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Wo man mit gutem Gewissen Fleisch kaufen kann

Große Schlacht- und Fleischbetriebe stehen in der Kritik. Das beschert Direktvermarktern im Landkreis Bautzen Zulauf. Was Kunden dort erwarten können.

Christiane Großmann weiß, von welchen Rindern dieses Fleisch stammt. Das schätzen auch die Kunden des Familienbetriebs in Taubenheim an der Spree.
Christiane Großmann weiß, von welchen Rindern dieses Fleisch stammt. Das schätzen auch die Kunden des Familienbetriebs in Taubenheim an der Spree. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Christiane Großmann spricht ihre Kunden mit Vornamen an. Schließlich sieht sie diese jede Woche. Sie arbeitet hier seit 18 Jahren und soll ihre Mutter als Inhaberin des Unternehmens Direktvermarktung Großmann beerben. „Unsere Stammkundschaft hält uns die Treue, trotz der Lage.“ Wer zu Großmanns kommt, um Fleisch oder Wurst zu kaufen, tut das nicht zufällig. Der Betrieb in Taubenheim an der Spree liegt etwas versteckt südlich der B 98, wenige Meter von der Spree entfernt.

Hier wissen die Menschen, was sie kaufen. „Unsere Kunden interessieren sich immer mehr für die Aufzucht der Tiere, für die Herstellung und den Inhalt unserer Produkte“, sagt die künftige Geschäftsführerin.

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Im Laden wirbt ein Schild: „Als landwirtschaftlicher Familienbetrieb garantieren wir Qualität durch naturgerechte Aufzucht unserer Rinder.“ Darüber sind Bilder von Fleckvieh-, Charolais- und Angusrindern zu sehen. Um die eigenen 200 bis 250 Tiere auf der Weide kümmert sich der Onkel von Christiane Großmann. Eins davon wird pro Woche geschlachtet, dann das Fleisch verarbeitet und verkauft. „Sonst dürften wir uns nicht Direktvermarkter nennen.“

Dazu kommt noch die Lohnschlachtung für andere Betriebe, die das nicht selbst tun dürfen oder können. Schweine dagegen kommen bereits geschlachtet aus einem anderen Betrieb.

Umdenken nach Tönnies-Vorfall

Die Menschen beschäftigen sich bewusster mit ihren Lebensmitteln und deren Herkunft. Die jüngsten Vorfälle in den Tönnies-Schlachthöfen haben Debatten über die Bedingungen für die Mitarbeiter und das Tierwohl neu ausgelöst. Im Landkreis Bautzen gibt es solche großen Schlachtbetriebe nicht, dafür aber etliche Supermärkte, die mit Niedrigpreisen und Sonderangeboten für Fleisch und Wurst werben. Woher die Produkte genau stammen und wie sie verarbeitet wurden, lässt sich da nicht immer nachvollziehen.

Bei der Direktvermarktung Großmann ist das anders, auch auf dem ökologischen Bauernhof von Raphael Zschoschke in Ralbitz-Rosenthal zwischen Kamenz und Königswartha. „Wir schlachten ab September und dann etwa ein bis zwei Schweine im Monat, Rinder ungefähr zwei bis drei pro Jahr.“

Hier werden zwar deutlich weniger Tiere geschlachtet als in Taubenheim, dafür aber noch Getreide und Kartoffeln angebaut. Das war auch einer der Gründe, warum sich Raphael Zschoschke dem Öko-Verband Naturland angeschlossen hat. Denn der kümmert sich um den Vertrieb des Getreides. „Das war eine gute Entscheidung und hat sich gelohnt.“

In vielen Fällen kommt das Fleisch auf sächsischen Tellern gar nicht aus regionaler Produktion, ja nicht mal aus Sachsen selbst, wie das sächsische Sozialministerium mitteilt. So „wird nur etwa die Hälfte des hier benötigten Fleisches auch hier erzeugt. Der Rest wird in anderen Bundesländern oder Staaten produziert“.

Für die Kunden ergeben sich beim Kauf regionaler Produkte oder bei Direktvermarktern aber viele Vorteile, erklärt Birgit Brendel von der sächsischen Verbraucherzentrale. „Oft gibt es die Möglichkeit, die Produktionsstätten selbst zu sehen und so etwas über die Tierhaltung und Verarbeitung zu erfahren. Verkäufer kennen die Herstellungskette, sie können Auskunft geben zur Frische, zum Anbau, zur Be- und Verarbeitung.“

Bewusstsein der Kunden wächst

Außerdem brauche es weniger Schutzverpackungen, und die Emissionen beim Tiertransport fallen weg. „Schlachttieren bleibt der Stress erspart, dem sie beim Transport und auf dem Schlachthof ausgesetzt sind“, so Birgit Brendel weiter. Nicht zuletzt würden regionale Betriebe Arbeitsplätze sichern und die Landschaft prägen.

Auf der anderen Seite bräuchten diese Betriebe Zulassungen für die Schlacht- und Fleischverarbeitung und Personal mit Sachkunde-Nachweis, der zum Schlachten berechtigt. Investitionen, die erstmal aufgebracht werden müssen. Hinzu komme, dass solche kleinen Betriebe oder Höfe oft abseits liegen und von den Verbrauchern extra angesteuert werden müssen. Das kostet Zeit, die manche Kunden nicht aufbringen können oder wollen.

Die Zulassungen und die Lage etwas abseits betreffen auch die Fleischerei Mörl in Diehmen südlich von Bautzen. In dem Familienbetrieb mit Bio-Zertifikat gibt es etwa 400 Schweine und 470 Rinder, erklärt Inhaber und Fleischer Sebastian Mörl. Sein Bruder kümmert sich als Landwirt um die Tiere und Flächen. Montags werden Schweine geschlachtet, freitags sind die Rinder dran. Der Verkauf erfolgt ausschließlich über den eigenen Hofladen.

Laut Bianca Mörl, der Frau des Inhabers, habe der Verkauf von Fleisch und Wurst zugenommen. „Das Bewusstsein der Kunden ist immer mehr spürbar. Die Leute wollen wissen, wo das Fleisch herkommt und wie die Tiere aufgewachsen sind.“ Da von Aufzucht über Schlachtung bis hin zur Produktion alles an einem Ort passiert, könne man sehr gut auf die Wünsche der Kunden eingehen.

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