SZ +
Merken

Kurzurlaub in einer Nacht

Dresden. Tausende sind am Sonnabend zurdritten Nacht der Kirchengeströmt.

Teilen
Folgen

Von Claudia Schade

Für Ute und Thomas Riedel ist die Nacht der Kirchen wie ein Kurzurlaub. Sie stehen vor der Christuskirche in Strehlen und fotografieren das imposante Gebäude mit den zwei massigen Türmen. „Wir nutzen die Gelegenheit, die Dresdner Kirchen in Ruhe zu betrachten“, sagt Ute Riedel. „Sonst gehen wir selten in Kirchen. Eigentlich nur im Urlaub.“ Acht Gotteshäuser hat sich das Paar am Sonnabend bereits angeschaut, darunter die Kirchen in Hosterwitz und Pillnitz. Nun wollen sie auf dem Weg zurück nach Freital noch in zwei bis drei weitere einkehren.

Insgesamt 60 Kirchen haben an diesem Abend von 18 Uhr bis nach Mitternacht geöffnet und präsentieren Gemeinde, Gebäude und Geschichte der Dresdner Öffentlichkeit. Tausende kommen, besuchen Gospelkonzerte, Kinderführungen und Meditationen. Allein jeweils 4 000 Neugierige finden sich zu Konzerten der Kapellknaben in der Kathedrale und des Kreuzchores in der Kreuzkirche ein.

Traditionsreiche Posaunen

Deutlich weniger Andrang ist in der St.-Petri-Kirche am Großenhainer Platz. In dem 1890 erbauten Gotteshaus hat die freikirchliche Dreieinigkeitsgemeinde seit 2001 ihr geistliches Zentrum gefunden. Damals konnte sie von der Ev.-Luth. Landeskirche das Gebäude in Erbpacht übernehmen. Eine 75-jährige Tradition hat in der etwa 230 Mitglieder starken Gemeinde der Posaunenchor. Derzeit sind etwa 20 Bläser aktiv. Sechs von ihnen stehen an diesem klaren Abend im rechten Seitenturm der Kirche und blasen schallend zur vollen Stunde.

Um 20 Uhr erklingt eine Fanfare von Georg Philipp Telemann. Vor der Kirche stehen etwa 30 Neugierige und lauschen. „Bei der langen Nacht der Kirchen kann unsere Gemeinde sich der Öffentlichkeit vorstellen“, sagt der 20-jährige Posaunist Sebastian Anwand. Für ihn sei es selbstverständlich, dabei mitzuwirken. „Es macht Spaß zu zeigen, dass Leben in der Kirche ist.“

Elise Opp nutzt die Nacht, um sich die Kirchgemeinden in Gruna anzuschauen. Von Annaberg-Buchholz ist die 23-jährige Studentin dorthin gezogen. In der Thomaskirche sieht sie sich die Ausstellung zur Geschichte des Gebäudes an. Mehr als 130 Besucher kamen bis 21 Uhr in die kleine Stadtteilkirche an der Bodenbacher Straße.

Licht am Ende des Weges

Reges Kommen und Gehen herrscht in der Äußeren Neustadt in der Martin-Luther-Kirche, die mit vielen Kerzen und luftigen Chorälen sehr atmosphärisch gestaltet ist. Hier steht der Abend im Zeichen der Engel. Zwischen den Bänken sind neun Pappflügel, die mit biblischen, besinnlichen und erklärenden Texten neugierig auf die Himmelswesen machen und zum Nachdenken anregen sollen. Ralph von Mühldorfer betrachtet eine Leiter, die an die Decke führt und dort von einem hellen Scheinwerferkegel eingefasst wird. „Das Licht zeigt, warum Kirchen gebaut wurden“, sagt er. „Die Kirche bietet nur die Hülle. Der Fleck da oben ist der einzige Inhalt und zeigt, wohin wir einmal wollen.“ Und er lobt: „Das ist eine hervorragende Idee, den Abend zu gestalten.“