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Laptop gegen Langeweile

Autorin Erika Kühn liest am Wochenende in Sproitz. Ihre Geschichten dürften bei vielen Erinnerungen wecken.

© André Schulze

Von Alexander Kempf

Erika Kühn spricht mit ihrem Computer. Es geht ihr nicht schnell genug. „Na, mähr‘ dich aus“, sagt sie zu dem Laptop. Auf ihm ist ihr neues Buch abgespeichert. Die Hauptrolle spielt diesmal der Nieskyer Wartturm. Er erzählt Geschichten von früher. Wahre Geschichten. „Es ist nichts ersponnen“, sagt die 77-Jährige. Mit Hilfe von Büchern, Zeitungsartikeln und Erinnerungen entsteht so ihr bereits drittes Buch. Sogar in der Bibliothek hat die Seniorin recherchiert. Nun fehlen nur noch die Korrekturen und der Druck. Im Herbst will sie ihr Werk in den Händen halten. „Ich kann ja nicht immer nur häkeln und stricken“, sagt sie mit einem Lächeln.

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Auch wenn Erika Kühn schon auf der Leipziger Buchmesse gelesen hat, verdient sie mit ihren Büchern kaum Geld. Ganz im Gegenteil. Den Druck bezahlt sie selbst. „Wenn ich davon leben müsste, wäre ich schon verhungert“, sagt die pensionierte Lehrerin. Sie will vielmehr Anekdoten aufbewahren. Der Wunsch, ein Buch zu schreiben, ist lange in ihr gereift. Als kleines Mädchen muss sie noch Milchkannen rollen, um Butter herzustellen. Es ist eine langwierige und langweilige Arbeit, die viel Raum zum Träumen lässt.

Nach ihrem Berufsleben erfüllt sich Erika Kühn den Kindheitstraum. Ihr Computer spielt dabei eine wichtige Rolle. „Ich habe mich modernisiert“, sagt Erika Kühn. Sie weiß noch, wie sie vor einigen Jahren ihren ersten Laptop in einem Görlitzer Elektronikmarkt gekauft hat. Mit ihrem Mann Gerhard handelt sie damals einen Deal aus. Sie kriegt den Rechner, er einen Anhänger für das Auto. Damit sind beide bis heute gut gefahren. Wenn ihr Mann am Abend auf die Jagd geht, tippt Erika Kühn Texte. Das Arbeitszimmer teilen sich beide. Die vollen Bücherregale sind ihr Hobby, die Gehörne und Geweihe an der Wand hat größtenteils er geschossen.

Ein ganz besonderer Schnappschuss stammt aber von Erika Kühns Vater. Der ist einst Förster an der Hohen Dubrau gewesen. Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs fotografiert er seine Tochter in Jägermontur. Das kleine Mädchen in Strickkleid und Strümpfen lächelt zufrieden. Stolz präsentiert sie Hut, Flinte, Fernglas und den Wanderstock des Vaters. Das Fernglas ist Baujahr 1913, erzählt Erika Kühn. Sie hat es bis heute aufgehoben.

Die ehemalige Lehrerin hortet einige Schätze. Etwa ein blaues Buch mit roter Fahne über die Geschichte der Arbeiterbewegung im Kreis Niesky. Für viele mag das Altpapier sein. „Mir hat das sehr geholfen“, sagt Erika Kühn. Sie will nichts erfinden, sondern Dinge herausfinden. Beim Schreiben gibt es für sie nur eine Regel. „Es soll sich gut lesen“, sagt sie. „Ich schreibe, wie mir der Schnabel gewachsen ist.“ Dabei profitiert sie auch von ihren alten Aufzeichnungen. Ihr zweites Buch „Es war einmal ein blaues Wunder“ erzählt zum Beispiel von ihrer Zeit als Lehrerin in See.

Unterrichtet hat Erika Kühn damals in einem sozialistischen Zweckbau, der wegen seiner Farbe auch „Blaues Wunder“ genannt worden ist. Es gibt ihn nicht mehr. Zeitungsfotos in ihrem Archiv zeigen den Abriss. Was bleibt, sind Erinnerungen. Am Wochenende liest die Seniorin im Dorfkrug in Sproitz aus ihrem Buch. Am Samstag um 18 Uhr und am Sonntag um 14.30 Uhr. Dann bleibt der Laptop aus.