merken
PLUS

Feuilleton

Lasst die Autos schrumpfen!

E-Mobile sind nicht das Ende der Umweltsünden. Doch es gäbe eine einfache Lösung. Ein Plädoyer von Wolf Schneider für mehr Bescheidenheit.

Es muss ja nicht gleich der Trabi sein, aber etwas kleinere (und etwas weniger) Autos wären schon ein Segen für die Umwelt.
Es muss ja nicht gleich der Trabi sein, aber etwas kleinere (und etwas weniger) Autos wären schon ein Segen für die Umwelt. © dpa

Von Wolf Schneider

Das Auto! Es ist der große psychologische Treffer der Technik, das populärste Produkt des Industriezeitalters, für fast 1,5 Milliarden Menschen der größte Spaß, der sich mit Geld erwerben lässt – und für viele immer noch das Vehikel der Freiheit.

Zugleich ist das Auto – nächst Granaten, Bomben und Raketen – die wirksamste Tötungsmaschine der Weltgeschichte. Seit Carl Benz sich 1886 mit der ersten Motorkutsche auf die Straße traute, hat das Auto mehr als 30 Millionen Menschen umgebracht; im Jahr kommen, nach Uno-Rechnung, im Durchschnitt 1,3 Millionen Menschen hinzu, 3.560 jeden Tag.

Wer den Pfennig nicht ehrt
Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Das Auto ist ein selbst verliehener Orden von käuflicher Größe. Millionen Menschen genießen das Prestige des schnelleren Rasens auf der Autobahn oder das Vorfahren mit dem dickeren Auto – der einzigen halbwegs gebilligten Form der öffentlichen sozialen Deklassierung.

Also werden unsere Autos immer größer, immer schwerer, immer stärker. Der erste Porsche 14 trat 1962 an mit 130 PS; bei 153 PS liegt heute in Deutschland der Durchschnitt. Der Polo, einst dem Golf als kleiner Bruder zugesellt, ist heute größer, schwerer, schneller, als es der Golf einst war. Der Mini von BMW wiegt doppelt so viel wie vor fünfzig Jahren, und statt 34 PS bietet er bis zu 221 PS.

Was für eine gigantische Fehlinvestition

Ja doch: Seit Jahren preist die Industrie ihre neuen Modelle regelmäßig – und oft sogar zutreffend – damit an, dass sie weniger Treibstoff verbrauchten. Wie viel weniger Benzin, Diesel oder demnächst Strom aber könnten es erst sein, wenn Einsicht oder Zwang sie dazu brächte, zugleich mit weniger PS zu werben? Vehement erhöht sich unterdessen der Anteil der großen, schweren SUVs am Automarkt (am besten „Suffs“ zu sprechen, wie in der Autoindustrie seit Langem üblich). Sie sind „Kampfwagen gegen das Weltklima“ (so im Spiegel schon 2011).

So liefert das Auto selbstbewusst, fast fröhlich seinen Beitrag zur drohenden Unbewohnbarkeit der Erde. „Wir benutzen den Himmel über uns als Abfalldeponie“ – es war, erstaunlich, die ADAC-Motorwelt, die das 2018 anprangerte. Auf den Straßen kamen 2018 in Deutschland 3.265 Menschen um, neun jeden Tag. In den USA fallen dem Auto Jahr für Jahr an die 40.000 Menschen zum Opfer.

Im Stau verbringen Deutschlands Autos eine groteske Menge an unproduktiver Zeit; dazu die Parkplatzsuche und das Geschiebe auf den Straßen. 47 Millionen Autos für 82 Millionen Bundesbürger – gut ein halbes Auto pro Kopf!

Ach ja, die Eisenbahn! 40.000 Menschen pro Stunde kann sie im Durchschnitt transportieren – das Auto würde mit je zwei Personen (was im Berufsleben über dem Durchschnitt wäre) für die gleiche Beförderungsleistung eine Super-Autobahn mit 28 Spuren brauchen. Die Schienen aber den Anforderungen der Moderne anzupassen – das hat die deutsche Verkehrspolitik seit Jahrzehnten versäumt; in der Schweiz ist die Investition ins Schienennetz pro Kopf sechsmal so hoch. Was für eine gigantische Fehlinvestition, das Auto! Aber das Lieblingsspielzeug von Millionen.

Windräder schaffen eigenen Probleme

Rettung naht, das E-Mobil! Wirklich? Was für eine Täuschung! Denn einerseits (und darüber wird nicht einmal geredet) ist das E-Auto völlig zwecklos, was die Überfüllung der Straßen, die Verstopfung der Städte, die Millionen Todesopfer des Autos angeht. Im Gegenteil: Es will ja allen Autonutzern ihren Spaß genauso gönnen wie bisher; nur mit besserem Gewissen.

Und andrerseits: Die Luftverschmutzung in den Städten würde es zwar vermindern, aber keineswegs beseitigen – denn der Abrieb von Reifen und Bremsen bliebe ja derselbe: Anderthalb Kilo verliert ein Reifen in drei, vier Jahren und verwandelt den Verlust in Feinstaub, der die Luft verschmutzt. Viele Experten halten ihn für schlimmer als das Kohlendioxid und die Stickoxide, die das E-Auto nicht mehr ausstößt – desto mehr davon natürlich die Kraftwerke, die nun zusätzlich Strom für die Batterien produzieren müssen – in Deutschland zu 50 Prozent durch Kohle, auch mit Braunkohle sogar, dem schmutzigsten Energieträger überhaupt; bis 2038 mindestens.

Ja, der Anteil der Windräder an der Stromerzeugung wird wachsen, aber sie schaffen ihre eigenen Probleme: Flächenverbrauch, Landschaftsverschandelung, Belästigung der Anwohner, vielfacher Vogeltod – und rund fünfzig Brände oder Abrisse von Rotorblättern pro Jahr; zweimal auch schon Absturz eines der 14 Tonnen schweren Flügel.

Und die Batterien! Zunächst wird für ihre Herstellung eine beträchtliche Menge Strom verbraucht – und geladen werden sie später wieder und wieder genau mit jener Elektrizität, gegen die die Umweltschützer doch ankämpfen, mindestens solange sie mit Kohle erzeugt wird. Auch werden für die Batterien Mangan, Kupfer, Kobalt, Nickel, Lithium und Seltene Erden verwendet. Kobalt kommt überwiegend aus dem Kongo – dort großenteils von Kindern gefördert, von denen viele nicht einmal eine Schutzkleidung haben.

Sorge um Arbeitsplätze

Direkt ermutigend ist das nicht. Und was geschieht mit den verbrauchten Batterien, diesem giftigen Schrott? Und welche Kabel müssten her, damit den Parkhäusern und Tiefgaragen genügend Strom zugeführt werden kann? Und droht vielleicht ein Zusammenbruch der Stromversorgung, wenn die E-Mobile eines Tages zu Millionen auf den Straßen fahren? Viel Aufwand – wenig Ertrag. So kommen wir nicht weiter!

Womöglich mit einer tollkühnen Frage: Würden wir dieselbe Einsparung an Treibhausgasen vielleicht erzielen, wenn uns die aberwitzige Idee befiele, unsere Autos zu schrumpfen? Schrumpfen auf eine Größe und Stärke zum Beispiel, wie sie vor vierzig Jahren unseren Großvätern genügte, ja, sie oft begeisterte? Ist es aber nicht gerade diese Drohung, vor der das E-Mobil das deutsche Gemüt – und zugleich die deutsche Autoindustrie bewahren soll?

Die Arbeitsplätze! Die Sorge um ihre Zahl ist es, die die Bundesregierung unter Druck setzt, es mit dem E-Mobil nicht zu übertreiben. Dieser schrecklich simple Elektromotor braucht ja keine Zylinder, keine Kurbelwelle, kein Getriebe – nicht mehr als das meiste von jener raffinierten Mechanik, deren Beherrschung die deutschen Autos an die Weltspitze gebracht hat. Um wie viele Arbeitsplätze geht es? Um 75.000 mindestens. 200.000 nach Schätzung der IG Metall. 800.000, wenn alle Zulieferer und Abhängigen einbezogen werden. Ein Siebentel aller in der Industrie Beschäftigten. Acht Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Wolf Schneider, geboren 1925, ist Journalist, Publizist und Dozent. Er hat als Stil- und Sprachlehrer ganze Generationen von Journalisten ausgebildet. Bekannt geworden ist er vor allem durch verschiedene Bücher über richtiges und gutes Deutsch.
Wolf Schneider, geboren 1925, ist Journalist, Publizist und Dozent. Er hat als Stil- und Sprachlehrer ganze Generationen von Journalisten ausgebildet. Bekannt geworden ist er vor allem durch verschiedene Bücher über richtiges und gutes Deutsch. © dpa

Da vollzieht Angela Merkel eine Art Springprozession: Ja, das E-Auto muss kommen, den Verbrennungsmotor brauchen wir natürlich noch jahrzehntelang, bis 2030 wird der deutsche Straßenverkehr seine Emissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent senken, der Diesel behält natürlich ein paar Vorzüge gegenüber dem Benziner, die Autoindustrie hat vieles falsch gemacht, die Arbeitsplätze bleiben sicher, es muss sich was verändern, aber nicht zu bald. So geht es nicht. Wer wider besseres Wissen glaubt, die Katastrophe wird sich schon gedulden, bis wir sie kostenlos verhindert haben, der hat die Zukunft unserer Enkel schon verspielt!

Was ist das Auto überhaupt?, fragte 1957 der französische Essayist Roland Barthes in seinen „Mythen des Alltags“: „Das Äquivalent der gotischen Kathedralen.“ Wieder eine große Schöpfung nämlich, „die von einem ganzen Volk gebraucht wurde, das sich in ihr ein magisches Subjekt zurechtgemacht hat“. Es ist nun mal ein Urvergnügen, über 200 Pferde zu gebieten und das kleine Selbst mit zwei Tonnen Stahl zu polstern.

Macht ihn peinlich, macht ihn lächerlich

„Natürlich sind weniger Autos besser als mehr Autos“ – das war der bei Weitem „grünste“ Satz, der je gesprochen worden ist – und natürlich wurde sein Urheber, Winfried Kretschmann, von seiner Partei, den Grünen eben, sofort zurückgepfiffen, als er ihn 2011 gleich bei seinem Amtsantritt riskierte; und wiederholt hat er dergleichen nie.

Gerade die Rede wäre doch der Weg, Wirkung zu erzielen, wenn die politische Mehrheit nicht reicht! In jedem Parlament, in jeder Fernsehrunde könnten die Grünen die Macht des Wortes nutzen, um die Übermacht, den Übermut des Autos zu brechen – für die Redner ein Spaß, für die Presse ein gefundenes Fressen, Shitstorm willkommen! Macht ihn peinlich, macht ihn lächerlich, den Suff mit 400 PS! Wenn die Reichen sich genieren, noch mit ihm zu fahren, ist die Schlacht schon halb gewonnen.

Und wenn sich in Berlin das Klima gewandelt hätte, vielleicht eine Gesetzesvorlage von der Art: In drei Jahren darf in Deutschland kein Pkw mehr gebaut werden mit mehr als 150 PS, außer für Polizei und Feuerwehr.

Wie glücklich waren einst viele Deutsche mit 27 PS. Aber das ist lange her, und an übermorgen denken wir einfach nicht.


Das Buch „Denkt endlich an die Enkel!“, aus dem dieser Text entnommen ist, erscheint im Rowohlt-Verlag, 80 Seiten, 8 Euro.

Mehr zum Thema Feuilleton