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„Langfristiger Zieleerfüller“

Das schwebt Felix Neureuther als Beruf vor. Der ehemalige Skirennfahrer hat viele Dinge am Laufen.

Felix Neureuther bringt die Leute gern zum Lachen.
Felix Neureuther bringt die Leute gern zum Lachen. © dpa/Lino Mirgeler

Sölden. Das letzte Rennen liegt beinahe zwei Monate zurück. Jetzt spricht Felix Neureuther über die Gründe für den Rücktritt nach 16 Jahren im alpinen Ski-Weltcup, die Zeit danach und das, was die Zukunft bringt. Er ist wie immer gut gelaunt – und auch nachdenklich. Seinem Sport bleibt der Garmisch-Partenkirchener verbunden. Eine Arbeit als Experte oder Kommentator für das Fernsehen steht im Raum.

Herr Neureuther, wie häufig haben Sie seit Ihrem Rücktritt Mitte März auf Skiern gestanden?

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Puh ... (denkt nach), das kann man an einer Hand abzählen. Ich war zweimal mit der Miri (Anm.: Ehefrau Miriam Neureuther) auf Skitour und zweimal mit einer Schulklasse beim Skifahren. Das war's. Ich muss also schon schauen, ob ich's noch kann (grinst).

Ist es ein komisches Gefühl, wenn Skifahren jetzt plötzlich nur noch Freizeitvergnügen ist?

Das ist es schon ein bisschen. Ich ertappe mich, wie sehr ich noch darauf achte, dass ich alles richtig mache. Bei der Skitour mit der Miri habe ich beim Runterfahren auch gedacht: ah, jetzt mehr Druck auf den Außenski, ein bisschen mehr die Hüfte rein. Total bescheuert. Aber diesen Drang nach Perfektion kriege ich nicht mehr raus. Da kann ich nicht loslassen.

Sie haben nach dem Rücktritt gesagt, dass Sie sich auf ein normales Leben freuen. Wie schaut das im Moment aus?

Von Normalität kann bisher keine Rede sein. Ich hatte keine Pause nach dem Karriereende, war viel unterwegs und bin gleich in den Berufswahnsinn rein. Ich habe dann auch noch eine schwere Grippe bekommen, weil es einfach zu viel war. Ich hätte nicht gedacht, dass das Rentnerleben so anstrengend sein kann. Es wird Zeit, dass es jetzt mal ruhiger wird.

Sie wollten ja unter anderem Ihre Steuererklärung in Zukunft selbst machen. Schon angefangen?

(lacht) Dafür hatte ich ehrlich gesagt noch keine Zeit. Das kommt im Sommer. So blöd es klingt: Auf diesen Büroalltag freue ich mich. Das ist eine große, neue Herausforderung für mich als ehemaliger Sportler, weil ich damit ja nie konfrontiert worden bin. Diese Herausforderung brauche ich jetzt.

Sind Sie sich der Tragweite der Entscheidung schon bewusst geworden?

Es war ja kein Entschluss von heute auf morgen. Er ist schon über eine Zeit gereift. Daher  konnte ich mich auch schon länger damit befassen, wie es sein wird. Auch durch die Kreuzbandverletzung (Anm.: Ende November 2017) bin ich ja schon mit dem Rücktritt konfrontiert worden. Es fühlt sich jedenfalls immer noch richtig und gut an, ich bin total glücklich, wie es gerade ist.

Mussten Sie bis zur endgültigen Entscheidung schwere Kämpfe mit sich austragen?

Ja. Musste ich.

Wie liefen diese Kämpfe ab?

Der Kampf hat anderthalb Jahre gedauert - seit dem Zeitpunkt, als ich mir das Kreuzband gerissen habe. Da hat der Kampf angefangen. Er ging weiter in der Rehabilitation, jeden Tag im Sommer. Dann ist im Winter noch die Daumenverletzung dazugekommen, die Gehirnerschütterung, das Schleudertrauma und dann die Resultate, mit denen ich nicht zufrieden war. Das war jeden Tag ein Kampf mit mir.

Und dann denkt man irgendwann: Jetzt reicht's?

Ich lag nachts wach und habe hin und her überlegt. Irgendwann ist der Punkt gekommen, da habe ich gesagt: So, das war's jetzt. Es beschäftigt dich ja auch, wenn du nie eine Entscheidung fällst. Deswegen hat es gut getan, den Kampf mit mir zu beenden. Ich war glücklich mit der Entscheidung.

Hatten Sie, salopp gesagt, auch die Schnauze voll, sich weiter zu quälen?

Es haben mehrere Faktoren eine Rolle gespielt. In erster Linie natürlich der körperliche. Ich war immer einer, der nach Verletzungen gut zurückgekommen ist und diese Herausforderung auch angenommen hat. Ich liebe Herausforderungen, und umso schwieriger es war, desto mehr hat es mich gereizt. Aber dieser Kampf und diese Qual über die vielen Jahre mit dem Körper, das ist irgendwann auch mal auf den Kopf gegangen. Ich bin müde geworden, habe nicht mehr so viel Energie gehabt. Das war am Ende auch der Grund, dass ich gesagt habe: Nein, jetzt funktioniert das nicht mehr.

Kurz vor der vergangenen Saison haben Sie bei Ihrem Ausrüster bis ins Olympiajahr 2022 verlängert. War Peking noch ein Ziel?

Natürlich war der Gedanke da. Ich habe dieses langfristige Ziel auch gebraucht. Wenn ich dieses Ziel nicht im Hinterkopf gehabt hätte, hätte ich die vergangene Saison vielleicht schon nach der Daumenverletzung und der Operation (Anm.: Mitte November 2018) beendet. Für mich ist es wichtig, Ziele im Hier und Jetzt zu haben. Aber noch wichtiger ist es für mich, ein langfristiges Ziel zu haben. Nur so kann ich anständig funktionieren. Ich hatte schon immer Vierjahrespläne für mich.

Wie schaut der nächste Vierjahresplan aus?

(grinst) Jetzt hat sich das langfristige Ziel nach hinten verschoben. Ich bin 35. Jetzt ist das Ziel, mit 70 so dazustehen, dass die Familie ein Dach über dem Kopf hat, wir zu essen haben und unserer Tochter das bestmögliche Leben bieten können. Deshalb muss ich mich auch beruflich langfristiger orientieren. Ich kann jetzt nicht sagen, ich schau mal, was in vier Jahren ist.

Welcher Beruf schwebt Ihnen denn vor?

Langfristiger Zieleerfüller (lacht). Nein, ich habe viele Dinge am laufen. Das werdet Ihr noch mitbekommen.

Welchen Beruf hätten Sie gern ausgeübt, wenn Sie nicht Skifahrer geworden wären?

Fußballprofi.

Wir dachten eher an eine nicht-sportliche Beschäftigung.

Ich bin kein Studierter, nie gern in die Schule gegangen. Das war für mich immer nur Mittel zum Zweck, damit ich das Abitur habe und Skifahren kann. Für mich war damals schon klar: Was ich in der Schule lerne, das bringt mich im normalen Leben nicht so weit wie die Schule des Lebens, auch die des Sportlerlebens.

Was lehrt einen denn die Schule des Sportlerlebens?

Wie du kämpfen musst, um dort hinzukommen, wo du hinkommen willst: ganz nach oben. Das lerne ich nicht in der Schule, sondern nur im normalen Leben. Nie mit sich zufrieden sein, sondern versuchen, immer weiterzumachen - das ist etwas Elementares, was du als Sportler lernst, und auch, wie du mit Niederlagen und Rückschlägen umgehst, wie du dich aus Tiefs wieder rausholen kannst.

Was war der prägendste Moment Ihrer Karriere?

Positiv oder negativ?

Ihre Entscheidung.

Ich denke da eher an die negativen Sachen. Wenn ich richtig auf die Fresse bekommen habe, dann war das sehr prägend für mich. Turin 2006, Heim-WM 2011 - das waren meine zwei prägendsten Momente, die haben mich stark gemacht. (Anm.: Neureuther durfte bei Olympia 2006 trotz fehlender Norm starten, schied in Riesenslalom und Slalom aus und wurde anschließend stark kritisiert. Bei der Weltmeisterschaft 2011 in Garmisch-Partenkirchen belegte er den 34. Platz im Riesenslalom und schied im Slalom aus).

Gab es Menschen, die versucht haben, Sie vom Rücktritt abzuhalten?

Ja, die gab es.

Wer?

(zögert) Es waren schon einige. Aber letzten Endes sind alle mit meiner Entscheidung einverstanden und akzeptieren sie auch. Doch wichtig ist eh: Wie fühlt es sich für mich an? Ich muss wissen, was für mich richtig ist. Für mich fühlt es sich sehr richtig an, dass ich nicht mehr Skiprofi bin.

Trotz Rücktritt: Egal, wo Sie jetzt auftauchen, die Leute wollen ein Foto mit Ihnen, ein Autogramm oder beides. Wenn Sie etwas posten oder ein Spaßlied aufnehmen, erhalten Sie großen Zuspruch. Woher, glauben Sie, kommt das?

Ich weiß nicht, wie ich draußen ankomme. Ich bin, wie ich bin, und den Rest, mei, den kann ich nicht ändern. Ich glaube aber, es schadet nie, wenn man Danke und Bitte sagt. Wenn man mit einem Foto oder einem Autogramm die Leute glücklich machen kann, nehme ich mir gern Zeit dafür. Es gefällt vielleicht auch manchen Menschen, dass mir immer wieder ein Blödsinn einfällt, der die Leute zum Lachen bringt. Ich bringe die Leute gern zum Lachen.

Vielleicht mögen die Leute Sie auch, weil Sie eine gewisse Bodenständigkeit und Werte verkörpern, die Sie bei anderen Prominenten nicht entdecken?

Ich spiele das aber nicht. Das ist für mich selbstverständlich. So bin ich. Meine Eltern haben mich so erzogen, dass man einen respektvollen Umgang mit seinen Mitmenschen hat, Fairness zeigt, Fehler der anderen und seine eigenen akzeptiert, dass man sich nicht so wichtig nimmt, dass man nicht etwas Besseres ist, nur weil man ein guter Sportler ist. So etwas finde ich schlimm. Ich habe das wahnsinnige Glück gehabt in meinem Leben, dass ich Sport machen durfte. Ich weiß das zu schätzen und bin dafür auch dankbar.

Welchen Wunsch möchten Sie sich dringend erfüllen, den Sie sich während Ihrer Karriere nie erfüllen konnten?

Zeit und Ruhe zu haben. Zeit ist das kostbarste Gut. Ich hatte in meinem Leben leider noch nicht so viel davon. Aber diese Zeit nehmen wir uns jetzt. Da freue ich mich sehr drauf.

Sie sehen sich also nicht als Trainer?

Mir würde das schon Spaß machen, anderen zu helfen - Kindern, anderen Sportlern. Ich stoße auch sicherlich noch ab und zu zur Mannschaft dazu, besonders zu den Nachwuchsathleten. Das ist auch der Grund, warum ich ein Kindercamp mache: Ich will Kindern etwas mit auf den Weg geben. Aber wieder permanent unterwegs zu sein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Wie und wo sehen Sie sich in einem Jahr?

Als Familienvater, der mit seiner Frau und mit seiner Tochter oben auf einem Berg steht, total glücklich nach unten schaut und Ahnung hat vom Leben - vom Berufsleben.

Das Gespräch führten Irina Gnep und Thomas Häberlein. (sid)