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Sachsen

Leben für einen Laden, von dem man nicht leben kann

Im Erzgebirgseck verkauft Anne-Kristin Kühnel Andenken, Geschenke und hilft Urlaubern mit Rat und Tat. In Oberbärenburg ist sie eine Frau für alle Fälle.

Anne-Kristin Kühnel verkauft Andenken und Geschenke, Eis und Glühwein und hilft Urlaubern mit Rat und Tat.
Anne-Kristin Kühnel verkauft Andenken und Geschenke, Eis und Glühwein und hilft Urlaubern mit Rat und Tat. © Matthias Rietschel

Mitten im Sommer steht Frau Kühnel im Winter. In ihrem Laden findet Weihnachten dauernd statt. Räuchermänner und Lichterengel scheren sich nicht um Sonnenschein. Die Nussknacker gucken grimmig bei jedem Wetter. Das gehört zur Tradition, und die Tradition gehört zur Familie. Mancher würde sich davon gefesselt fühlen. Anne-Kristin Kühnel aus Oberbärenburg sieht das anders. Was ihr Großvater aufgebaut hat und ihre Mutter durch widrige Zeiten brachte, kann sie nicht einfach loslassen. Sie könnte es. Sie bekommt seit März Rente. Sie könnte „Holferts Erzgebirgseck“ schließen und wegfahren, ferne Länder kennenlernen und sich verwöhnen lassen. Die 66-Jährige schüttelt den Kopf, als sei das ein völlig absurder Einfall. „Ich würde sogar noch was drauflegen, damit ich nirgendwohin fahren muss.“

Was hält diese Frau an einem Ort, der seine beste Zeit seit dreißig Jahren hinter sich hat? Oberbärenburg war eine elegante Sommerfrische für Professoren, Ärzte und andere sogenannte feine Leute. Der Romanist Victor Klemperer zum Beispiel notierte Ausflüge in sein Tagebuch. Später kamen die Wintersportler. Anne-Kristin Kühnel erinnert sich an einen Stammgast aus der Nachbarschaft, an den Dresdner Physiker Manfred Baron von Ardenne. „Ein hoch gebildeter und hoch netter Mann.“ Sie weiß noch, dass er auf Metallic-Skiern fuhr, mit einer hellblauen Windjacke. Solche Raritäten prägen sich ein.

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Die Quartiere am Talblick und am Briefträgersteig waren begehrt. In der DDR-Zeit gab es drei Ferienheime der Gewerkschaft und 13 Betriebsferienheime, „wie die Ölsardinen, so dicht hockten die Leute aufeinander“, sagt Anne-Kristin Kühnel. Damals arbeiteten zwei Verkäuferinnen in dem Laden am Kurplatz, mit Häubchen im Haar und weißen Schürzen. Sie verkauften Butter, Zucker, Mehl – und Drogen. So stand es über dem Regal mit Baldriantropfen, Zahnpasta und Florena-Creme. Drogeriewaren.

Die Ansichtskarte von 1911 zeigt den Laden am Kurplatz in Oberbärenburg, den Anne-Kristin Kühnel heute betreibt. Er hat inzwischen einen Anbau. Auch das Sortiment hat sich verändert.
Die Ansichtskarte von 1911 zeigt den Laden am Kurplatz in Oberbärenburg, den Anne-Kristin Kühnel heute betreibt. Er hat inzwischen einen Anbau. Auch das Sortiment hat sich verändert. © Repro/Matthias Rietzschel

Die gelb und grün gestrichenen Regale gibt es noch. Jetzt wohnen kunstvolle Holzmännel drin. In der DDR hätte man sonst was dafür gegeben. Im Frühjahr räumt die Chefin die Osterhasen nach oben. Die beiden älteren Paare in Karohemden, die kurz nach zehn in den Laden kommen, suchen keine Geschenke. Später vielleicht. Zuerst brauchen sie eine Wanderkarte. Frau Kühnel faltet verschiedene Karten auf, empfiehlt Ausflugsziele wie Frauenstein und Geisingbaude und erklärt die Kleinbahn.

Sie spielt Tourismusbüro, denn das Tourismusbüro schräg gegenüber ist seit Langem geschlossen. Ein Schild im Fenster nennt Oberbärenburg 2017 als Sieger im Kreiswettbewerb und behauptet: „Unser Dorf hat Zukunft“. Es klingt wie Pfeifen im Wald. Selbst in der Ferienzeit wirkt die Gästezahl überschaubar. Man läuft immer denselben Leuten über den Weg und nickt einander verschwörerisch zu. Als die Wanderfreunde den Laden verlassen, läutet die Türglocke, fast wie Big Ben in London.

Die verblichene Schrift über der Tür erinnert daran, dass Max Wilhelm Holfert den Laden 1897 eröffnete. Sein Slogan geht als Beispiel für konkrete Poesie durch: „Ob man nah wohnt oder fern, bei Holfert kauft man immer gern.“ Ein zweites Geschäft betrieb er in Kipsdorf. Auf einem Kassenzettel aus den Zwanzigerjahren steht: „Kolonialwaren und Delikatessen“. Der Name hielt länger als die Kolonien. Der Großmachttraum schrumpfte im Osterzgebirge schnell auf alltagstaugliche Maße. Max Holfert verkaufte Kohlen, schlachtete Karpfen, entwickelte Filme, vermietete Autos und tankte an seinen eigenen Zapfsäulen. Eine stand vorm Laden in Oberbärenburg.

„Noch heute erzählen Einheimische ehrfurchtsvoll von seinen Leistungen“, sagt Anne-Kristin Kühnel. Sie erinnert sich, wie sie als Kind nach der Schule half, wenn Fassbier aus dem VEB Dresdner Brauereien in Flaschen mit Bügelverschluss umgefüllt wurde. Sie säuberte die Flaschen und klebte Etiketten auf. „Ich habe eigentlich immer gearbeitet“, sagt sie. „Immer.“ Und nach einer Pause: „Um mich selbst hab ich mich nie gekümmert.“

Jeden Morgen fährt sie nach Altenberg und kauft Zeitungen, weil der Zeitungsvertrieb den Oberbärenburger Laden nicht beliefert. Es rechnet sich nicht. Es rechnet sich auch für sie nicht. Aber Urlauber brauchen doch was zu lesen, meint sie. Im Eingang der Bergkapelle stehen ein paar Bücher zum Ausleihen. Mancher DDR-Autor lebt auf dem Brett wieder auf.

Sie kennt jeden Pyramidenhersteller

Ein Junge, der mit seinen Großeltern im Laden steht, sucht das neue Micky-Maus-Heft. Anne-Kristin Kühnel will es ihm am nächsten Tag mitbringen. Die Großeltern betrachten inzwischen die Pyramiden, auf denen sich Heilige und Holzweiblein drehen können. Sie kommen nie voran. Max Holfert hätte das als Sinnbild für Bürokratie genommen. „Die Bürokratie war ihm verhasst“, sagt Anne-Kristin Kühnel.

Sie kennt jeden Pyramidenhersteller. Sie weiß, wer Augen noch mit der Hand aufmalt, weil das die Ausdruckskraft eines Schneemanngesichts verstärkt. Das können Schneemänner gut gebrauchen. Sie kennt das alte Ehepaar, das immer noch drechselt, weil es sonst nicht wüsste, wohin mit dem Holz. Sie hat ein Gespür dafür, mit wem sich gut verhandeln lässt und wer lieber mit Samthandschuhen angefasst werden will. In der DDR verkaufte ihr Laden schwarze Krimmer-Handschuhe, Kräuselstoff mit Ledereinsatz. Frau Kühnel hat ein gutes Gedächtnis.

Manchmal, sagt sie, fühlt sie sich wie eine Mutter, die ihr Kind ausfährt. „Alle sehen nur das süße Kind, aber nicht die Arbeit dahinter.“ Selten kommt sie vor Mitternacht ins Bett.

Zweimal im Jahr fährt sie nach Leipzig zur Fachmesse für Wohn- und Geschenkartikel. Dann schlägt die Stunde der Wahrheit: Was ist Kitsch und was ist Kunst? Stellt sie das in den Laden, was ihr gefällt, oder das, was die Kunden wünschen? Und was wünschen sie? „Im Geschäft ist es wie bei der Notfallaufnahme. Ein Arzt weiß auch nie, wer als Nächstes kommt.“

„Diese Ruhe, das ist es“

Es ist eine Familie mit einem kleinen Mädchen. Die Mutter möchte einen Breitmaulfrosch, der mit übereinandergeschlagenen Beinen im Gras liegt. Das Mädchen hütet ein weißes Einhorn aus Plüsch. Hoffentlich vertragen sie sich, das Horn und der Frosch. Der Urlaub fängt gerade erst an, sagt die Mutter. Der Vater sagt nichts. Offenbar toleriert er grinsende grüne Keramik. Anne-Kristin Kühnel empfiehlt den Aussichtsturm, der seit 15 Jahren am Rand des Konzertplatzes steht. Bei gutem Wetter sieht man bis in die Sächsische Schweiz. Die Wiese ist frisch gemäht. Ende August spielen dort die Schmiedeberger Musikanten. So lange kann die Familie nicht bleiben. Drei Eistüten aus der Kühltruhe gehen noch mit. Die Türglocke läutet.

Dann passiert eine Weile nichts. Gar nichts. „Diese Ruhe, das ist es“, sagt Anne-Kristin Kühnel. „Danach habe ich mich immer gesehnt. Es war ja doch ein entbehrungsreiches Leben. Immer im Laufrad.“ Sie erzählt vom Studium in Freiberg, Metallurgie und Werkstofftechnik, und wie sie als Technologin im Bergbau- und Hüttenkombinat gearbeitet hat. Sie bekam zwei Kinder. Dann fällt der Satz, der für jeden in ihrem Alter und in dieser Gegend gilt. „1989 wurde alles anders.“ Das Kombinat wurde zerschlagen. Sie fand eine neue Firma, eine zweite, wurde nie wirklich arbeitslos, hatte immer mit Metall zu tun, „das war ein Glücksfall, denn ich wollte mich ja nicht rückwärtsqualifizieren“. Das Unternehmen, in dem sie zuletzt beschäftigt war, führte ein strenges Regime, setzte auf äußerste Disziplin. „Da war ich fünfzehn Jahre und keinen Tag krank.“ Das Gruppenfoto zum Abschied zeigt sie mit ihren Kollegen in blauen Uniformen im Büro.

Fast täglich fuhr sie nach Oberbärenburg, vierzig Kilometer hin und vierzig zurück. „Der Beruf war meine Sicherheit.“ Ihre Mutter kümmerte sich um den Laden. „Sie war eine emanzipierte Frau, fuhr begeistert Ski und besaß schon mit 17 die Fahrerlaubnis. Sie wehrte alle Versuche in der DDR ab, das Geschäft zu verstaatlichen. Noch mit 94 stand sie hinter der Ladentheke.“ Anne-Kristin Kühnel erzählt, dass sie die Mutter pflegte, so wie sie ihren schwer kranken Mann gepflegt hat, bis er starb.

Manche Mode hält ewig

Jetzt steht sie selbst hinter der Theke. „Das hat eine Aura. Sonst würd ich’s nicht machen.“ Sie verkauft zwei Wanderern zwei Flaschen Wasser. Einer verlangt Stocknägel. Manche Mode hält ewig. Der andere steht unschlüssig vor den Ansichtskarten. „Wir müssen erst mal was erleben“, sagt er, „bevor wir was schreiben können.“ Das hätte ein Thomas Mann nicht treffender sagen können.

Im Winter bietet „Holferts Erzgebirgseck“ auch Glühwein an. Die Erlaubnis dafür kostet zwanzig Euro. In einem Körbchen liegt eine Urlaubernotration: Waffeln und Keks. Denn auch der Konsum ist längst geschlossen. Der flache Bau steht leer. Der Eigentümer hofft wohl auf einen unerhörten Aufschwung auf dem Oberbärenburger Immobilienmarkt. Es sieht gerade nicht danach aus. Das ehemalige Ferienheim Margaretenwiese wuchert zu. Ein Stück weiter steht ein Verkaufsschild im Fenster.

Nur das Häuschen gegenüber am Kurplatz wurde vor einigen Jahren frisch bezogen. Die Verwaltung gab grünes Licht für einen zweiten Geschenkeladen. Nichts braucht der Ort dringender. Bald kann die Zahl der Schwibbögen mit der Zahl der Einwohner mithalten. Notfalls, sagt Frau Kühnel, isst sie die Kekse selbst.

„Es ist nicht toll, wenn man nichts verkauft. Im Gegenteil, es ist sehr entmutigend. Leben kann man von dem Laden nicht. Zum Glück hab ich die Rente.“ Das Geschäft in Kipsdorf öffnet nur zu besonderen Anlässen. In Oberbärenburg hat sie stundenweise einen Helfer. Es ist ein Kunststück, für jede Figur den passenden Karton zu finden. Jede Ecke steht voll damit.

Ein Zehnjähriger kommt mit den Eltern und wünscht sich eine Wackelfigur. Die Chefin holt vier, fünf Stück mit konvexem Boden aus der Vitrine. Der Junge entscheidet sich für einen rauchenden Pilz. Es ist vielleicht nicht pädagogisch wertvoll, aber so zeitlos wie all die Mäuse, Schnecken und Eulen, die der Laden im Winter wie im Sommer beherbergt. In den Regalen steht die schöne Zutat. Das Extra.

Nebenbei ist der Laden ein Ort für Sozialstudien. Die Chefin registriert, ob Kunden grüßen oder nicht. Ob sie mürrisch reagieren, weil ihnen die Auswahl zwischen dreißig Räuchermännern noch nicht genügt. Ob sie sich für den Osten interessieren oder den Herrnhuter Stern für ein Relikt des Sozialismus halten. „Das ist wirklich passiert“, sagt sie. Mit einem Rasierpinsel fährt sie über Katz und Maus und Weihnachtsmann. „Man kann sich nicht hinsetzen. Dann wird nichts.“ Das Staubmanagement sieht nach Albtraum aus.

Frau Kühnel will die Räume im Obergeschoss als Ferienwohnung aufhübschen, die Ladenfenster streichen, Fußwegplatten verlegen. Aber zunächst muss sie sich um den Hund der Tochterfamilie kümmern, die in den Urlaub fährt. Sie wird bei ihm übernachten. Dann fühlt er sich wohler.