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"Langweilig war mir nie"

Pirnas scheidender Stadtwerke-Chef Olaf Schwarze über schwierige Anfangsjahre, umstrittene Entscheidungen und sein Leben als Ruheständler.

Stadtwerke-Chef Olaf Schwarze: "Ich schalte jetzt erst einmal in den Urlaubsmodus."
Stadtwerke-Chef Olaf Schwarze: "Ich schalte jetzt erst einmal in den Urlaubsmodus." © Daniel Förster

Herr Schwarze, die Nachricht, dass Sie mit 63 in den vorzeitigen Ruhestand gehen, kam recht überraschend. Wann trafen Sie diesen Entschluss?

Meine Entscheidung, Ende Juni aus den Stadtwerken auszuscheiden, reifte vor einem Jahr. Seitdem galt es, einen geordneten Übergang vorzubereiten. Dies ist, glaube ich, auch mit der Nachfolgeregelung sehr gut gelungen. 

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Der neue Bußgeldkatalog hat es in sich. Doch ist das verhängte Bußgeld oder Fahrverbot rechtskräftig? Ein Formfehler im Gesetz sorgt für Beratungsbedarf.

Wie schwer fällt Ihnen dieser Schritt?

Nicht so sehr. Es war ja meine Entscheidung, vorzeitig auszuscheiden. Und mit dem Entschluss stand fest, dass es eben so ist. 

Haben Sie sich inzwischen mit dem baldigen Rentnerdasein angefreundet?

Ich hatte noch gar keine Zeit, darüber nachzudenken. Das formt sich jetzt alles. Ich schalte erst einmal in den Urlaubsmodus und freue mich auf einen entspannten Sommer. 

Seit 1992 standen Sie an der Spitze des Unternehmens. Können Sie sich ein Leben ohne die Stadtwerke überhaupt vorstellen?

Ich habe mich entschieden loszulassen. Das wird gelingen. 

Sie kamen ja bereits vom Fach, aber war der Start als Stadtwerke-Chef dennoch wie ein Sprung ins kalte Wasser?

Ein Unternehmen aufbauen zu dürfen, war und ist immer eine große Herausforderung. Hier lag aber gerade in den 1990er-Jahren für viele der Reiz, seine Gedanken, Ideen und Visionen einbringen und umsetzen zu können. Das macht ja erst eine Unternehmensleitung so interessant und spannend. Ich habe in der Aufgabe eine große Chance gesehen - und einfach losgelegt.

Was war damals Ihre wichtigste und vordringlichste Aufgabe?

Neben den Stadtwerken wurden ja auch unsere Tochtergesellschaften Gasversorgung und Stromversorgung gegründet. Insgesamt galt es, die Ver- und Entsorgungsanlagen vom vorherigen Betreiber zu übernehmen und mit unseren Teams die Versorgung zu sichern. Das Trinkwasser musste fließen, das Abwasser musste entsorgt werden, Strom und Gas mussten ins Netz. Das war mit den damals maroden Netzen nicht ganz einfach. Unsere Techniker waren fast täglich damit beschäftigt, Störungen zu beseitigen. Das hat sich nunmehr komplett geändert. 

Mit wie vielen Mitarbeitern starteten sie damals?

Die Stadtwerke fingen 1990 mit 18 Beschäftigten an, 1994 waren es bereits 78, aktuell sind es 180. 

Mitte der 1990er-Jahre hatten die Stadtwerke einen großen Schuldenberg angehäuft. Wie steht das Unternehmen heute finanziell da?

Der Investitionsstau in allen Sparten war immens. Eine unserer ersten Aufgaben war, für 18 Millionen D-Mark auf dem Sonnenstein ein neues Heizkraftwerk zu bauen, weil das bisherige in Großsedlitz stillgelegt wurde. Ganz ohne Fremdkapital hätten wir die ganzen Anlagen nicht erneuern und erweitern können. Heute steht das Unternehmen auf finanziell stabilen Füßen, das wird mittelfristig auch so bleiben. 

Ende der 1990er-Jahre entschlossen sich die Stadtwerke, die eigenen Trinkwasserbrunnen stillzulegen und das Trinkwasser aus der Talsperre Gottleuba zu beziehen. Was gab dafür den Ausschlag?

Pirna wurde linkselbisch über das veraltete Wasserwerk Waldstraße und rechtselbisch über das sanierungsbedürftige Wasserwerk Tännicht versorgt. Wir standen vor der Frage: Ertüchtigen wir unsere eigenen Wasserwerke, wollen wir dafür wirklich viel Geld ausgeben? Letztendlich entschlossen wir uns, den gesamten Trinkwasserbedarf über die Talsperre Gottleuba abzudecken. Das war im Wesentlichen eine wirtschaftliche Entscheidung. 

Wenige Jahre später schlossen die Stadtwerke auch ihr Klärwerk, seitdem wird das gesamte Abwasser nach Dresden geleitet. Warum?

Auch dies war eine wirtschaftliche Entscheidung. Das Klärwerk Pratzschwitz zu erneuern, wäre viel teurer gewesen, als eine Überleitung nach Dresden aufzubauen. Daher gaben wir dieser Variante den Vorzug.

Wie haben sich die Sparten Gas, Strom und Fernwärme entwickelt?

In den Sparten Strom und Erdgas gibt es seit 2011 Vertriebsaktivitäten in fremden Netzen, seither haben wir uns bundesweit erfolgreich im Strom- und Erdgasmarkt positioniert. Das Gas- und Stromgeschäft trägt wesentlich zum Erfolg im Stadtwerkeverbund bei. Ohne diesen Beitrag wäre es beispielsweise undenkbar, die Bäder zu betreiben. Denn die Gewinne aus dem Strom- und Erdgasgeschäft decken zum Teil die Verluste aus dem Bäderbetrieb. Das Fernwärmenetz haben wir stetig erweitert und dieses muss, weil die Nachfrage hoch ist, weiter ausgebaut werden. 

Die Stadtwerke haben in den vergangenen Jahren Millionen ins Leitungsnetz und für das Abwasserbeseitigungskonzept investiert. Ist nun alles abgearbeitet oder stehen noch große Projekte aus?

Zwischen 2010 und 2019 investierten wir 57,7 Millionen Euro, um das Abwassernetz zu erhalten, auszubauen und zu erweitern. Bis 2027/28 sind noch einmal 54 Millionen Euro eingeplant, um das Bestandsnetz und Pumpwerke zu erneuern. Im Bereich Trinkwasser haben wir von 2010 bis 2019 insgesamt 15,4 Millionen Euro investiert. Wenn die Bauarbeiten in Oberposta in diesem Jahr fertig werden, ist die erste Etappe des Abwasserbeseitigungskonzepts abgeschlossen. 

In Ihrer Amtszeit wurde Pirna dreimal schwer vom Hochwasser getroffen. Sind sämtliche Stadtwerke-Anlagen wieder intakt und für künftige Fluten gerüstet?

Ja, denn in diesem Bereich haben wir viel getan. Im Abwasserbereich beispielsweise haben wir 7,5 Millionen Euro investiert, um Hochwasserschäden zu beseitigen und die Anlagen vorsorglich zu schützen. Schon das Hochwasser 2013 zeigte uns, dass das von Vorteil war. Wir waren viel schneller wieder am Netz, auch die Ausfälle waren nicht so häufig wie noch 2002. 

Die Stadtwerke betreiben seit Jahren auch die Schwimmbäder und den Campingplatz in Copitz. Wie kam es dazu?

Öffentliche Daseinsvorsorge wird in Pirna ganzheitlich gedacht, dazu gehören auch die Bäder. Wir haben mit der Stadt schon zeitig überlegt, wie dieser Betrieb laufen könnte und kamen zu dem Schluss: Es macht technisch und wirtschaftlich Sinn, wenn wir das übernehmen. 

Kritiker warfen Ihnen aber immer wieder vor, es sei nicht originäre Aufgabe der Stadtwerke, Bäder zu betreiben. 

Dabei ist es gar nicht ungewöhnlich, Bäder innerhalb eines Stadtwerkeverbundes zu betreiben. Der Betrieb durch die Stadtwerke hat den Vorteil, dass wir Verluste aus dem Badbetrieb mit Gewinnen aus den Versorgungssparten steuerlich verrechnen können. Auch kann in Personalunion mit anderen Fachsparten der Bäderbetrieb besser abgesichert werden. Denn die Abläufe in Bädern sind ähnlich jener im Wasserwerk oder bei der Fernwärme. Und dafür beschäftigen wir ja Fachleute, die wir auch in den Bädern einsetzen können. 

2015 gab es eine Strafanzeige gegen Sie. Ihnen wurde vorgeworfen, Sie hätten mit überhöht kalkulierten Trinkwasserpreisen Kunden getäuscht und sich daran bereichert. Wie schwer hat Sie dieser Vorwurf getroffen?

Nicht schwer. Wie sich gezeigt hat, waren diese Vorwürfe unbegründet. Der Stadtrat hat sowohl die ab 2016 als auch die für den Zeitraum von 2019 bis 2023 kalkulierten Trinkwasserpreise bestätigt. Und das Kartellamt hat sich nie veranlasst gesehen, unsere Trinkwasserpreise überprüfen zu müssen. 

Mächtig am Image der Stadtwerke gekratzt hat allerdings die Aktion 2015, unangekündigt einen Zaun bis in den Copitzer Natursee zu bauen, um das Camping-Areal abzutrennen. Was hat das Unternehmen denn bei dieser Entscheidung geritten?

Hintergrund war einzig und allein, den Campingplatz attraktiver zu machen. Auf diese Weise hätten die Camper einen direkten Zugang zum See bekommen, was uns wiederum mit Sicherheit mehr Gäste beschert hätte. 

War der Zaunbau aus heutiger Sicht eine falsche Entscheidung?

Nein. Uns war jedoch damals nicht bewusst, dass das öffentliche Interesse an einem durchgängigen Rundweg um den See derart groß ist.

Wie blicken Sie selbst auf die vergangenen Jahre zurück?

Ich kann guten Gewissens sagen: Die Arbeit bei den Stadtwerken hat mir immer großen Spaß gemacht. Immer wieder kamen neue Aufgaben dazu. Langweilig war mir nie.

Sie haben stets viel Sport getrieben. Wie aktiv sind Sie noch?

Ich fahre Fahrrad, wandere, spiele Tennis und fahre Ski. Ich habe mir kürzlich erst neue Skier gekauft. 

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Geschäftsführer Olaf Schwarze geht nach fast 29 Jahren in den Ruhestand. Künftig führt eine Doppelspitze das Pirnaer Unternehmen.

Als Ruheständler werden Sie künftig viel Zeit haben. Gibt es schon Pläne, wie Sie diese Zeit ausfüllen?

Ich möchte gern reisen, sofern es Corona zulässt. Mein Traumziel ist Singapur, denn in Asien war ich noch nicht.

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