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Langes Warten auf die Kinderärztin

Sieben Mediziner in der Region Riesa-Großenhain arbeiten im Akkord und trotzdem gilt das Gebiet als überversorgt.

Von Catharina Karlshaus
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Kleine Patienten wie Mats müssen sich gemeinsam mit ihren Mamas in Geduld üben. Die kinderärztliche Praxis von Dr. Janine Rönisch-Siebert in Großenhain ist bereits kurz vor 8 Uhr rappelvoll.
Kleine Patienten wie Mats müssen sich gemeinsam mit ihren Mamas in Geduld üben. Die kinderärztliche Praxis von Dr. Janine Rönisch-Siebert in Großenhain ist bereits kurz vor 8 Uhr rappelvoll. © Kristin Richter

Großenhain. Schon der Parkplatz verheißt nichts Gutes. Abgestellte Fahrzeuge, wohin das Auge reicht. Keine Lücken, nach denen drei herumkurvende Frauen mit Kindern auf den Rücksitzen gleichzeitig suchen. Was sie in dem Moment nicht ahnen können: in wenigen Minuten werden sie sich alle in einem Raum wiederfinden. Im Wartezimmer der Großenhainer Kinderarztpraxis von Dr. Janine Rönisch-Siebert nämlich, das an diesem Morgen schon kurz vor 8 Uhr zum Zerbersten gefüllt ist. Magen-Darmerkrankungen, Husten, Schnupfen und Fieber – geduldig nehmen die Schwestern am Empfang alle Beschwerden auf, bevor die Erkrankten schließlich zur Untersuchung ins Sprechzimmer vordringen dürfen. Wann das sein wird? Schwester Katrin Horn kann nur freundlich um Geduld bitten. Fest steht in diesem Moment lediglich, dass das Team um Janine Rönisch-Siebert in den nächsten Stunden sein Bestes geben wird.

Muss es auch, denn bereits um 8.15 Uhr hocken 19 Patienten schniefend und prustend auf den Stühlen. Und die Schlange wird immer länger. „Das ist zurzeit leider keine Seltenheit! Gerade am Wochenbeginn ist die Praxis besonders voll und wir arbeiten bis zum Abend hintereinander weg“, bekennt Janine Rönisch-Siebert.

Patienten auch aus Brandenburg

Die Kranken kämen dabei nicht nur aus Großenhain und den umliegenden Dörfern. Viele wären in Riesa, Glaubitz, Thiendorf, Lauchhammer, Ortrand, Meißen oder Diesbar-Seußlitz beheimatet. Obgleich sich in den jeweiligen Gegenden teilweise auch Kinderärzte niedergelassen hätten, sei der Behandlungstourismus in der Natur der Sache begründet. Einerseits würden angestammte Mediziner keine Patienten mehr aufnehmen können, weil ihre Kapazitäten erschöpft sind. Auf der anderen Seite wäre für viele Eltern der längere Weg einfach notwendig, weil es in der Nähe ihres Wohnortes keinen Kinderarzt gebe.

In Großenhain gibt es immerhin drei. Eingedenk von Dr. Thomas Jürgens in Radeburg, drei Ärzten in Riesa und einem in Gröditz insgesamt acht. Zumindest auf dem Papier der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KV), die das Gebiet auf SZ-Anfrage eindeutig als überversorgt beschreibt. „Der Planungsbereich verfügt zum Arztstand 1. Oktober über einen Versorgungsgrad von 143,3 Prozent und ist demzufolge auch für Neuzulassungen gesperrt“, erklärt KV-Sprecherin Katharina Bachmann-Bux.

SZ Grafik / Romy Thiel
SZ Grafik / Romy Thiel © SZ Grafik / Romy Thiel

Das tägliche Leben sieht gänzlich anders aus. Nachdem die Röderstädter nach der Praxisaufgabe von Rosemarie Kandzia im Januar 2017 sogar übers Fernsehen und mithilfe der Sächsischen Zeitung in Janine Rönisch-Siebert eine Nachfolgerin gefunden haben, gibt es erneut Engpässe. Seit der vorübergehenden Schließung der Praxis von Christine Spargen praktizieren die 39-Jährige und Dr. Vera Illig wieder nur zu zweit in Großenhain. Eine missliche Situation, die nicht nur den betroffenen Eltern bekannt vorkommen dürfte. Denn seit der ersatzlosen Schließung der Praxen von Ursula Lenk in Schönfeld Ende 2014 und Helga Boitz aus Nünchritz im Juni 2016 hat sich die Lage nie wirklich entspannt. Gleich nun, welche Großenhainer Ärztin sich mit der anderen Fachkollegin in die strömende Patientenschar teilen muss. Sie sind letztlich allein für die Behandlung von Hunderten Kindern aus der Region, gar selbst aus Südbrandenburg und Königsbrück kommend, zuständig. Ein Kraftakt, erst recht in Urlaubszeiten und Phasen, in denen wie jetzt die Grippe- und Erkältungswelle so richtig Fahrt aufnimmt.

Während Medizinerinnen wie Janine Rönisch-Siebert an Tagen wie diesem bis zu 90 Mädchen und Jungen behandeln, zeigt sich die KV unbesorgt. Inwiefern die Belastungsgrenze der einzelnen Ärzte erreicht wäre, könne man zwar nicht beurteilen. „Selbst wenn man Frau Dr. Christine Spargen aus der Bedarfsplanung herausrechnen würde, ergäbe dies einen Versorgungsgrad von 122,83 Prozent für den Planungsbereich Riesa-Großenhain“, sagt Katharina Bachmann-Bux. Folglich bleibe dieser auch ohne die erkrankte Ärztin immer noch überversorgt und es gebe keine Chance für eine weitere Niederlassung. „Es ist zwar gut nachvollziehbar, dass der Ausfall der Ärztin die Region trifft. Dennoch ist die KV Sachsen an die bundesweite Bedarfsplanungsrichtlinie gebunden und hat damit keine Spielräume für weitere Zulassungen.“

Brotdose und Trinkflasche dabei

Für Janine Rönisch-Siebert, die geradezu im Akkord praktiziert, ist das ebenso wenig tröstlich wie für Anastasia Reich. Die Großenhainerin – ausgestattet mit Brotdose und Trinkflasche – will mit ihrer Tochter Sophia in zwei Stunden noch einmal wiederkommen. Dann, wenn sich die Reihen im Wartezimmer vielleicht etwas gelichtet haben – und sie einen freien Stuhl findet.