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Wenn die Rollstuhlfahrt gefährlich wird

Hohe Bordsteine, Treppen zu Arztpraxen und fehlende Fahrstühle sind problematisch. Wo bleibt die Barrierefreiheit?

Von Andrea Schawe

Wer in Potschappel mit einem Rollstuhl unterwegs ist, kann schon mal verzweifeln. Oder sich zumindest wundern. „Warum wird nicht auf Barrierefreiheit geachtet?“, fragt sich auch Andreas Kieback. Der 57-Jährige ist krank, er leidet an Muskelschwund. Mit seinem motorisierten Rollstuhl ist er in der Stadt unterwegs und berichtet aus seinem Alltag.

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Problem 1: Hohe Bordsteine und Umwege für Rollstuhlfahrer

„Wer auf der Wilsdruffer Straße die Fahrbahn überqueren will, braucht Ausdauer“, sagt Kieback. Der Fußgängerübergang in Höhe des Kauflandes ist für Rollstuhlfahrer schwierig. Mit immer noch 5,5 Zentimetern sind die Kanten nur drei Zentimeter tiefer als der normale Bordstein. Eigentlich liegt die Norm bei drei Zentimetern. „Mit einem Rollstuhl hat man hier Probleme“, sagt der gelernte Orthopädieschuhmacher. Selbst mit der motorisierten Variante bleibt er an der Kante hängen und muss zurück auf die Straße, um neuen Schwung zu holen. „Bei dem dichten Verkehr ist das gefährlich.“ Doch viele Alternativen haben Rollstuhlfahrer an der Wilsdruffer Straße nicht. Denn abgesenkte Bordsteine gibt es nur etwa alle 400 Meter. Während Fußgänger einfach die Straße überqueren, müssten Rollstuhlfahrer sich genau überlegen, wo sie hinmöchten, um nicht unnötig Umwege in Kauf zu nehmen.

Die Situation auf der Dresdner Straße ist nicht besser. Die Hauptverkehrsstraße wurde erst in diesem Jahr saniert. Mehrere Inseln sollen die Geschwindigkeit der Autofahrer drosseln. Das Problem: Damit wurden zusätzliche Barrieren geschaffen. Rollstuhlfahrer müssen jetzt auch die Bordsteine der Verkehrsinseln überwinden, wo vorher nur Asphalt war. „Aber jede Art von Unterbrechung schafft Unruhe“, sagt der Potschappler. Die Kanten helfen blinden- und sehbehinderten Menschen zwar bei der Orientierung. An vielen Übergängen wurden dafür aber extra Lamellen, ein sogenannter Blindenübergang, in den Fußweg gebaut. Dass es auch anders geht, zeigt der neue Übergang am Goldenen Löwen. Der asphaltierte Gehweg und die Fahrbahn sind für Rollstuhlfahrer kein Problem. „Das ist vorbildlich“, meint Kieback. „Warum baut die Stadt das nicht überall so?“

Problem 2: Behindertengerechte Zugänge fehlen

Für einen Rollstuhlfahrer kann ein Besuch in einer Arztpraxis in Freital schon zum Problem werden. „Mit fällt keine Praxis ein, die barrierefrei zugänglich ist“, sagt Kieback. Fast alle könnten nur über Treppen erreicht werden. Dabei muss die Praxis nicht mal im Obergeschoss liegen. „Es ist egal, ob es zwei oder 20 Stufen sind“, sagt der 57-Jährige. Für einen Rollstuhlfahrer ist beides ohne Hilfe unüberwindbar. Dabei ist ein selbstbestimmtes Leben wichtig. „Ich kann nicht immer jemanden um Hilfe bitten“, sagt Kieback. „Die Pflegekräfte sind auch nicht 24 Stunden am Tag verfügbar.“ Genauso sieht es mit einem Einkaufsbummel in den Läden auf der Dresdner Straße aus. Fast alle Geschäfte seien von der Straße nur über Stufen zu erreichen. „Nur bei wenigen gibt es barrierefreien Zugang.“

Problem 3: Von Sport- und Kulturstätten ausgeschlossen

Seit die Windbergarena abgerissen wurde, seien die Kulturangebote für Rollstuhlfahrer eingeschränkt. „Die Arena war ebenerdig, das war perfekt“, erzählt Kieback. Jetzt sei es gehbehinderten Menschen fast nicht möglich, Veranstaltungen zu besuchen. Der Zugang zum Kulturhaus auf der Lutherstraße ist mit dem motorisierten Rollstuhl dagegen schwierig. Meistens passt der Wagen nicht in die Fahrstühle, er ist mit 1,30 Metern zu lang.

Auch die Situation in der Schwimmhalle ist nicht optimal. „Es gibt zwar einen Zugang für Rollstuhlfahrer“, sagt Kieback. Allerdings sei der Weg von der Rezeption zum Schwimmbereich sehr eng und allein nicht zu bewältigen. „Den Nassbereich darf ich mit meinem Rollstuhl gar nicht befahren“, sagt er. Die Schwimmhalle stellt einen eigenen zur Verfügung. „Den Rollstuhl zu wechseln, ist aber schwierig.“