merken
PLUS

Lammfromm

Im Saupsdorfer Schafstall hat Carola Manstein als Ersatzmutter 110 Jungtiere zu betreuen. Die haben sich verspätet.

Von Anja Weber

Ein neuer Chor schallt durch Saupsdorf. Dessen vierbeinige Mitglieder müssen noch ein bisschen üben, um den Ton zu treffen, sie blöken mal hoch, mal tief, mal etwas schwächer, dann kräftig. Es scheint, als ob die Schafe den Frühling begrüßen. Und mittendrin steht Carola Manstein in ihrer leuchtend pinkfarbenen Jacke, eine Heugabel in der Hand, geradeso, als ob sie den Taktstock schwinge. Sie ist die Chefin im Schafstall, und das wissen die Tiere. Inzwischen auch die 110 Lämmer, die in den letzten Wochen geboren wurden.

Anzeige
Wandern mit Kindern: Das muss mit
Wandern mit Kindern: Das muss mit

Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Jetzt geht es raus ins Freie. Carola Manstein nimmt die Lämmer jetzt für ein paar Stunden mit auf die Weide. Doch an die Frischluft und das grüne Futter müssen sich die Kleinen erst ganz langsam gewöhnen. Fotos: Steffen Unger
Jetzt geht es raus ins Freie. Carola Manstein nimmt die Lämmer jetzt für ein paar Stunden mit auf die Weide. Doch an die Frischluft und das grüne Futter müssen sich die Kleinen erst ganz langsam gewöhnen. Fotos: Steffen Unger

Erst ziemlich spät hat hier die Lämmerzeit begonnen. Während sonst schon Anfang Januar die Ersten geboren werden, kam das erste Lamm in diesem Jahr am 22. Januar zur Welt, am 5. März das Letzte. „Dass in diesem Jahr die Lämmer später als sonst zur Welt gekommen sind, hängt vor allem damit zusammen, dass die Schafe bis Ende Oktober draußen bleiben konnten“, sagt Carola Manstein. Natürlich wollte auch die Agrargenossenschaft Saupsdorf, zu der Schafstall gehört, das ruhige Herbstwetter ausnutzen, damit die Schafe noch recht lange auf der Weide bleiben können. Danach werden sie geschoren. „Und dann dürfen sie nicht mehr raus, sonst bekommen wir Ärger mit dem Tierschutz“, sagt Carola Manstein. Viel Zeit zum Reden hat sie nicht. Denn in den Boxen wird es lauter. Es ist Futterzeit. Und damit sich die Tiere wohl fühlen, hat die Schäferin die Holzgatter so aufgestellt, dass sie die Lämmer in drei Altersgruppen gemeinsam mit ihren Müttern dort unterbringen kann, sozusagen von der Krippe über den Kindergarten bis zur Grundschule.

Wichtig ist auch, dass sich die Schafe anfangs nur in kleineren Gruppen und dann in größeren Gruppen aneinander gewöhnen. Das macht dann auch das Leben draußen einfacher. Und darauf warten die Schafe jetzt schon sehnlichst. Denn dass Frühling ist, spüren auch sie. Doch die Schäferin kann nicht einfach die Stalltüren weit öffnen, damit die Tiere ins Freie laufen können. Als Expertin weiß sie, dass die frischgeborenen Lämmer erst einmal an das grüne Futter gewöhnt werden müssen. Fressen sie am Anfang zu viel davon, könnten sie sterben. Deshalb hat sie einen genauen Zeitplan ausgearbeitet, wer wann in die kleine Weide vor dem Stall darf. Zwei Stunden lang können die Mutterschafe mit ihren Lämmern Frischluft schnuppern, dann ist Wechsel. Und dass die zwei Stunden bald herum sind, scheinen die Schafe im Blut zu haben. Die nächste Gruppe steht schon bereit. Aufgeregt trippeln die Schafe hin und her. Ihr Blöken wird lauter. Doch zuerst kommen die „Freigänger“ wieder in den Stall, manche nicht ganz freiwillig. „Man merkt, dass die Tiere jetzt ins Freie wollen“, sagt die Schäferin. Doch so schnell gehe das nun mal nicht. Dann öffnet sie die zweite Hälfte der großen Stalltür, und die nächste Gruppe springt nach draußen. Im Stall selbst geht es inzwischen weiter: Neues Futter einstreuen, altes Stroh entfernen. Und dazwischen gibt es auch so manche Streicheleinheit für die Schafe, und natürlich auch für die Lämmer. Dann wird es ernst. Die Schäferin greift zur Spezialschere. Angst haben die Tiere vor dem Anblick nicht. Sie wissen, was ihnen bevorsteht. Sie bekommen die Klauen geschnitten.

Auch das ist wichtig, damit sich die Tiere gute entwickeln und schmerzfrei laufen können. Nach dem Schneiden bekommen sie dann noch gratis ein Fußbad dazu. Das ist wichtig, damit die Klauen aushärten.

Schon in dieser Woche dürfen die ersten Tiere auf die Weide. Sie bleiben die nächsten Monate draußen. Anfang Mai kommen auch die anderen noch hinzu.

Mit den Schafen von Weide zu Weide ziehen, das allerdings steht Carola Manstein nicht bevor. Als Mitglied der Genossenschaft wird sie in der Zeit, wo die Schafe sie nicht mehr stündlich brauchen, andere Arbeiten verrichten. Die Tiere werden also eingezäunt, und ist eine Wiese leergefressen, wird der Zaun versetzt. Die Idylle von Schäfern, die geruhsam über das Weideland schreiten, gibt es in Saupsdorf nicht.

Carola Manstein liebt ihren Beruf aber auch so, und jedes einzelne Lamm wächst ihr wieder von Neuem ans Herz. Doch von einigen wird sie sich trennen müssen. Denn die Agrargenossenschaft züchtet auch Schafe, um sie zu verkaufen.

Am 26. April werden etwa 60 männliche Lämmer weiterverkauft. „Wir haben hier alles Stammkunden, die kommen von überallher“, sagt die Schäferin.

Die weiblichen Lämmer bleiben bei der Herde, schließlich sollen die dafür sorgen, dass auch in den nächsten Jahren wieder der vielstimmige Chor aus dem Schafstall über den Sebnitzer Ortsteil schallt.