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Lange Warteliste bei Schuldnerberatung

Die Fälle der Berater der Diakonie werden immer umfangreicher. Das ist nicht das einzige Problem.

Die Diakonie Döbeln bietet eine Schuldnerberatung an. Vielen Betroffenen fällt dieser Schritt schwer. Deshalb häufen sich oft tausende Euro Schulden an.
Die Diakonie Döbeln bietet eine Schuldnerberatung an. Vielen Betroffenen fällt dieser Schritt schwer. Deshalb häufen sich oft tausende Euro Schulden an. © dpa

Region Döbeln. Das erste Geld verdient, sofort ein Auto auf Kredit gekauft, auch das neuste Handy musste es sein. Schnell war das Konto im Dispo und auch der Kredit bald überzogen.

Ein typisches Szenario, mit dem die beiden Schuldnerberaterinnen der Diakonie tagtäglich zu tun haben. Rund 400 Menschen, die in die Schuldenfalle geraten sind, beraten Verona Hardt und Stephanie Scarpat. Pro Jahr kommen 100 bis 120 dazu.

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Schwierigkeiten durch Kurzarbeit

Die Corona-Pandemie habe sich bisher noch nicht gravierend ausgewirkt, sagen die beiden. Trotzdem hätten sich bereits einige Frauen und Männer gemeldet – sozusagen vorbeugend. Sie werden bereits in der Schuldnerberatung betreut und haben mit den Beraterinnen einen Plan erarbeitet, um die Schulden Schritt für Schritt zu tilgen. Durch eine drohende Kündigung ihres Arbeitsverhältnisses oder eine lange Zeit der Kurzarbeit befürchten die Betroffenen nun, die Schulden nicht mehr, wie geplant, begleichen zu können.

Ein halbes Jahr Wartezeit

Auch ohne die möglichen Auswirkungen von Corona müssen sich diejenigen, die sich von der Schuldnerberatung Hilfe erwarten, anstellen. „Mitte vergangenen Jahres haben wir eine Warteliste eingeführt“, sagt Verona Hardt. Auf der stehen stets zwischen 50 und 70 Personen, deren Fall dann etwa ein halbes Jahr später bearbeitet wird.

Allerdings werde bereits bei der Anmeldung geklärt, ob die aufgelaufenen Schulden Existenz bedrohend sind, also zum Beispiel die Kündigung der Wohnung droht. Dann werde der Fall vorgezogen. „Aber die meisten schleppen die Schulden schon seit Jahren mit sich herum“, so Stephanie Scarpat. Da käme es auf einen Tag mehr oder weniger nicht an.

Dass die beiden Beraterinnen immer mehr zu tun haben, liege nicht daran, dass es mehr Menschen gibt, die Schulden haben, sondern die Fälle werden umfangreicher. „Wir haben drei Fälle, in denen es weit über hundert Gläubiger gibt“, sagt Verona Hardt.

Sucht ist Ursache von Schulden

Oft stecke eine Sucht hinter den angehäuften Schulden. Die häufigsten seien die Spiel- und Kaufsucht. Letztere geht mit dem sogenannten Eingehungsbetrug einher. Das heißt, die Menschen bestellen eine Ware und wissen in dem Moment bereits, dass sie diese nicht bezahlen können. In dieser Beziehung arbeite die Schuldnerberatung eng mit der Suchtberatung zusammen, die sich gleich im Nachbarzimmer befindet.

Auf eine bestimmte Personengruppe ließen sich die Schuldner nicht eingrenzen. „Zu uns kommen Azubis ebenso wie Rentner, ALG II-Empfänger wie Großverdiener und nicht selten mehrere Generationen einer Familie. Die größte Gruppe machen die 30- bis 55-Jährigen aus“, erklärt Stephanie Scarpat. Im Durchschnitt seien 30.000 Euro Schulden aufgelaufen. Der bisher höchste Betrag waren 750.000 Euro.

Geld einteilen, fällt vielen schwer

Bei den meisten seien die Schulden bereits in der Jugendzeit entstanden. Viel trage die Werbung dazu bei, die suggeriere: Kauf jetzt mit günstigen Krediten. Viele junge Menschen hätten nicht gelernt, Geld einzuteilen. „Haushaltsplanung müsste in der Schule vermittelt werden“, wünscht sich Verona Hardt und Stephanie Scarpat fügt hinzu: „Die Schüler lernen Algorithmen, aber können keinen Kontoauszug lesen.“

Frauen nehmen Zepter in die Hand

Wach würden die Schuldner meist, wenn sich eine Lebensphase ändert, zum Beispiel Kinder geboren werden oder ein neuer Partner dazukommt. Auch haben die beiden Beraterinnen festgestellt, dass oft die Frauen das Zepter in die Hand nehmen und den Anstoß dazu geben, dass sich die Männer bei der Schuldenberatung melden. Etwa 50 Schuldner gehen pro Jahr den radikalen Schritt in die Privatinsolvenz.

Corona hat zwar fast noch keine neuen Schuldner zu den Beraterinnen gebracht, aber sie spüren die Pandemie auf andere Weise. Einige Einrichtungen, mit denen sie regelmäßig zusammenarbeiten, sind nach wie vor schwer erreichbar. Dazu gehören das Gericht, das Jobcenter, die Rentenstelle und Krankenkassen. Das erschwere die Arbeit sehr.

Beratungshilfe zu weit weg

Dazu komme, dass das Gericht die Vollstreckungsabteilung und die Beratungshilfe schon seit längerer Zeit nach Hainichen verlegt hat. Die meisten Schuldner, die einen Beratungsschein benötigen, haben keine Rechtsschutzversicherung, kein Geld für einen Anwalt und auch kein Geld, um nach Hainichen zu fahren. 

Dort würden sie den Schein am gleichen Tag erhalten. Werde er auf dem Postweg beantragt, könne das bis zu sechs Wochen dauern. „Deshalb wäre es wünschenswert, wenn ein Rechtspfleger regelmäßig nach Döbeln käme und an einem Tag hier eine Beratung anbieten würde“, sagt Verona Hardt.

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