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Landwirte auf „Mission Bambi“

Bevor bei der Prohav Halbendorf die Wiesen gemäht werden, ist eine Drohne im Einsatz. Sie hilft, Leben zu retten.

Hohes Gras ist für Ricken das ideale Versteck für ihre neugeborenen Kitze. Doch Felder mit Futtergras stellen durch die Mahd mit großen Maschinen eine tödliche Gefahr für Kitze dar.
Hohes Gras ist für Ricken das ideale Versteck für ihre neugeborenen Kitze. Doch Felder mit Futtergras stellen durch die Mahd mit großen Maschinen eine tödliche Gefahr für Kitze dar. © Foto: Sabine Larbig

Halbendorf. Sechs Uhr morgens. Olaf Hanusch und Bernd Zeisig machen sich für einen besonderen Einsatz fertig, packen Körbe, Netze, Funkgeräte und eine Drohne mit Wärmebildkamera in einen Geländewagen. „Perfekt. Es regnet nicht, der Nebel ist fast weg, die Sonne steht noch nicht hoch. Aber wir müssen uns beeilen“, ruft Olaf Hanusch seinem Kollegen zu.

Der Leiter der Abteilung Feldbau bei der Prohav Halbendorf und Schlosser Bernd fliegen in den nächsten drei Stunden etwa 30 Hektar Wiesenflächen mit der Drohne ab, bevor sie die Big M, eine Mähmaschine mit neun Meter Arbeitsbreite, aberntet. „Wir brauchen das Gras als Futter für unsere 650 Milchkühe“, erklärt der 33-jährige Hanusch, der seit Studienabschluss Abteilungsleiter im Betrieb und zuständig für 2.000 Hektar Bewirtschaftungsfläche, zehn Mitarbeiter und Auszubildende ist. „Landwirt ist ein kreativer und abwechslungsreicher Beruf. Für mich der schönste“, erzählt er, während er irgendwo zwischen Mühlrose und Köbeln die Drohne aufbaut.

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„Die haben wir 2019 mit Unterstützung regionaler Jagdgenossenschaften für etwa 10.000 Euro angeschafft, um Kitze zu retten. Sie hilft aber auch, Wildschäden durch Wildschweinrotten auf unseren Flächen zu verhüten“, begründet Hanusch, der eigens einen Drohnenführerschein machte. Da er selbst Jäger ist, kommen ihm jagdliche und berufliche Erfahrungen bei Drohnenflügen zugute. „Ich weiß, wann und wo Rehe sein könnten, kann so gezielt Flüge ansetzen.“

Von Ende April bis Mitte Mai, sagt er, sei die sogenannte Setzzeit. „Das bedeutet, Ricken setzen ihre neugeborenen Kitze in Verstecken, meist in hohem Gras, aus, während sie auf Nahrungssuche gehen. Das ist auch die Zeit, wo wir erstmals Gras mähen. Daher überfliegen wir vor dem Einsatz der Mähmaschinen die Ernteflächen mit der Drohne, um Kitze zu finden und vor dem Tod zu bewahren. Denn die Fahrer der riesigen Landwirtschaftsmaschinen können sie nicht rechtzeitig entdecken.“

Früher, erinnert sich Bernd Zeisig, seien die Mitarbeiter die Flächen vor der Mahd abgelaufen oder hätten Flatterbänder und Vergrämungsmaßnahmen angewandt. „Das war unwirtschaftlich und half nicht wirklich.“ Mit der Drohne sei es anders. „Überall, wo sich ein Wärme abstrahlendes Lebewesen aufhält, zeigt mir der Bildschirm der Drohne helle feststehende oder sich bewegende Punkte“, erläutert Olaf Hanusch. Für ihn sind die Punkte Beleg für Hasen, Füchse, Wildschweine, Rehe oder Kitze. „Manchmal sind es aber nur Maulwurfhügel.“ Um Gewissheit zu erlangen, müssen die Landwirte deshalb noch immer die Wiesen abgehen. Dank Drohne und Funkgeräten reichen inzwischen jedoch zwei Leute und wenige Stunden.

Olaf Hanusch bereitet die Drohne für den Flug über die Prohav-Flächen vor.
Olaf Hanusch bereitet die Drohne für den Flug über die Prohav-Flächen vor. © Foto: Sabine Larbig

„Bernd, gehe mal sechs Meter geradeaus. Jetzt links, Noch etwas mehr. Bleib stehen. Direkt vor Dir müsste was sein“, dirigiert Drohnenführer Olaf seinen Kollegen, der einen geflochtenen, luftdurchlässigen Korb sowie Zeltheringe mit sich führt, durch das Gras. „Ich hab‘s. Es ist ein neu geborenes Kitz, komplett unter Gras versteckt. Das hätte man nie entdeckt“, antwortet Bernd. In Windeseile stülpt er den Korb über das schlafende Kitz, befestigt ihn mit den Heringen. Dann läuft er zum Geländewagen zurück und kommt mit einem Netz, das an weißen Holzstäben angebracht ist, zurück. Die Konstruktion stellt er um den Korb.

„Der Korb bewahrt das Kitz vor menschlichem Kontakt und Geruch und hindert es am Weglaufen. Das Netz ist ein Schutz vor Milanen. Außerdem sieht es der Fahrer der Mähkombi von weitem und kann rechtzeitig den Bereich umfahren. So bleiben die Kitze am Leben“, erklärt Bernd Zeisig. „Ich freue mich jedes Mal, wenn wir ein Kitz retten. Für mich ist die Suche schon eine emotionale Geschichte.“ Olaf Hanusch hat inzwischen die Drohne eingepackt, Akkus getauscht, das Auto angelassen. „Gleich kommt die Mähkombi. Bevor sie hier fertig ist, müssen wir die nächste Fläche überflogen und Kitze gerettet haben. Da die Fahrer an einem Tag 30 Hektar abmähen, müssen wir schnell sein. Abgesehen davon ist es wichtig, die von den Ricken getrennten Kitze möglichst schnell wieder zu befreien.“

Olaf Hanusch weiß, dass die Aktionen für Kitze Stress bedeuten und trotz Drohne nicht alle versteckten Jungtiere gefunden werden. „Wenn es regnet, zu warm oder windig ist, kann die Drohne nicht starten oder nimmt verfälschte Bilder auf. Sie ist kein 100-prozentiger Schutz.“ Erfolgreich ist ihr Einsatz dennoch. In knapp 90 Minuten konnten die zwei Landwirte vier Kitze vor einem grausigen Tod bewahren. Einige Rettungen werden noch dazu kommen. Ob es wie im Vorjahr 17 Kitze, darunter Zwillinge, werden, vermag Olaf Hanusch nicht einzuschätzen. „Durch die bisherige Trockenheit und damit niedrige Gras gibt es auf unseren Flächen sicher weniger Kitze als sonst.“ Möglichst viele zu retten, ist den Landwirten daher wichtig. Denn noch ist die Prohav der einzige Regionalbetrieb, der mit Drohne auf „Mission Bambi“ geht.

Bernd Zeisig sichert eine Kitz-Fundstelle vor den Mähmaschinen.
Bernd Zeisig sichert eine Kitz-Fundstelle vor den Mähmaschinen. © Foto: Sabine Larbig

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