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„Es regiert Populismus statt Sachverstand“

Landwirt Wolfgang Grübler kritisiert die Agrarpolitik der Bundesregierung und die Besserwisserei von Laien.

Landwirt aus Leidenschaft und mit ganz viel Sachverstand: Wolfgang Grübler, der Vorsitzende der Agrargenossenschaft Lommatzscher Pflege.
Landwirt aus Leidenschaft und mit ganz viel Sachverstand: Wolfgang Grübler, der Vorsitzende der Agrargenossenschaft Lommatzscher Pflege. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Wolfgang Grübler ist der Chef des Agrarunternehmens Lommatzscher Pflege, des größten in der Region. Im Gespräch mit der SZ spricht er über Agrarpolitik, Bauernproteste, Insektenschutz und Klimawandel.

Herr Grübler, Tausende Landwirte demonstrierten im November in Berlin gegen die Agrarpolitik der Bundesregierung. Sie auch?

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Entspannung in der Spreewald Therme
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Was schenkt man jemandem, der schon alles hat? Gutscheine für eine kleine Auszeit sind da das perfekte Weihnachtsgeschenk.

Nein, ich war zu dieser Zeit zu einem Lehrgang in Suhl. Unsere Firma hat von der Aktion zu spät erfahren. Sie lief ja vor allem über eine Whats App-Gruppe. Auch unser Regionalbauernverband hatte geschlafen.

Hätten Sie denn Grund zu demonstrieren?

Und ob! Wenn die Gesetzespakete der Bundesregierung durchkommen, hat das für uns Bauern und letztlich für die Bevölkerung unabsehbare Folgen.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel liegen wir bei der Nitratbelastung komplett in einem roten Gebiet. Wie das kommt, kann ich mir nicht erklären. Unsere eigenen Messungen jedenfalls kommen zu einem ganz anderen Ergebnis, liegen deutlich unter den Grenzwerten. Wenn das Paket durchgeht, müssen wir 20 Prozent weniger Stickstoff einsetzen, als die Pflanzen benötigen. Das ist irre. Einem kranken Patienten gibt man doch auch nicht nur 80 Prozent der nötigen Medizin oder näht ihn nach einer Operation nur zu 80 Prozent zu.

Was hätte das für Folgen für den Anbau?

Dann könnten wir beispielsweise keinen Brotweizen mehr produzieren, sondern nur noch Futterweizen. Schon zu DDR-Zeiten haben wir angefangen, wissenschaftliche Stickstoffdüngung einzuführen. Seit 1999 besitzen wir einen Sensor, der den Chlorophyllgehalt des Pflanzenbestandes ermittelt und uns genau sagt, was die Pflanze braucht. Das Ergebnis ist eine hervorragende Qualität unseres Weizens, den uns die Dresdner Mühle mit Kusshand abnimmt. Damit wäre es dann vorbei.

Gibt es aus anderen Ländern Beispiele für solch eine Maßnahme?

Ja, in Dänemark hat man das vor Jahren auch gemacht, aber schnell gemerkt, was dabei rauskommt und wieder korrigiert. Ich frage mich ernsthaft, warum die deutsche Politik jetzt den gleichen Fehler begeht.

Ein weiteres Reizwort ist der Einsatz von Glyphosat.

Dabei muss man genau unterscheiden, aber das wird eben nicht gemacht. Wir setzen grundsätzlich kein Glyphosat zur Erntebeschleunigung ein, sondern nur, um den Pflanzen einen unkrautfreien Boden zur Verfügung zu stellen. Ja, wir setzen Pestizide ein, aber nicht, wenn ein Imker in der Nähe ist. 95 Prozent der Bauern machen es akkurat, aber für die fünf Prozent der schwarzen Schafe müssen die Bauern alle herhalten. Wir haben uns zum Beispiel auch verpflichtet, keinen Klärschlamm einzusetzen, arbeiten pfluglos, also sehr bodenschonend.

Die Bauern sind also nicht schuld am Bienensterben?

Dafür gibt es mannigfaltige Ursachen. Neben Krankheiten ist es auch die Existenz des Bienenfressers. Dieser Vogel stammt aus Südeuropa, den gab es hier früher nicht. Wegen der höheren Temperaturen hat er sich auch in unseren Gefilden angesiedelt. Man kann nicht alles auf die Chemie schieben. Früher gab es in den Dörfern Holunderbüsche und andere Sträucher. Das ist jetzt alles weg, weil es „schön“ aussehen muss. Es ist Sterilität eingezogen. Schauen sie sich doch mal diese Betongärten an. Hauptsache keine Arbeit, die Natur ist doch völlig egal. Täglich geht ein Rasenroboter über die Wiese, da kann keine Blume wachsen. Ich werde belächelt, weil ich auf meiner Wiese Inseln für Blumen lasse. Jeder kann etwas tun, um die Bienen zu retten.

Auch die Vögel werden offenbar immer weniger.

Es ist normal, dass die Populationen schwanken. Alles hängt doch mit jedem zusammen. Bei uns haben früher die Schwalben zwei- bis dreimal gebrütet. In diesem Jahr nur einmal. Der Grund ist, dass es zu wenige Mücken gibt. Und das liegt wiederum am Wassermangel. Mücken entwickeln sich eben nur in Feuchtgebieten. Kein Regen, keine Mücken.

In der Kritik steht auch die Massentierhaltung.

Was ist denn bitteschön Massentierhaltung? Dieser Begriff ist überhaupt nicht definiert. Ist ein Imker, der zwei Millionen Bienen hat, auch ein Massentierhalter? Das ist doch nur ein populistischer Begriff. Entscheidend ist, dass sich die Tiere wohlfühlen. Es ist für die Umwelt viel schädlicher, wenn ich zwei Kühe halten muss, die jeweils 5.000 Liter Milch pro Jahr geben statt eine, die 10.000 Liter bringt. Denn die produziert nur halb soviel Schadgase pro Liter Milch.

Sind die Bauern die Prügelknaben der Nation?

Im Moment ja. Es ist nur noch Populismus gefragt, es gibt keinen Sachverstand mehr. Ich frage mich, warum ich Landwirt gelernt und vier Jahre Studium bei ständiger Weiterbildung absolviert habe, wenn es andere, die das alles nicht gemacht haben, doch viel besser wissen.

Es gibt also nicht nur 80 Millionen Fußball-Bundestrainer, sondern auch 80 Millionen Landwirte?

Heute weiß angeblich jeder, wie Landwirtschaft geht. Wir müssen doch in Kreisläufen denken. Das geht nicht, wenn jemand Biologie in der Schule abwählt, aber dann Landwirt werden will.

Wie haben sich die beiden letzten trockenen Jahre auf Ihren Betrieb ausgewirkt?

Mit unseren guten Lössböden haben wir ja noch Glück. Dennoch gibt es wegen des Wassermangels Einbußen, dieses Jahr waren sie sogar größer als 2018. Grund ist, dass manche Pflanzen im Vorjahr Wasser aus großer Tiefe ziehen konnten. Doch jetzt ist der Grundwasserspiegel abgesunken, uns fehlen rund 1,50 Meter. So waren die Erträge bei Zuckerrüben noch gut, aber auf den Feldern, auf denen 2018 Zuckerrüben standen, war der Weizenertrag 2019 schlecht. Auf diesen Feldern haben wir nur 60 statt 80 Dezitonnen pro Hektar ernten können. Dem Raps haben Schädlinge zugesetzt, die es vor zwei Jahren noch gar nicht gab.

Wenn Sie noch mal von vorn anfangen könnten, würden Sie wieder Landwirt werden wollen?

Auf jeden Fall! Ich bin auf einem Bauernhof in Zöthain geboren, praktisch von Kind auf in die Landwirtschaft hineingewachsen. Ich bin Landwirt aus Leidenschaft, auch wenn mich die ausufernde Bürokratie inzwischen nervt.

Sie sind 66, wollten eigentlich schon im Ruhestand sein?

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In einem Interview hatte Wolfgang Grübler die Agrarpolitik der Bundesregierung kritisiert und von Populismus statt Sachverstand gesprochen.

Ja, ich hatte auch schon einen potenziellen Nachfolger eingearbeitet, doch der ist dann abgesprungen. Ich dachte ja, dass die Jugend Schlange steht. Aber offenbar will sich das keiner antun. Mit dem Aufsichtsrat habe ich vereinbart, dass ich bis Ende Juni 2020 weitermache. Es gilt aber noch, Investitionen zu tätigen. Beispielsweise brauchen wir einen Kälber- und Abkalbestall für 3,5 Millionen Euro. Diese größere Investition würde ich schon noch machen wollen. Gegebenenfalls hänge ich dann noch maximal ein Jahr dran. Bis dahin muss sich der Aufsichtsrat gekümmert haben.

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