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Lausitzer bekommen ihre Schulden nicht in den Griff

Besonders in Görlitz – doch auch in anderen Gebieten des Kreises nehmen Geldsorgen zu.

Von Romy Kühr und Sebastian Beutler

Wo die meisten Menschen in Görlitz leben, sind auch die finanziellen Probleme am größten: In der Innenstadt. Das geht aus den jüngsten Erhebungen zur Schuldenquote in Deutschland hervor, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform für alle Landkreise und kreisfreien Städte berechnet hat. Zwar liegt der Landkreis mit einer Gesamtquote von 7,61 Prozent in der drittniedrigsten von neun Kategorien. Aber der Durchschnittswert sagt nur wenig über die tatsächliche Lage in manchen Gegenden aus. Denn in der Görlitzer Innenstadt liegt die Quote mit 16,33 Prozent in der höchsten Risikokategorie, und selbst wenn die günstigen Quoten der Görlitzer Stadtteile im Süden und Norden hinzuaddiert wird, relativiert sich das Bild nur wenig und Görlitz landet mit rund elf Prozent Schuldenquote in der Risikoklasse sechs – gehobenes Mittelfeld sozusagen.

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Diese Lage ist seit Jahren unverändert. Der Görlitzer CDU-Stadt- und Kreisrat Michael Hannich erinnerte sich letztens daran, dass die Quote von Görlitz immer um die elf Prozent gelegen habe, und er forderte schon damals mehr Geld für die Schuldnerberatung im Landkreis Görlitz. Vergebens. Seitdem hat sich an der Situation wenig getan. Und Entspannung ist nicht in Sicht, auch deswegen, weil in den vergangenen Jahren Langzeitarbeitslose aus dem Umland verstärkt nach Görlitz gezogen sind. Alg-II-Empfänger machen rund 60 Prozent aller überschuldeten Einwohner im Landkreis aus.

Der Kreis reagierte darauf, dass er 40 Prozent der Mittel für die Schuldnerberatung in Görlitz ausgibt, obwohl hier nur 20 Prozent der Gesamtbevölkerung des Kreises leben. Mehr sei nicht machbar, argumentierte Sozialamtsleiter Matthias Schmidt. Tatsächlich wachsen auch die Probleme in den anderen Teilen des Kreises. So ist die Lage im Raum Zittau nur noch unwesentlich besser als in Görlitz, um Weißwasser und Löbau machen überschuldete Menschen ebenso einen beträchtlichen Teil an der Bevölkerung aus. Der Landkreis orientiert sich bei der Vergabe der Mittel für die Schuldnerberatung aber nicht unbedingt an der absoluten Schuldnerquote, sondern am Anteil der Langzeitarbeitslosen oder Sozialhilfeempfänger. Und deren Zahl ist wiederum im Landkreis insgesamt gesunken. Nur für dieses Klientel ist der Kreis verpflichtet, eine Schuldnerberatung zu finanzieren. Nach Angaben aller Träger machen diese beiden Gruppen rund 55 bis 66 Prozent aller Beratungsfälle aus. In der Vergangenheit hatte Sozialbeigeordnete Martina Weber immer darauf hingewiesen, dass der Landkreis erst dann als die im Moment 195 000 Euro für die Schuldnerberatung ausgeben müsste, wenn diese Quote bei 100 Prozent liegt. Über 600 Fälle verzeichnen im Jahr die beiden Beratungsstellen von ASB und Caritas in Görlitz, die Diakonie Löbau-Zittau im Südkreis über 500 und das DRK in Weißwasser 350. Zu den Schuldner, die eine Beratungsstelle im Landkreis aufsuchen, zählen aber auch immer häufiger Arbeitnehmer, die auf zusätzliche Sozialleistungen angewiesen sind. Diese Menschen haben kein finanzielles Polster und geraten deshalb schnell in die Schuldenfalle, wenn Ausgaben anstehen.

ner in die Beratungsstellen kommen. Besonders auffällig sei das in Zittau, so die Bilanz der Berater. Laut Statistik habe sich der prozentuale Anteil an Rentenempfängern verdoppelt. Und einen weiteren Negativ-Trend beobachtet Angelika Richter von der Diakonie Löbau-Zittau: Die Schuldner werden immer jünger. „Die jungen Leute wissen oft gar nicht, was das Leben kostet.“ Sie sieht hier auch Schulen in der Pflicht, wirtschaftliche Haushaltsführung in den Unterricht einzubinden. Einen Anfang macht die Görlitzer Melanchthon-Oberschule. Häufig sind es Handyverträge, Dispokredite, Internetbestellungen, die zur Überschuldung führen. Aber auch die höheren Heizkosten wie auch steigende Energie- und auch Lebenshaltungskosten können der Auslöser sein. Immer öfter schulden Einwohner auch öffentlich-rechtlichen Einrichtungen Geld: wenn sie zum Beispiel GEZ-Gebühren nicht bezahlt haben oder Buß- und Strafgelder zahlen müssen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig wahrscheinlich, dass der Landkreis trotz seiner finanziellen Probleme die Ausgaben für die Schuldnerberatung verringern kann. Ob er die Mittel zwischen den verschiedenen Sozialräumen im Landkreis neu verteilen sollte und womöglich auch noch tiefer in die Geldbörse greifen müsste, darauf müssen die neuen Kreisräte eine Antwort geben.