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Leben im Hochwasserknick

An der Windmühlenstraße macht die Lockwitz eine Wende. Das gefährdet die Grundstücke. Die Anwohner helfen sich selbst.

© André Wirsig

Von Annechristin Kleppisch

Ein großer Haufen Mutterboden liegt neben der Einfahrt zum Grundstück von Jürgen Meffert. Daneben ist Kies aufgeschüttet. „Die Stadt hat uns beides in der letzten Woche geliefert“, sagt der 60-Jährige. Er will die Erde jetzt auf dem Grünstreifen neben der Einfahrt verteilen. Mit dem Kies befestigt er seine Zufahrt. Dann ist der letzte Schaden vom Hochwasser 2013 auf seinem Grundstück beseitigt.

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Zufrieden ist der selbstständige Schornsteinbauer trotzdem nicht. „Die Unsicherheit bleibt“, sagt er. Bei jedem Starkregen macht er sich Sorgen, wie hoch das Wasser steigen wird. Haus und Betrieb stehen direkt an der Lockwitz. Hier macht der Fluss einen großen Knick und fließt im 90-Grad-Winkel weiter. Kommt viel Wasser an der Stelle entlang, schießen die Fluten schnell über die Ufer. Mit der Gefahr leben die Menschen an der Stelle seit Jahren.

2013 wurde aus der Gefahr das letzte Mal Ernst. Innerhalb weniger Stunden trat die Lockwitz über die Ufer und floss die Windmühlenstraße bis in die Reisstraße hinunter. Der Knick ist die erste Stelle im Dresdner Stadtgebiet überhaupt, an der die Lockwitz ihr Bett verlässt. Vergeblich versuchte Jürgen Meffert damals, das Unglück abzuwenden. 50 Zentimeter hoch stieg das Wasser in seinem Grundstück. Wochenlang hat die Familie danach den Schlamm entfernt. Noch heute laufen im Keller die Entfeuchter.

„Wir können uns nur selbst helfen“, sagt der Niedersedlitzer. In seinem Hof liegt ein großer Sandhaufen. Dazu hat er Säcke gelagert. Damit will sich Jürgen Meffert im Ernstfall schützen. „1 000 Säcke brauche ich. Dann müsste es passen“, sagt er. Mit der Situation hat er sich abgefunden. „Doch, was ist, wenn wir älter werden und uns nicht mehr selbst helfen können“, sagt er.

Denn ein Umbau oder Umleiten der Lockwitz an der Stelle ist schwer. Die Ufer sind dicht bebaut. Ausweichflächen gibt es nicht. Bauexpertin Anja Förster von der Landestalsperrenverwaltung (LTV) spricht von erhöhten oder komplett neu gebauten Ufermauern. Mindestens sechs Jahre würde es dauern, um Maßnahmen zu planen.

Jahrelanges Warten auf eine Lösung

Das muss nicht nur geplant, sondern auch mit Anwohnern und der Stadt abgestimmt werden. Grundstückseigentümer müssten unter Umständen auf Land an der Lockwitz verzichten. Und Sachsen muss Geld für den Umbau bereitstellen. Wie viel, das lässt Anja Förster offen. Auf jeden Fall wird es an der Stelle bei einem 25-jährlichen Hochwasser gefährlich, sagt sie. Für diesen Fall müsste der Fluss gesichert werden. Das hat die LTV in den Hochwasserschutzplänen vermerkt.

Bis dahin kann die Behörde nur im Flussbett etwas machen. Der angespülte Dreck wurde entfernt und das Flussbett vertieft. „Das ist schon in Ordnung so“, sagt Jürgen Meffert. Er beschwert sich nicht.

Gegenüber von seinem Grundstück wohnt Dieter Pillack. Der Lockwitzbach trennt die Nachbarn. Pillacks Grundstück ist eins der 21 in der Randsiedlung. Auch die sind teilweise von dem Fluss bedroht. Dieter Pillack hat eine andere Idee, wie die Situation an der Stelle entschärft werden kann. „In den Kleingärten gibt es zu viele hohe Zäune“, sagt er. Bei Hochwasser bleiben darin Gestrüpp und Unrat hängen. „Das ist dann wie eine Wand, die das Wasser nicht mehr durchlässt“, sagt er. Statt der Zäune würde er lieber kleine Hecken in den Gärten sehen. „Dann hätte das Wasser genug Fläche, um sich auszubreiten, bevor es im Knick über die Ufer schießt.“

Jürgen Meffert winkt bei solchen Vorschlägen ab. „Dann beschweren sich die Kleingärtner wieder. Schließlich will niemand das Wasser haben“, sagt er. Theoretisch könnte auch er seine Ufer so weit erhöhen, dass kein Wasser mehr zu ihm läuft. Das bekommen dann aber die Niedersedlitzer weiter unten am Fluss ab. Gern spricht der Schornsteinbauer nicht darüber. Der Unmut unter den Anwohnern ist groß. Niemand will wieder einen Schaden wie 2013 haben. Jeder schaut auf jeden. Jede neue Mauer könnte an anderer Stelle Schaden bringen. „Aber irgendwie müssen wir doch damit umgehen“, sagt er.