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Lassen Sie uns über Geld reden, Frau Kriegerstein

Die Olympia-Zweite von 2016 kurbelt die Debatte um das Einkommen deutscher Spitzensportler mit persönlichen Zahlen an.

Steffi Kriegerstein drängt sich ungern in den Vordergrund, hier erwischte der Fotograf bei der Sächsischen Sportgala einen starken Moment.
Steffi Kriegerstein drängt sich ungern in den Vordergrund, hier erwischte der Fotograf bei der Sächsischen Sportgala einen starken Moment. © Robert Michael

Ribery? „Was hat der denn gemacht“, fragt Steffi Kriegerstein. Die 26-Jährige interessiert sich so gar nicht für Fußball und seine zuletzt öffentlich gewordenen Auswüchse. Das vergoldete Steak des französischen Bayern-Millionärs, ob nun 1.200 Euro teuer oder nicht, hat in Deutschland eine Debatte über das Verdienst-Gefälle zwischen Fußball-Profis und anderen Spitzensportlern ausgelöst.

Die wurde noch befeuert durch die fast zeitgleiche Veröffentlichung einer Studie zur Einkommenssituation der Sporthilfe-geförderten Athleten in Deutschland. Die Deutsche Sporthochschule Köln hat dabei im Auftrag der Deutschen Sporthilfe erstaunliche Fakten zutage gebracht. Aus Sportlersicht am dramatischsten ist der - rein rechnerisch ermittelte - Stundenlohn. Der Studie zufolge meistern Spitzensportler im Durchschnitt eine 56-Stunden-Woche. Entlohnt werden sie im Schnitt mit 7,41 Euro pro Stunde – der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 9,19 Euro. Die besten Sportler dieses Landes verdienen demnach etwa 1.560 Euro im Monat, brutto.

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Der empörte Aufschrei in der Bevölkerung über diese offensichtliche Schräglage ist ausgeblieben. Auch, weil solche Studien anonym, damit unpersönlich und gesichtslos daherkommen. Zu den wenigen deutschen Athleten, die bisher über ihr Jahreseinkommen redeten, gehört die sächsische Top-Kanutin Steffi Kriegerstein vom KC Dresden. Deren Einnahmen basieren auf drei Säulen. Ihrer Zugehörigkeit zur Sportfördergruppe der Bundeswehr, dem Zuschuss der Sporthilfe sowie einem Stipendium der Stadt Dresden. Seit 2013 gehört sie der Sportfördergruppe an, ist mittlerweile Stabsunteroffizier. Damit fällt sie in die Besoldungsgruppen A 6 oder A 7. Laut offiziellen Angaben liegt damit ihr monatlicher Sold bei mindestens 2.250 Euro. Zudem erhält Kriegerstein von der Sporthilfe 400 Euro Grundversorgung plus 300 Euro aus der Mercedes Benz Eliteplus-Förderung. Also 700 Euro monatlich.

Steffi Kriegerstein präsentiert stolz ihre olympische Silbermedaille, die sie 2016 in  Rio de Janeiro gewonnen hat. 
Steffi Kriegerstein präsentiert stolz ihre olympische Silbermedaille, die sie 2016 in  Rio de Janeiro gewonnen hat.  © Sven Ellger

Des Weiteren profitiert die Olympia-Zweite von 2016 von einem bislang beispiellosen Prestigeprojekt des Dresdner Oberbürgermeisters Dirk Hilbert. Der FDP-Politiker hat just im Olympiajahr ein Sport-Stipendium der Stadt aus der Taufe gehoben, um potenzielle Olympia-Medaillenkandidaten noch enger an die Stadt zu binden. Kriegerstein gehört seitdem zu den Stipendiaten, was unbedingt an die Zugehörigkeit zu einem Dresdner Sportverein geknüpft ist. Monatlich erhält die Paddlerin 1.000 Euro von der Stadt. Damit würden sich die Monatseinnahmen der gebürtigen Dresdnerin auf mindestens 3.950 Euro belaufen – vor Abzug der Steuern. „Wir verdienen nicht schlecht, gerade durch die Bundeswehr. Ich zahle natürlich ganz normal Steuern“, sagt Kriegerstein.

Die Studentin für Medienmanagement darf sich mit ihrem Gesamtgehalt als Besserverdienende im deutschen Spitzensport fühlen. Wobei man diese Summe relativieren muss. Allein knapp 30 Stunden in der Woche investieren die deutschen Top-Kanuten bei bis zu vier Einheiten täglich in den Sport – und laut Studie – plus nochmals 23 Stunden für Arbeit. Lernen, Ausbildung und 13,4 Stunden pro Woche in weitere Alltagsaktivitäten.

Bei Kriegerstein kommen noch kleinere Sponsorenleistungen, also Sachleistungen hinzu. Für ihren Pkw, den sie von einem Radebeuler Autohaus bis Olympia 2020 gestellt bekam, übernimmt sie beispielsweise nur die Benzinkosten. Allerdings reinvestiert die Kanutin ihre Einnahmen auch zu einem großen Teil. Laut der Studie haben deutsche Spitzensportler 2017 im Durchschnitt 5.160 Euro im Jahr für die Ausübung ihres Sports ausgegeben. Bei Kriegerstein kommen noch hohe Ausgaben für Versicherungen hinzu, sie sei lieber überversichert. „Bei uns ist derzeit noch offen, ob wir einen zehnprozentigen Eigenanteil für die Auswahltrainingslager des Deutschen Kanu-Verbandes zuzahlen müssen“, sagt Kriegerstein. Bislang war das jedenfalls so üblich. Trainingslager des Landesverbandes Sachsen oder des Vereins muss sie selbst finanzieren. Das gilt auch für den Neuerwerb ihrer Einer-Boote. Zuletzt hatte sich die mehrfache Weltmeisterin via Crowdfunding ein neues Wasserfahrzeug geleistet. „Man wird sehr kreativ, wenn das Geld knapp ist“, sagt sie.

Das weiß sie aus eigener Erfahrung. Vor sechs Jahren, als sie noch nicht zur Sportfördergruppe gehörte, jobbte die Athletin noch nebenher. Da war sie bereits U-23-Weltmeisterin. „Eine eigene Wohnung finanzieren, essen, trinken. Das hat vorn und hinten nicht gereicht. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich das gemacht habe“, blickt sie zurück. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Bruder und dessen Partnerin in einer WG, „weil ich eh ganz selten zu Hause bin“. Kanuten sind nach den Studienerhebungen etwa 145 Tage im Jahr unterwegs.

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Ohne das Festgehalt von der Bundeswehr stünde Kriegerstein vor dem Nichts. Ihre Stelle als Sportsoldatin muss sie Jahr für Jahr mit Erfolgen und dem damit einhergehenden Kader-Status neu erstreiten. „So bin ich gezwungen“, sagt sie, „jedes Jahr wieder Vollgas zu geben. Aber ich finde das gut.“ Kriegerstein ist zufrieden mit dem Leben, das sie führt. „Es ist alles abgesichert, sodass ich noch einen kleinen Betrag beiseitelegen kann.“ Ein güldenes Steak wird nicht darunter sein.

Die gesamte Studie zum Einkommen deutscher Spitzensportler finden Sie hier.