Die aktuellen Verordnungen machen unsere Tätigkeit nicht möglich. Deshalb haben wir Kurzarbeit“, stellt Zimmermann klar. Eine grobe Perspektive aber gibt es: Ende September will die Liga neu starten. „Wir sind froh, dass uns bis dahin das Instrument der Kurzarbeit für den Spitzensport als Rettungsschirm zur Verfügung steht. Gäbe es die Möglichkeit nicht, wären die wirtschaftlichen Schäden viel größer als ohnehin“, sagt Zimmermann.

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Ein Problem könnte sich mit dem Ligastart verschärfen, denn momentan werden Trainingsbetrieb und Wettkämpfe von der Bundesagentur gleichbehandelt. Sollte die neue Saison also ohne oder nur teilweise mit Publikum beginnen, bleiben die Einnahmemöglichkeiten begrenzt. Die Ausgaben aber schnellen auf 100 Prozent nach oben. „Da rollt ein massives Problem auf uns zu“, befürchtet Zimmermann und fordert eine unterschiedliche Bewertung von Training und Wettkampf. „Wir bemühen uns gerade, die entsprechenden Stellen zu sensibilisieren, dass uns das sonst in Existenznot bringen könnte“, sagt sie.

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