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"Jetzt geht es um Leben, nicht um Geld"

Der Kreis Görlitz in der Corona-Pandemie: Tote in Pflegeheimen, schwierige Lage bei Schutzausrüstung, freie Intensivbetten. Landrat Bernd Lange zieht eine Zwischenbilanz.

ARCHIV - 06.03.2020, USA, Washington: HANDOUT - Diese von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im Januar 2020 zur Verfügung gestellte Illustration zeigt das neuartige Coronavirus. Rote knubbelig-abstehende Stacheln auf einer grauen Kugel:
ARCHIV - 06.03.2020, USA, Washington: HANDOUT - Diese von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) im Januar 2020 zur Verfügung gestellte Illustration zeigt das neuartige Coronavirus. Rote knubbelig-abstehende Stacheln auf einer grauen Kugel: © ZUMA Wire

Das Oster-Wochenende wird eine Herausforderung - für die Bürger, die Ärzte, den Nachschub mit Schutzausrüstung, auch für die Landkreisverwaltung und die Zukunft der Wirtschaft sowieso. Wie Landrat Bernd Lange die Situation beurteilt, sagte er der SZ.

Corona-Lage: Todesfälle in Pflegeheimen nehmen zu

Acht der bisher neun mit Covid-19 im Zusammenhang stehenden Todesfälle (Stand: 9. April, 12 Uhr) betreffen Bewohner von Altenpflegeheimen. Fünf Verstorbene gab es im "Abendfrieden" in Niesky, drei im "Martin-von-Tours-Haus" in Klein Priebus. Bernd Lange sieht die Quelle der Infektionen in beiden Einrichtungen in Personen, die das Virus von außen eingeschleppt haben: Pflegekräfte oder Besucher.

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"Deshalb müssen wir die Hygienevorschriften noch stärker beachten, bei aller Knappheit der Ressourcen." Ein Aufnahmestopp kommt für ihn derzeit nicht infrage. Annegret Schynol, die Chefin des Gesundheitsamtes, möchte noch genauer die Infektionsketten nachverfolgen: "Wenn es positive Bescheide gibt, müssen die Kontaktpersonen schneller herausgefiltert werden." Eine absolute Sicherheit gebe es allerdings nicht.

Schutzausrüstung: Träger sind zuständig, Kreis hilft

Schutzausrüstung für die Altenpflegeheime zu besorgen sei in erster Linie nicht Aufgabe des Landkreises, sondern der Träger. Der Kreis leiste Unterstützung, habe deshalb den Bedarf, auch im medizinischen Bereich, abgefragt und treibe die Eigenproduktion im Kreisgebiet voran. "Wir haben schon vor Wochen bei der Textilindustrie angefragt, ob Unterstützung möglich ist. Frottana aus Großschönau hat sich daraufhin auf die Suche nach geeigneten Stoffen begeben und diese auch gefunden."

Zwar stehe die Abschlusszertifizierung für den Mundbereich noch aus, trotzdem seien noch vor dem Osterwochenende 8.000 Stück des bakterien- und virenundurchlässigen Mund- und Nasenschutzes an ambulante Ärzte verteilt worden. Um permanent handlungsfähig zu sein, hat der Landkreis ein Logistikzentrum eingerichtet. Von dort aus wird das Schutzmaterial - auch das vom Freistaat gelieferte - je nach Bedarf ausgefahren. Wo es sich befindet, bleibt geheim, um möglichem Diebstahl vorzubeugen.

Personal: Landkreis startet einen Aufruf

Überall im Landkreis werden Pflegekräfte und Helfer gebraucht. Man habe deshalb mit der Hochschule Zittau/Görlitz gesprochen und darum geworben, dass alle, die sich in der Lage fühlen, für Hilfstätigkeiten zur Verfügung stehen. Zudem wird ein Aufruf gestartet - um Pflegekräfte zu akquirieren, die momentan noch berufsfremd unterwegs sind, aber auch um die Notbetreuung in den Kitas besser abzusichern.

Intensivbetten: Noch längst nicht ausgelastet

Der aktuellen Corona-Situation sind die Krankenhäuser im Landkreis gewachsen. Bisher mussten 13 Personen zur Behandlung in eine Klinik eingewiesen werden, davon ein Patient auf eine Intensivstation. Jeweils fünf wurden in den Krankenhäusern Weißwasser und Niesky aufgenommen, zwei im St. Carolus  und eine im Klinikum Görlitz, wobei die Einrichtungen in Weißwasser und am St. Carolus als zentrale Anlaufstellen im Kreis gelten. An der Kapazitätsgrenze sei man damit noch nicht angekommen, so Landrat Lange, ohne dabei konkrete Zahlen zu nennen.

"Wenn nicht noch drei Hotspots wie zuletzt in Niesky oder Klein Priebus hochkommen, wird das auch so bleiben." Gleiches gelte für die Corona-Tests. Auch hierzu nennt der Kreis keine Zahlen. Gesundheitsamtsleiterin Schynol verweist aber darauf, dass die für den Kreis Görlitz zuständigen beiden Labore - die Landesuntersuchungsanstalt in Dresden und das Labor Ostsachsen in Görlitz - bisher allen Anforderungen gerecht geworden seien. "Das wird auch bei einem möglichen Aufwuchs der Tests so sein, am Osterwochenende ebenso."

Bürgertelefon: Bisher über 14.000 Anrufe

Das vom Landkreis eingerichtete Bürgertelefon (03581 6635656) ist für die Menschen zwischen Zittau und Weißwasser inzwischen nahezu unverzichtbar. Mehr als 14.000 Anrufe gab es bisher. "Vor allem dann, wenn neue Allgemeinverfügungen in Kraft treten und die Leute wissen wollen, wie sie das Behördendeutsch deuten sollen", sagt Bernd Lange. Aber auch kleine und mittelständische Firmen würden sich melden und wegen der Finanzhilfen nachfragen. "Die vermitteln wir dann in die Fachämter." Laut Sozialdezernentin Martina Weber ist das Bürgertelefon zwischen 8 und 16 Uhr auch an allen Ostertagen zu erreichen.

Osterausflüge: Kommunen bestimmen über Parkplätze

Die Ausflugsparkplätze im Landkreis am Osterwochenende zu sperren sei eine Empfehlung gewesen, betont der Landrat und reagiert damit auf die Weigerung des Großschöner Bürgermeisters Frank Peuker, dies in seinem Gemeindegebiet zu tun. Jede Kommune sei als kommunale Ordnungsbehörde selbst zuständig.

Rückmeldungen aus den einzelnen Orten gebe es deshalb nicht. Demzufolge auch keine Übersicht, wo was gesperrt sei. "Die Menschen haben es selbst in der Hand, vernünftig zu bleiben. Spazieren gehen ist nicht verboten, wenn man die Kontaktvorgaben einhält." Görlitz hatte die Zufahrten zum Berzdorfer See bereits abgesperrt.

Ausstieg: Zu schnell wäre ein Fehler

Der Einstieg in den Ausstieg der durch Corona bedingten Einschränkungen ist für Bernd Lange noch nicht absehbar. "Ich habe noch keine Trendwende bemerkt und will deshalb auch keine Prognose wagen." Ein zu früher Ausstieg sei für alle Beteiligten ein hohes Risiko. "Mir ist natürlich klar, dass man die Bevölkerung nicht ewig einsperren kann. Vielleicht gelingt die Lockerung in bestimmten Gruppen. Aber mit hoher Verantwortung." Wenn zuerst die Schulen wieder in Betrieb genommen würden, sei man gerüstet. Die Busse für den Schülerverkehr stünden "in den Startlöchern". 

Finanzen: Kreis macht Kassensturz im Mai

Die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise für den Kreis sind derzeit noch nicht absehbar. "Aktuell geht es um Menschenleben, nicht um Geld", stellt Lange klar. Dass Mehrkosten zu stemmen sein werden, sei klar.

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Beispielsweise habe man Gelder für den Katastrophenschutz und für die Herstellung der Frottana-Masken zur Verfügung gestellt. Voraussichtlich im Mai werde es deshalb einen Kassensturz geben. Und dann sehr wahrscheinlich einen Nachtragshaushalt. "Im Juni will ich im Kreistag über die aktuelle Situation berichten", nimmt sich der Landrat vor.

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