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PLUS Landtagswahl 2019

Weil Sonntag, 18 Uhr, alle nach Sachsen schauen

1.100 Reporter haben sich zur Wahl im sächsischen Landtag angemeldet. Manche sogar aus Japan. Das enorme Interesse gilt natürlich einer Partei.

Peter Smiatek aus Baden-Baden baut in Dresden das Wahlstudio für die ARD auf. ARD-TV-Studios im Sächs. Landtag in Dresden.
Peter Smiatek aus Baden-Baden baut in Dresden das Wahlstudio für die ARD auf. ARD-TV-Studios im Sächs. Landtag in Dresden. © kairospress

Alle sind aufgeregt: Presse, Parteien, die ganze Politik. Wenige Tage bis zur Landtagswahl, die Zeit der tiefen Augenringe. Peter Smiatek gehört zu den wenigen Unaufgeregten im Herzen der sächsischen Politik. Dort arbeitet er, zumindest zwischenzeitig. „Du musch dich halt den Gegebenheiten anpassen, weisch“, sagt der Veranstaltungs-Techniker auf breitem Badisch. Im Auftrag der ARD baut der gelernte Zimmermann seit Sonntag das Wahlstudio im Landtag auf.

Ideal sind die Gegebenheiten nicht, am besten passt das Studio auf ein Quadrat mit 15 Metern Länge. Unterhalb der bauchigen Tribüne im Plenarsaal muss Smiatek auf 12 mal 14 Meter klarkommen, Plätze nicht neben-, sondern voreinander bauen. Nach zwei Tagen Bauzeit thronen feingliedrige Scheinwerfer-Gerüste über dem ARD-farbenen Boden, LED-Rundwände quetschen sich vor dunkelblaue Vorhänge. Ab Freitag wollen die Sendungsmacher proben, dann muss das Studio stehen.

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Seit 30 Jahren macht der 52-jährige Smiatek seinen Job, Wahlstudios für die ARD baut er seit 2007. Damals wählte nur Bremen, ein seichter Einstieg. „Bei der ersten Wahl bischd noch aufgeregt, inzwischen isch es Routine.“ Seit 30 Jahren berichten Journalistinnen und Journalisten über demokratische Landtagswahlen in Sachsen. Routine ist es gerade diesmal nicht. 1100 Presseleute haben sich allein für die Berichterstattung aus dem Landtag angemeldet, 300 mehr als vor fünf Jahren. 2019 blickt die ganze Welt auf Sachsen. Bis zu 9000 Kilometer liegen die Hauptsitze der Medien entfernt, die wissen wollen, wie der Freistaat wählt. Aus der Türkei reist Presse an, aus Dänemark, Russland, Japan.

Vor dem Landtag in Dresden postieren sich die ersten von Dutzenden Übertragungswagen.
Vor dem Landtag in Dresden postieren sich die ersten von Dutzenden Übertragungswagen. © kairospress

Für die Landtagsverwaltung ein arbeitsintensives Kunststück. Techniker, Hausmeister, Ordnungs- und Sicherheitsdienst sind im Dauereinsatz, um die Medien beim Aufbau zu unterstützen. „Aber die Kollegen der Medien und des Landtags haben überwiegend Erfahrung mit der Vorbereitung eines Wahlabends, viele betreuen das nicht zum ersten Mal’“, sagt Christian Schulze vom Presseteam des Landtags.

Zierten nicht orangefarbene ZDF-Embleme die LKW auf dem Landtagsgelände, man könnte meinen, eine Band mit Rammstein-Format wäre auf Tour. Karawanenartig reisen große deutsche Medien an. Mit 18 Leuten verdoppelt sich das Team der Deutschen Presseagentur, ARD und ZDF schicken Aberdutzende, für Phoenix kommen vier weitere Kräfte angereist. „Man merkt schon, dass bundesweit ein besonderes Augenmerk auf Sachsen liegt“, sagt Landtagssprecher Schulze. Zeit, Spiegel und andere überregionale Zeitungen, sie alle lassen sich verstärken. Für das Magazin Focus berichten sechs Leute von der Wahl. RTL, NTV und Spiegel TV, selbst der BR entsendet eine Journalistin aus Bayern.

Für einen Auftritt von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) am Mittwoch reisten ein Reporter der britischen Sunday Times und eine Reporterin des Dänischen Rundfunks bis nach Dippoldiswalde ins Gebirge.

59 Abgeordnetenplätze gestohlen

Nicht alle schicken mehr Leute als bei anderen Wahlen, nicht alle nennen denselben Grund; die Tendenz ist gleichwohl klar: „Die Wahl in Sachsen beschäftigt die Redaktion mehr als zum Beispiel die Landtagswahl in Bremen, weil in dem Bundesland erstmals die AfD stärkste Kraft werden könnte“, so eine Sprecherin des Focus. Außerdem könne es passieren, dass mit AfD und Linken „zwei Parteien der politischen Ränder die alleinige Opposition bilden“.

Der MDR versorgt als zuständiger Korrespondent für Mitteldeutschland alle ARD-Landesrundfunkanstalten, Das Erste, Phoenix, tagesschau24, 3Sat und Arte mit Beiträgen. Neben ARD und ZDF betreibt er ein drittes Studio im Plenarsaal. Die Wahlberichterstattung habe man „generell deutlich ausgebaut, um die Bedeutung von Wahlen aufzuwerten“, heißt es vom MDR. Die Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen werden länger, Bettina Schausten und Matthias Fornoff moderieren für das ZDF, Anne Will talkt in ihrer Show natürlich über die Wahl. Titel? Steht noch nicht fest.

Ein weiterer Baustellentag ist vergangenen, jetzt bleiben Peter Smiatek noch anderthalb. Aufregung? Er sitzt, scherzt, plaudert mit dem Set-Designer. Aus Holzkisten mit „Deko“-Aufschrift sind glatte Studio-Oberflächen und der Moderationstisch geglitten, ein Wahlkreuz klebt auf dem glattpolierten Boden. Der „Wanderzirkus“, so nennt Smiatek sein Team, ist fast bereit für den Einzug der Domteure.

56 Abgeordneten-Plätze mussten im Plenarsaal für das Wahlstudio des ZDF weichen.
56 Abgeordneten-Plätze mussten im Plenarsaal für das Wahlstudio des ZDF weichen. © kairospress

Am Sonntag wird auf seinem Platz der ARD-Chef Rainald Becker sitzen, „und da drüben ist die Schönenborn-Ecke, da sitzen auch die Leute von Infratest-Dimap“. Moderator Jörg Schönenborn mimt wie immer Graf Zahl. Auf seinem Touchscreen werden Stimmenanteile, Wählerwanderungen, mögliche Koalitionen aufpoppen.

„Die Sendungen guck ich natürlich immer noch“, sagt Smiatek. „Ist schon was, wenn man dann sieht, was man aufgebaut hat. Aber nach 30 Jahren hat man mitgekriegt, dass auch Promis nur mit Wasser kochen.“ Über sein Gesicht wandern Discolichter, mal sieht er aus wie die grüne Fantasy-Figur Shrek, mal wie die violette Grinse-Katze aus dem Wunderland von Alice. Spielereien der Technik-Mitarbeiter. „Wir müssen das Licht aussperren, um unser eigenes zu erzeugen“, sagt Caspar Armster, Setdesigner des ARD-Studios. Dichte Vorhänge bedecken die Landtags-Fenster bis unter die Decke, „kein Scheinwerfer kommt sonst gegen den Schattenwurf der Sonne an.“ Rund 50 Menschen werden am Sonntag über das ARD-Set tänzeln, weitere in den Übertragungswagen sitzen. „Ein ganz schönes Ballett“, sagt Armster.

Das Studio der ARD schmiegt sich in eine Ecke des Plenarsaals, das ZDF residiert mittendrin. Die schlimmste Furcht manch einer Partei, sie wurde jetzt schon wahr: 59 Abgeordnetenplätze mussten weichen. Fünf Jahre lang gehörten sie CDU, SPD und Grünen. Im Landtag saßen sie darauf, berieten, stritten, hörten zu. Vor der Wahl ist alles anders. Die Plätze gingen aber nicht an die AfD. Der Landtag hat sie für das ZDF entfernt. Mitten im Eingang zum Plenarsaal prangt das Studio des Senders.

Tausende Meter Kabel haben Technikerinnen und Techniker auf dem Gelände verlegt, 50 Übertragungs-Wagen werden am Sonntag aus Sachsen in die Welt senden. Physisch schützen Polizei und Landeskriminalamt die Beteiligten vor Schäden. Die psychische Gesundheit von Presse und Politik kann niemand garantieren. Peter Smiatek geht es anders. Während für die Politik am Montag der härteste Teil Arbeit beginnt, fährt er zurück nach Baden-Baden. Vermutlich völlig unaufgeregt.

Mitarbeit: Franz Herz

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