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Großenhain

Lagerkoller statt Speedskating

Schicht- und Wochenendpläne bei Familie Schnee richten sich eigentlich nach den Skaterwettkämpfen ihrer Kinder. Jetzt ist alles anders.

Eine Skaterfamilie sind Anke und Stephan Schnee mit ihren Kindern Selina und Simon. Doch momentan kämpfen die Kmehlener mit der völlig neuen Situation. So wie tausende andere Familien.
Eine Skaterfamilie sind Anke und Stephan Schnee mit ihren Kindern Selina und Simon. Doch momentan kämpfen die Kmehlener mit der völlig neuen Situation. So wie tausende andere Familien. © Anne Hübschmann

Simon langweilt sich gerade in der Skaterhalle des Großenhainer Rollsportvereins. Der Achtjährige ist ein bissel verschnupft und muss daher aufs Trainieren verzichten. Trotzdem zieht es ihn immer wieder in die Halle, wo seine Trainingskameraden und auch Schwester Selina ihre Runden auf Rollen ziehen. Es geht ordentlich zur Sache.

Denn eigentlich wollten die Inline-Speedskater am Wochenende ihren ersten Jahreshöhepunkt mit den Landesmeisterschaften in Erfurt absolvieren. Anke Schnee, Mutti der beiden Talente, wollte als frischgebackene Kampfrichterin agieren. Vater Stephan war gewappnet, wie immer am Rande die Großenhainer Läufer zu betreuen, Schuhe zu schnüren, Startnummern zu befestigen...

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Alles ist anders gekommen. Nicht über Nacht, aber trotzdem sehr plötzlich. Richteten sich die Arbeitszeiten von Anke und Stephan Schnee bislang fast ausschließlich nach den Trainings- und Wettkampfzeiten ihrer Sprösslinge, stehen sie nach der Schulschließung seit dem Wochenende vor weit größeren Fragen. "Das war für mich ein Schock. Was machst Du jetzt mit den Kindern?" 

Anke Schnee beschreibt die Situation, vor der viele Eltern standen und stehen. Sie selbst arbeitet im Schichtbetrieb in einem Einkaufsmarkt. Ehemann Stephan ist im Vier-Schicht-Betrieb in einem Unternehmen in Wilsdruff tätig. Bislang gibt es keine Hinweise, dass sich daran etwas ändert. Was ganz praktisch für die Familie bedeutet: "Wir müssen jeden Tag organisieren", so Anke. Ihr Arbeitgeber hat angeboten, sich weitgehend auf ihre Wünsche zur jeweiligen Schicht einzurichten. Das wiederum muss mit Stephans Arbeitszeiten vereinbar sein. Denn allein sollen Simon und Selina zu Hause nicht sein. 

Familie Schnee wohnt in Kmehlen. Kein Ort, um mal schnell nach Großenhain zum Einkauf zu fahren. Am Sonntag gab es daher eine Krisensitzung. "Jeder durfte drei Wunschgerichte fürs Mittagessen ansagen. Die werden jetzt abwechselnd gekocht", sagt Anke. "Die Kinder sollen ja nicht nur Pizza essen", fügt sie schmunzelnd hinzu. 

Doch die Krisensitzung hatte auch einen anderen Sinn. Denn Selina und Simon müssen wie alle ihre Freunde mit dieser außergewöhnlichen Situation klar kommen. Besuche untereinander sind tabu. Kein Training und keine Wettkämpfe. Eine gewisse Furcht vor dem sogenannten Lagerkoller kommt da schon auf. "Wir müssen das Beste draus machen", sagt Anke Schnee. Dem Bewegungsdrang der Kinder wird zum Beispiel - so es möglich ist - mit morgendlichem Joggen begegnet. 

"Da hab ich mich erstmal ordentlich blamiert. Die Beiden sind mir weggelaufen", lacht die 39-Jährige. Die Lebensmittelpunkte der Sprösslinge wurden so hergerichtet, dass sie beispielsweise trotz Schulausfall etwas lernen können oder kreativ sind. Selina hatte zum Beispiel die Idee, einen Brief zu schreiben und ein Bild zu malen - für ein Altersheim. Auch Simon findet das inzwischen prima und will ebenfalls etwas malen. Mutti Anke hört sich derweil um, auf welchem Wege die Kunstwerke dann in die entsprechende Einrichtung kommen könnten. 

Natürlich hegen alle die Hoffnung, dass sich die Lage irgendwann ein wenig entspannt. Zurzeit gibt es kaum soziale Kontakte zu Nachbarn und Freunden oder auch Ankes Eltern - höchstens über Telefon. "Alle sind sehr vorsichtig", sagt Anke Schnee und findet das auch völlig in Ordnung. 

Die Hoffnung, dass es irgendwann wieder "normal" läuft und dann auch wieder Skater-Wettkämpfe stattfinden, geben Schnees nicht auf. Es wird Geduld und Nerven brauchen, sagt Anke. Und dann wiederholt sie den Satz: "Wir müssen das Beste daraus machen." Und mit "Wir" meint sie uns alle.

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