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Landkreis knüpft Netz für besseren Schutz der Kinder

Hebammen, Ärzte, Kitas, Schulen und Polizei sollen mitwirken, um schneller zu erkennen, ob ein Kind zu Hause in Gefahr ist.

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Von Madeleine Siegl-Mickisch

Erst am letzten Wochenende wurde eine Mitarbeiterin des Bautzener Jugendamtes gerufen, nachdem es Hinweise auf Streit in einer Familie gegeben hatte. Obwohl es schon später Abend war, habe sie sich nicht mit der Aussage der Eltern zufriedengegeben, dass das Kind schläft, sagt Jugendamtsleiter Eckhart Friese und spielt damit auf die Ereignisse in Kirchberg bei Zwickau an. Dort starb vor drei Wochen der zweijährige Robin an Unterernährung. Die Sozialarbeiterin, die noch kurz zuvor die Mutter besuchte, hatte den Jungen nicht zu Gesicht bekommen.

Wachsame Erzieher

In Bautzen bestand die Mitarbeiterin darauf, das Kind zu sehen – sie stellte zum Glück nichts Auffälliges fest. Eckhart Friese weiß, dass die 15Mitarbeiter des dafür zuständigen Allgemeinen Sozialen Dienstes mit solchem Vorgehen nicht immer auf Verständnis stoßen, ja oft in schwierige Situationen geraten. Aber das Wohl des Kindes habe absoluten Vorrang.

Seit das 2005 auch im Gesetz deutlicher festgeschrieben wurde, habe es eine Weile gedauert, bis das „auch in den Köpfen angekommen ist“. Das sieht auch Klaus Naumann, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt (Awo) im Landkreis Bautzen, so. Manche Erzieherin habe noch Probleme, damit umzugehen, weshalb die Awo spezielle Weiterbildungen anbiete. Denn nun müssen auch die Mitarbeiter in den Kindereinrichtungen verbindlich reagieren, wenn sie Anhaltspunkte für eine Gefährdung der ihnen anvertrauten Kinder feststellen. Seit einem reichlichen Jahr gibt es dazu Vereinbarungen zwischen Jugendamt und Trägern der Kitas. „Das zeigt schon Wirkung“, sagt Friese. Es gingen mehr Hinweise auf möglicherweise vernachlässigte Kinder beim Jugendamt ein.

Auch aus der Bevölkerung kämen mehr Anrufe – durchschnittlich zwei pro Woche wurden letztes Jahr gezählt. „Die Kultur des Hinschauens hat zugenommen.“ Auch wenn sich weniger als die Hälfte der eingegangenen Anzeigen als begründet erweise – künftig erwartet der Amtsleiter noch mehr Arbeit für seine Mitarbeiter. Zum einen würden sie in den Familien mit immer schwierigeren Problemen konfrontiert: „Beziehungskonflikte, Alkohol-, Drogensucht, Gewalt – die gesamte Bandbreite ist im Landkreis angekommen.“ Zum anderen sollen noch mehr Leute hinschauen.

So baut die Awo seit November im Auftrag des Jugendamtes ein soziales Frühwarnsystem auf, damit Problemfälle schneller erkannt werden. Hebammen, Ärzte, Kitas, Schulen und die Polizei sollen Hinweise geben. Vorstellbar sei eine Art „Runder Tisch“, sagt Awo-Chef Naumann. Wie es genau funktionieren soll, „müssen wir noch überlegen“. Zunächst sei entscheidend, Partner für die Sache zu gewinnen.

Rechtlicher Rahmen muss her

Dafür müsse beispielsweise der Umgang mit dem Datenschutz geklärt werden. Darin sieht auch Eckhart Friese eine wichtige Voraussetzung: Um Berufsgruppen wie Ärzte oder Hebammen einzubeziehen, müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen her. „Wir sind froh, dass die Staatsregierung das jetzt aufgreift“, sagt Friese mit Blick auf die aktuelle Diskussion um ein Kinderschutzgesetz in Sachsen. „Aber wir wollen keinen Aktionismus.“

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