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Sachsenweit schlimmste Borkenkäfer-Schäden 

Die Plage hat im Kreis Görlitz den Wald verwüstet. Die Folgen spüren Natur, Waldbesitzer und Menschen. Auf lange Zeit.

Von Sebastian Beutler
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Kreisforstamtsleiterin Sylvia Knote (rechts) und Jenny Lämmerhirt, Sachbearbeiterin Waldschutz, schauen sich in einem Wald zwischen Kodersdorf und Königshain eine vom Borkenkäfer befallene Fichte an.
Kreisforstamtsleiterin Sylvia Knote (rechts) und Jenny Lämmerhirt, Sachbearbeiterin Waldschutz, schauen sich in einem Wald zwischen Kodersdorf und Königshain eine vom Borkenkäfer befallene Fichte an. © Nikolai Schmidt

Eigentlich ist jetzt Zeit zum Durchatmen, zum Innehalten. Im Wald. Die Temperaturen liegen unter den berühmten 16,5 Grad, von denen Borkenkäfer an ausschwärmen. 

Doch Sylvia Knote macht keinen entspannten Eindruck, als die Kreisforstamtsleiterin am Montag vor Journalisten die Schadensbilanz vorträgt. Rund 1.000 Hektar fielen im Borkenkäferjahr 2019/20 den Tieren zum Opfer. Dabei ist es erst zur Hälfte rum, denn Borkenkäferjahre beginnen am 1. Juni und reichen bis zum 31. Mai. Der Ansturm der Borkenkäfer im Frühjahr steht also noch aus. 

Schlimmste Waldschäden seit 1946/47

Doch schon jetzt ist das eine Verdreifachung der Schäden zum Vorjahr und gar das 60-fache zum Borkenkäferjahr 2017/2018. Und die Prognose von Sylvia Knote fällt noch dramatischer aus: Möglicherweise eine Million Festmeter Holz könnten im Jahr 2020/2021 von den Borkenkäfern befallen werden, das wäre noch mal das Dreifache von diesem Jahr. Aber so etwas wie derzeit hat die seit fast 40 Jahren im Forst tätige Sylvia Knote tatsächlich noch nicht erlebt, wie der frühere Landwirtschaftsminister spricht auch sie von "der schlimmsten Waldschadenssituation seit 1946/47"

Da fallen schon mal Worte wie "Krieg" oder "in Friedenszeiten wäre das anders". Die Forstbesitzer und -behörden fühlen sich so. Als wäre Krieg. Ein stiller, der die Wälder angreift und gegen den kaum ein Mittel hilft.

Stürme, Hitze, Bruchholz - Extrembelastung für den Wald

Das sind die Börkenkäfer, die in den Wäldern des Landkreises Görlitz so viele Schäden anrichten.
Das sind die Börkenkäfer, die in den Wäldern des Landkreises Görlitz so viele Schäden anrichten. © Foto: Rafael Sampedro

Seit dem Sturm Kyrill im Jahr 2007 kommt der Forst nicht zur Ruhe. Zwar bereitete der Sturm in der Oberlausitz nicht so große Schäden wie andernorts, aber dafür kamen ab 2008 bereits die Borkenkäfer. Der trockene Jahrhundertsommer 2008, heftige Schneefälle 2010 hatten zunächst die Widerstandskraft der Bäume verringert und anschließend viel Holz zu Bruch geschlagen. Ehe die Besitzer die Stämme aus dem Wald bringen konnten, war der Käfer schon da. Aber das war nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was seit drei Jahren in den Wäldern im Kreis los ist. Seitdem ist es ein Wettlauf gegen die Zeit. Mit ungewissem Ausgang. 

Allein die Stürme "Xavier" und "Herwart" im Herbst 2017 sowie der Orkan "Friederike" Anfang 2018 hinterließen in den Wäldern eine Schneise der Verwüstung und rund 82.000 Festmeter Schadholz. "Das war ein Mehrfaches an Wurf- und Bruchholz, als der Sturm ,Kyrill' produziert hatte", erklärt Sylvia Knote. Und dann kamen die trockenen Sommer 2018 und 2019. An der Wetterstation Niesky fielen 2018 von April bis Dezember 220 Liter zu wenig auf den Quadratmeter. Und so sah es im gesamten Kreis aus.

Schwerpunkte: Königshainer Berge, rund um Löbau

Borkenkäfer haben in den Wäldern der Königshainer Berge schon sehr viel Unheil angerichtet. 
Borkenkäfer haben in den Wäldern der Königshainer Berge schon sehr viel Unheil angerichtet.  © Foto: SZ/Daniela Pfeiffer
Eine vomn Borkenkäfer befallene Fichte im Wald zwischen Kodersdorf und Königshain.
Eine vomn Borkenkäfer befallene Fichte im Wald zwischen Kodersdorf und Königshain. © Nikolai Schmidt
Borkenkäferlarven an einer Rinde.
Borkenkäferlarven an einer Rinde. © Nikolai Schmidt

Der Borkenkäfer fand so ideale Voraussetzungen, um sich zu vermehren. Weil bis März 2018 das Schadholz nicht aus den Wäldern gebracht werden konnte, besiedelte der Borkenkäfer die Stämme. Von dort aus befiel er die stehenden Bäume.  20 Prozent aller Fichten im Landkreis. 75 Prozent aller Waldbesitzer im Kreis sind betroffen.

Im vergangenen Jahr war es zudem so lange warm, dass sich drei Generationen der Käfer entwickeln konnten. Eine Seltenheit. Die Dritte überwintert jetzt am Totholz oder unter der Rinde - und bei 16,5 Grad und wenn es mindestens zwölf Stunden hell ist, schwärmt sie aus. "Dann droht der Flächenbrand" sagt Sylvia Knote.  Nachdem bislang vor allem die Fichtenbestände in den Königshainer Bergen, rund um Löbau und in niedrigen Lagen des Zittauer Gebirges betroffen waren, zeichnen sich wegen Trockenheit und Hitze nun auch in den Kiefern-, Lärchen- und Laubholzbeständen des Nordens ähnliche Entwicklungen ab.

Freistaat hilft mit Fördergeldern

Dabei sind jetzt schon die Schäden im Landkreis Görlitz enorm und die höchsten im gesamten Freistaat. 317.000 Festmeter Holz sind vom Borkenkäfer befallen und zerstört. Das ist noch einmal etwas mehr als der Nationalpark Sächsische Schweiz aufweist. 20 Prozent der gesamten Schadholzmenge im Freistaat fällt im Landkreis Görlitz an. Der Freistaat hat Hilfsgelder über den Staatsbetrieb Sachsenforst zur Verfügung gestellt, sie jetzt auch noch einmal aufgestockt. Das erkennen Landrat Bernd Lange und Sylvia Knote an. Ob es reicht, wissen sie auch nicht.

Doch der Käfer hat Wälder im gesamten Freistaat bereits befallen: Hier liegen Fichtenbestände im Stadtwald Meißen zur Abholung bereit. 
Doch der Käfer hat Wälder im gesamten Freistaat bereits befallen: Hier liegen Fichtenbestände im Stadtwald Meißen zur Abholung bereit.  © Claudia Hübschmann
Alexander Decker lagert im Ochsenbusch in Frauenhain, bei Großenhain das vom Borkenkäfer befallene Kiefernholz. 
Alexander Decker lagert im Ochsenbusch in Frauenhain, bei Großenhain das vom Borkenkäfer befallene Kiefernholz.  © Kristin Richter
Diese durch den Borkenkäfer geschädigten Fichten standen bereits im Sommer 2019 bei Großpostwitz. 
Diese durch den Borkenkäfer geschädigten Fichten standen bereits im Sommer 2019 bei Großpostwitz.  © SZ/Uwe Soeder
Im Forstrevier bei  Eibenstock im Erzgebirge beräumen Mitarbeiter einer Forstfirma vom Borkenkäfer geschädigtes Fichtenholz. 
Im Forstrevier bei Eibenstock im Erzgebirge beräumen Mitarbeiter einer Forstfirma vom Borkenkäfer geschädigtes Fichtenholz.  © Wolfgang Schmidt
Selbst die Bundeswehr half bei Flöha im vergangenen Jahr gegen den Borkenkäfer. 
Selbst die Bundeswehr half bei Flöha im vergangenen Jahr gegen den Borkenkäfer.  © Matthias Rietschel

Könnten "Friday for future"-Schüler Bäume pflanzen?

Wettlauf gegen die Zeit: Forstbesitzer transportieren das Holz aus dem Wald zwischen Königshain und Kodersdorf ab. 
Wettlauf gegen die Zeit: Forstbesitzer transportieren das Holz aus dem Wald zwischen Königshain und Kodersdorf ab.  © Nikolai Schmidt

Die Folgen für die Forstwirtschaft sind drastisch. Die Holzpreise haben sich fast halbiert. Die Einnahmen der Waldbesitzer reichen nicht mehr aus, um aufzuforsten. Dabei wären schätzungsweise fünf Millionen Bäume nötig, um die bisherigen Flächen wieder zu bepflanzen.  Doch selbst wenn das Geld vorhanden ist: die Forstbaumschulen verfügen gar nicht über so viele Pflanzen. Und wer soll diese ganzen Bäume im Wald pflanzen, dafür gibt es zu wenige Unternehmen. 

Der Görlitzer Landrat Bernd Lange lobt zwar das Gymnasium Niesky, von dem Schüler im Wald Bäume pflanzen. Auch fände er es wünschenswert, wenn die Teilnehmer der "Friday for future"-Bewegung nicht nur demonstrieren, sondern beispielsweise sich am Waldumbau mit einem Sommercamp beteiligen würden. Doch dürfte das kaum ausreichen. 

Denn der Waldumbau, der schon seit einigen Jahren auf kleinen Parzellen läuft, muss nun mit hohem Tempo unter widrigen Bedingungen fortgesetzt werden. Widerstandsfähige Nadelbaumarten und Mischwälder, Weißtannen, Bergahorns und  Stieleichen sind wieder gefragte Arten. Nur: Sie wachsen nicht so schnell wie Fichten, die gutes Bauholz liefern und damit auch sichere Einnahmen für die Waldbesitzer waren. 

Doch Sylvia Knote sieht noch mehr Probleme durch die fehlenden Bäume. Auf den entstandenen Kahlflächen erodiert der Boden, die Wälder können die Temperaturen nicht mehr regulieren wie zuvor. Als Feuchtigkeitsspender fallen sie mehr und mehr aus. Der Lebensraum für Tiere und Pflanzen verändert sich gravierend, die Menschen finden weniger Erholung. 

Eine Woche Landregen - das würde schon viel helfen

Bei allen Veränderungen, der Wald wird nicht verschwinden. Seine Besitzer haben es immer wieder vermocht, ihn zu erhalten und umzubauen. Auch nach den schweren Waldschäden in den 1980er Jahren wegen der Umweltverschmutzung. Und vielleicht gibt es ja auch in den nächsten Tagen eine Woche Landregen, der die Wälder widerstandsfähiger gegen die Käfer macht. Das wäre der größte Wunsch von Sylvia Knote im Moment. 

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