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Sonnenblumen gegen Vertrauen-Euro

Die Erntezeit ist in vollem Gange. Überschüssiges aus dem Garten und vom Feld geben manche Privatleute und Landwirte in Selbstbedienung ab.

Die Sonnenblumen in Vierkirchen dürfen selbst gepflückt werden. Pro Stück kosten sie 50 Cent – für einen guten Zweck.
Die Sonnenblumen in Vierkirchen dürfen selbst gepflückt werden. Pro Stück kosten sie 50 Cent – für einen guten Zweck. © Constanze Junghanß

Die gelbe Blütenpracht zieht sich vom Holzmühlenteich bis in den Arnsdorfer Ortseingang. Ein schwarzes Auto hält. Eine Frau steigt aus, mit Schere in der Hand. Sie beginnt einige Blüten abzuschneiden. Ein leuchtender Strauß Sonnenblumen. Die wachsen auf dem Acker und sind zur Selbsternte freigegeben. Andrea Köhler vom gleichnamigen Landwirtschaftsbetrieb hat die sonnigen Feldrandbegleiter angebaut – einige tausend Blumen sind das wohl, schätzt sie ein.

Eine Sonnenblume ist aus Holz und übermannsgroß. Daran mit einem Schloss befestigt: eine „Kasse des Vertrauens“. Die Blumen dürfen selbst gepflückt werden. Auch die Frau wirft Münzen in die Kassette aus Eisen. Pro Sonnenblume 50 Cent. Rund 1000 Euro hat der Landwirtschaftsbetrieb seit Anfang Juli auf diese eher ungewöhnliche Weise eingenommen.

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Das zeige, dass wohl die meisten Selbstpflücker ehrliche Leute sind, sagt Frau Köhler. Ein bisschen Vorsicht schadet aber keinesfalls. Die Unternehmerin leert die Kasse täglich. Das Blumengeld wird vom Landwirtschaftsbetrieb nicht selbst einbehalten, sondern komplett gespendet. Davon profitieren werden zu jeweils einem Drittel der Kinderkreis Vierkirchen, die Jugendfeuerwehr und die Kindersportabteilung, erzählt Andrea Köhler. 

In Tetta werden Tomaten und Honig angeboten

Im Leiterwagen vor der Tierarztpraxis in Tetta stapeln sich Mangold, Tomaten, Gurken und anderes Gemüse: eine bunte Mischung Vitamine. Alles frisch vom Feld nebenan geerntet. Honig gibt’s auch. Ein Schraubglas steht auf dem Tisch. Da kommt das Geld rein. Markus Ender vermarktet auf diese Weise einen Teil der Ernte seiner ökologischen Landwirtschaft. „Ich vertraue darauf, dass da nichts gestohlen wird“, sagt er. Bisher sei das auch noch nicht passiert.

Immer wieder sind auch bei Grundstücken auf den Dörfern rund um Görlitz Tische zu entdecken, auf denen – je nach Saison - Kirschen, Pflaumen, Stachelbeeren, im Herbst Äpfel und Birnen und andere überschüssige Ernten aus dem eigenen Garten zum Mitnehmen angeboten werden. Da weiß man gleich, wo die Erzeugnisse herkommen. Das Geld wird in eine Sparbüchse, ein Glas oder Ähnliches eingeworfen. Unkompliziert und regional, statt Supermarktware, die manchmal mehr als 1000 Kilometer transportiert wurde. In Kunnerwitz leuchteten die roten Johannisbeeren aus Körben unter einem Sonnenschirm am Straßenrand Ortsausgang Richtung Weinhübel zum Mitnehmen.

Die „Kasse des Vertrauens“ steht in Arnsdorf an der Straße und wird täglich geleert
Die „Kasse des Vertrauens“ steht in Arnsdorf an der Straße und wird täglich geleert © Constanze Junghanß

Doch ist das überhaupt erlaubt, Produkte aus dem Garten auf solche Art zu vermarkten? Kreissprecherin Franziska Glaubitz erklärt, dass es darauf ankommt, wer Obst und Gemüse auf diese Weise unter die Leute bringt. „Die Abgabe haushaltsüblicher Mengen unverarbeiteten Obsts und Gemüses direkt aus dem eigenen Garten oder vom eigenen Grundstück unterliegt nach geltendem Lebensmittelrecht keiner Registrierungspflicht als Lebensmittelunternehmer beim Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt (Lüva)“, sagt sie. Das heißt, behördlich genehmigt werden muss das nicht. Anders ist das bei einem Verkauf frischer unveränderter Produkte in einem Hofladen oder auf dem Wochenmarkt. Dann ist das gewerberechtlich anzumelden und unterliegt auch der Registrierungspflicht beim Lüva.

Vermarkter tragen Verantwortung

So oder so werden Erzeuger von Obst und Gemüse bei Abgabe ihrer Produkte an Personen außerhalb des eigenen Haushaltes im Sinne des geltenden Lebensmittelrechts zum „Lebensmittelunternehmer“. „Damit müssen sie dafür Sorge tragen, dass die von ihnen in Verkehr gebrachten Lebensmittel die jeweils anwendbaren Anforderungen des Lebensmittelrechts erfüllen“, erklärt Franziska Glaubitz. Das bedeutet, in Eigenverantwortung des Vermarkters „ist der Endverbraucher vor nachteiligen Beeinträchtigungen der körperlichen Gesundheit zu schützen.“ Sauber sollen Obst und Gemüse auf jeden Fall sein und auch nicht verdorben. „Offensichtlicher Schädlingsbefall oder Ware mit Fraßspuren von Tieren ist von der Abgabe auszuschließen“, sagt die Kreissprecherin. Und zum Reinigen darf ausschließlich Trinkwasser genutzt werden.

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