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Kurzer Prozess für Bäume

Abgeholzt. 75 kranke Bäume wurden in Liegau-Augustusbad gestutzt oder gefällt. Einige Anwohner sind von der Aktion verärgert.

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Von Katja Gläss

Der Blick in die Ortsdurchfahrt von Liegau-Augustusbad schmerzt: Unmittelbar an der Langebrücker Straße – jene Allee, die jedem Durchreisenden auf Grund ihres mächtigen Baumbestandes sofort ins Auge fiel – ragen auf dem schmalen Seitenstreifen zwischen den Grundstücken und der Fahrbahn Baumstümpfe in die Höhe. Die großen Äste mit dem herbstlichen Blattwerk sind gekappt und bereits abtransportiert. Zwischen den acht bis zehn Meter hohen Baumruinen lassen etliche bis fast auf den Erdboden abgesägte Stümpfe nur noch vermuten, dass dort bis vor kurzem riesige Bäume gestanden haben müssen.

Tückische Stammfäule

„Das ist doch unglaublich“, ärgert sich der Liegauer Johannes Hänsel, der das Treiben seit ein paar Wochen schon verfolgt. Bereits seit Anfang Oktober, so berichtet er, seien hin und wieder Bäume „verschwunden“: Im August waren ein bis zwei Bäume gefällt worden, dann später im Bereich der Forellenschänke noch mehr. In den vergangenen Tagen hätten die Baumfäller dann „noch einmal richtig zugeschlagen“, sagt Hänsel – vor allem im Bereich zwischen Wiesen und Schönborner Straße rückten die Arbeiter zahlreichen Bäumen mit ihren Kettensägen zu Leibe. „75 insgesamt“, rechnet Radebergs Stadtsprecher Jürgen Wähnert vor. Den Ärger der Anwohner kann er zwar gut nachvollziehen – auch wenn das Fällen bereits vor etwa einem Vierteljahr in den Schaukästen der Ortschaft angekündigt worden war. „Natürlich ist es immer traurig, wenn wir irgendwo Bäume wegsägen müssen“, sagt Wähnert. Doch ein Baumschutzgutachten lieferte im vergangenen Jahr Besorgnis erregende Befunde über den Zustand der Gehölze. „Zu 90 Prozent waren die Bäume krank“, berichtet Wähnert. „Nie im Leben waren die krank. Die meisten sahen doch noch gut aus“, sagt Johannes Hänsel. Viele der Bäume seien schon 80 Jahre oder älter gewesen. „In anderen Ländern stehen solche Alleen unter Naturschutz“, wirft der Mann aus Liegau ein. Doch die Ahorn-, Eichen- und Lindengehölze, so ergab die Untersuchung der genommenen Proben, litten an der Stammfäule. Dabei faulen die betroffenen Bäume von innen her weg. Für den Betrachter sei dies äußerlich kaum zu erkennen. Die Bäume selbst werden jedoch zur Gefahr, knicken schon bei geringen Belastungen einfach weg oder fallen um. Das Gutachten bescheinigte zudem, dass die Bäume den nächsten Sturm oder die nächsten ein bis zwei Jahre nicht überstanden hätten. Ohnehin wären einige Bäume, so Stadtsprecher Jürgen Wähnert, bereits umgekippt oder deren morsche Äste abgeknickt – und in die Gärten der Anwohner gefallen. Daraufhin vertraute die Stadt den Ratschlägen der Baumsachverständigen. „Das ist besser, als wenn wir abwarten und noch mehr passiert“, befindet Wähnert. Zudem wäre die Aktion auch mit einigen Ausgaben für die Stadt verbunden. „Das Gutachten kostete Geld, das Fällen auch. Es stößt bei uns nicht gerade auf Begeisterung, wenn wir dafür Geld ausgeben müssen“, betont er. Doch: „Sicherheit geht vor.“

Ersatzpflanzungen noch 2006

„Alles ist in Ordnung“, heißt es diesbezüglich auch aus dem Kamenzer Landratsamt. Die von der Stadt Radeberg veranlasste Baumfällaktion sei dort bekannt. Wichtig seien nur die Ersatzpflanzungen. Diese will die Stadt Radeberg wie in ihrer Gehölzschutzverordnung vorgeschrieben in ihrem Ortsteil auch vornehmen lassen. Und zwar teilweise noch in diesem Jahr. „Es kommen Ersatzpflanzungen hin, so dass die Straße bald wieder zur Allee wird“, betont deren Sprecher Jürgen Wähnert. Um welchen Umfang und welche Baumarten es sich handelt, konnte er noch nicht sagen. Die Gehölzverordnung schreibt zumindest vor, dass es sich um „vorrangig einheimische, standortgerechte Arten“ handeln müsse. Die restliche Bepflanzung soll im nächsten Frühjahr durchgeführt werden. In Liegau-Augustusbad jedoch bleibt die Enttäuschung. „Selbst wenn aufgepflanzt wird, dann dauert es doch Jahre, bis die Bäume wieder einigermaßen groß sind“, meint Johannes Hänsel.